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Erschienen in der HARKE am Sonntag vom 19.01.2014

Rubrik: Lokalnachrichten

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Als Musikerin in der NS-Hölle

Esther Bejerano überlebte als Mitglied des Mädchenorchesters im KZ Auschwitz

Nienburg. Esther Bejarano überlebte das Konzentrationslager Auschwitz als Mitglied des von der SS zusammengestellten Mädchenorchesters. Die in Ulm aufgewachsene Jüdin hat mehr Leid erfahren, als ein junger Mensch eigentlich ertragen kann. Außer Anita Lasker-Wallfisch ist sie die einzige Überlebende des Orchesters. Heute tritt sie unermüdlich in Musikveranstaltungen gegen Rechts auf, um die damaligen Geschehnisse nicht vergessen zu lassen.

„Die SS befahl uns, am Tor zu stehen und zu spielen, wenn neue Transporte kamen“, erinnert sich die Musikerin. „Die todgeweihten Menschen winkten uns zu. Sie dachten sicher, wo Musik gespielt wird, kann es nicht so schlimm sein.“ Die Taktik der SS war eines der Mittel, mit denen Widerstand gegen die Vernichtung im Todeslager Auschwitz-Birkenau vermieden werden sollte. Doch die Mädchen des Orchesters hatten keine andere Wahl. Musik in de NS-Hölle zu machen, so Esther Bejarano, war das einzige Mittel für sie, um zu überleben.

Die kaum Zwanzigjährige, 1924 in Saarlouis geboren, entstammte einer musikalischen Familie. Ihr Vater war Oberkantor der jüdischen Gemeinde. 1941 war Esther zunächst ins Zwangsarbeitslager Neuendorf verschleppt worden. Zwei Jahre später kam sie nach Auschwitz. Ihre Eltern und ihre Schwester Ruth wurden ermordet. Als in Birkenau das Mädchenorchester aufgestellt wurde, meldete Esther sich als Akkordeonspielerin, obwohl sie das Instrument nur wenige Male zuvor gespielt hatte. Ihre Fähigkeit, Klavier zu spielen, half ihr. Es gelang ihr, in das Orchester aufgenommen zu werden. Im Januar 1945 wurden die Mädchen mit anderen Häftlingen auf einen der Todesmärsche geschickt. Die anrückende Rote Armee sollte nichts von ihrem Leid erfahren. Esther gelang es zu fliehen. Später wanderte sie nach Palästina aus und kehrte erst 1960 nach Deutschland zurück. Hier engagiert sie sich seitdem für die Gedenkarbeit: „Wer, wenn nicht wir Betroffenen selbst, können wahrhaftig Zeugnis ablegen über die Verbrechen, die damals an Millionen unschuldigen Menschen begangen wurden“, meint die Neunzigjährige.

Zwei Bücher hat Esther Bejarano geschrieben. Aus ihrem jüngsten, 2013 in Hamburg erschienenen – „Erinnerungen. Vom Mädchenorchester in Auschwitz zur Rap-Band gegen Rechts“ – liest sie beim diesjährigen Forum des Gedenkens. Mit Rücksicht auf die Anreise der Zeitzeugin aus Hamburg findet das Forum am Montag, dem 27. Januar, erst ab 12 Uhr statt, wie immer im Ratssaal des Nienburger Rathauses. Motto der Lesung: Wir leben trotzdem! Alle Nienburgerinnen und Nienburger, besonders die Jugendlichen, sind herzlich eingeladen. DH

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