Heemsen

Gedenkstätte nimmt Formen an

Mithilfe einer stilisierten Sterbelager-Baracke soll an das Schicksal von 740 toten Kriegsgefangenen erinnert werden

Mitarbeiter einer Garten- und Landschaftsbaufirma waren am
Donnerstag damit beschäftigt, die letzten Rasengittersteine zu
verlegen.
Mit­ar­bei­ter ei­ner Gar­ten- und Land­schafts­bau­firma wa­ren am Don­ners­tag da­mit be­schäf­tigt, die letz­ten Ra­sen­git­ter­steine zu ver­le­gen.Foto: Hagebölling
Am Tag davor trafen sich Dieter Lichtblau, Jochen Blask und Hans-Jürgen Sonnenberg vom Arbeitskreis „Dokumentation“ (von links) sowie Friedrich-Wilhelm Koop (Mitte) und Manfred Schulz (rechts) mit der HARKE am Sonntag im strömenden Regen an der Dokumentationsstelle unweit der Heemser Mühle zu einem
Ortstermin.
Am Tag da­vor tra­fen sich Die­ter Licht­blau, Jo­chen Blask und Hans-Jür­gen Son­nen­berg vom Ar­beits­kreis „Do­ku­men­ta­tion“ (von links) so­wie Fried­rich-Wil­helm Koop (Mit­te) und Man­fred Schulz (rechts) mit der HARKE am Sonn­tag im strö­men­den Re­gen an der Do­ku­men­ta­ti­ons­stelle un­weit der Heem­ser Mühle zu ei­nem Orts­ter­min.Foto: Hagebölling

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Erschienen in der HARKE am Sonntag vom 16.07.2017

Rubrik: Nienburg & Umgebung

Die Gedenkstätte zu Ehren der 740 russischen Kriegsgefangenen, die während des Zweiten Weltkriegs in Heemsen in einem Sterbelager qualvoll gestorben sind und anschließend am Ortsrand in Massengräbern verscharrt wurden, nimmt Formen an. Zurzeit sind die Mitarbeiter einer Garten- und Landschaftsbaufirma aus Holtorf dabei, die letzten Rasengittersteine zu verlegen.

Im Anschluss werden weitere – für Russland typische – Birken gepflanzt. Zudem gilt es, das angrenzende Gräberfeld mit einem neuen Staketenzaun zu versehen und die Freifläche im Bereich Dokumentationsstätte – Gräberfeld zu begrünen. Die zentrale Einweihung ist für den November vorgesehen. Möglicherweise am Volkstrauertag. „Doch das sind bisher nur Ideen. Abgestimmt ist in dieser Hinsicht noch nichts“, betont Heemsens Samtgemeindebürgermeister Friedrich-Wilhelm Koop am Mittwochmorgen bei einem Ortstermin.

Ebenfalls anwesend waren für den Arbeitskreis Dokumentation der Hobbyhistoriker Hans-Jürgen Sonnenberg aus Langendamm, Heemsens langjähriger Pastor Dieter Lichtblau und Jochen Blask aus Drakenburg sowie der Fliesenlegermeister Manfred Schulz aus Haßbergen. Letzterer konnte von Fietze Koop dafür gewonnen werden, die insgesamt 740 Tontafeln mit den Namen der toten sowjetischen Kriegsgefangenen fachmännisch an den Stelen anzubringen. Letztere sind ein wichtiger Bestandteil der Dokumentationsstätte.

Ein weiterer wichtiger Bestandteil dessen, was zurzeit am Ortsrand von Heemsen unweit der Mühle entsteht und kreisweit seinesgleichen sucht, sind die insgesamt acht Informationstafeln, die in den nächsten Wochen errichtet werden sollen. Sie informieren über all das, was die Nationalsozialisten in Heemsen angerichtet haben, zeigen auf, wie aus der Ansammlung von Massengräbern eine Kriegsgräberstätte wurde, geben Zeitzeugenberichte wieder und zeichnen den Weg eines Gefangenen nach, der im Zweiten Weltkrieg nach einer erbarmungswürdigen Odyssee am Ortsrand von Heemsen unter fragwürdigsten Bedingungen sein tragisches Ende gefunden hat.

Mit dem Bau der Dokumentationsstelle geht besonders für Dieter Lichtblau ein großer Wunsch in Erfüllung. Heemsens langjähriger Pastor ist trotz vieler Widerstände nie müde geworden, die Kriegsgräberstätte immer wieder in das Bewusstsein der Bevölkerung zu rücken. Mit Beginn der Partnerschaften von Stadt, Landkreis und Kirchenkreis Nienburg mit der Stadt, der russisch-orthodoxen Kirche und der jüdischen Gemeinde von Witebsk im Jahre 1989 wurde der „Russenfriedhof“ in Heemsen dank Lichtblau auch offiziell zu einem Ort der Begegnung und Versöhnung. Seither fanden immer wieder Gedenkfeiern oder Gottesdienste mit Besuchergruppen aus Witebsk statt. Gäste waren unter anderem Politiker, Priester, Künstler, Schüler, Vertreter der jüdischen Gemeinde, der russisch-orthodoxe Chor oder der stellvertretende Botschafter Weißrusslands.

Nicht unwesentlich um die Gedenkstätte verdient gemacht hat sich außerdem Hans-Jürgen Sonnenberg. Angetrieben von dem Wunsch, den toten sowjetischen Soldaten ihre Identität zurückzugeben, hat der Langendammer in ungezählten Stunden in zahlreichen Archiven geforscht, um etwas mehr Licht in das Dunkel um die Kriegsgräberstätte zu bringen. „Dass wir jetzt genau wissen, wer die 740 Männer sind, die in Heemsen verscharrt wurden, haben wir nur dem Umstand zu verdanken, dass Russland nach dem Fall der Mauer seine Archive geöffnet hat“, so Sonnenberg.

Öffentlich gemacht werden die Namen mithilfe von 740 handgearbeiteten Tontafeln, von denen 660 bereits fertig sind. Die ersten, auf der Kriegsgräberstätte bereits ausgestellten Tafeln, entstanden während eines internationalen Jugendcamps, zu dem der Volksbund Deutsche Kriegsgräberfürsorge vor Jahren nach Heemsen eingeladen hatte. Im weiteren Verlauf übernahmen der Jugendtreff, Schüler der Oberschule Heemsen und zuletzt der Männerkreis der Kirchengemeinde die mühselige Aufgabe, die Daten der Toten in die Tontafeln zu ritzen.

Die Gedenkstätte selbst – der stilisierte Nachbau einer Sterbelager-Baracke – entstand nach den Vorgaben des Arbeitskreises, nachdem dieser die Gedenkstätte Lager Sandbostel besucht hatte.

Finanziert wird der Bau – veranschlagt sind 70 000 Euro – nach Auskunft von Fietze Koop aus Mitteln, die ausschließlich für diesen Ort der Mahnung verwendet werden dürfen.

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