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Erschienen in der HARKE von Samstag, dem 14.04.2018 auf Seite 31

Rubrik: Lokalsport

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Die anstehende  
Mitgliederversammlung,  
Stimmungsboykott der 
Ultras und 50+1: 
Klubchef Martin Kind  
bittet DIE HARKE zum 
Gespräch über die aktuell 
heißesten 96-Themen.
96-Präsident Martin Kind (rechts) nahm sich 
Zeit für die Fragen von HARKE-Redakteur 
Philipp Keßler.

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Fußball

„Wir brauchen auf den Rängen klare Spielregeln“

Die anstehende Mitgliederversammlung, Stimmungsboykott der Ultras und 50+1: Klubchef Martin Kind bittet DIE HARKE zum Gespräch über die aktuell heißesten 96-Themen

Die anstehende  
Mitgliederversammlung,  
Stimmungsboykott der 
Ultras und 50+1: 
Klubchef Martin Kind  
bittet DIE HARKE zum 
Gespräch über die aktuell 
heißesten 96-Themen.
Die anstehende Mitgliederversammlung, Stimmungsboykott der Ultras und 50+1: Klubchef Martin Kind bittet DIE HARKE zum Gespräch über die aktuell heißesten 96-Themen.Foto: Keßler

Hannover. „Eine Zustimmung dieses Antrages käme dem Ende von 96 e.V. in der bestehenden Form gleich“, bewertete 96-Präsident Martin Kind einen zur anstehenden Jahreshauptversammlung eingereichten Satzungsänderungsantrag.

Am Donnerstag, 19. April, lädt Hannover 96 in die Swiss Life Hall zur Mitgliederversammlung ein. Obwohl in diesem Jahr keine Wahlen anstehen, lohnt sich dennoch ein genauerer Blick auf die Tagesordnung. Im Vorfeld hat Kind DIE HARKE zum Gespräch eingeladen und stand Rede und Antwort zu aktuellen Fragen und Themen.

Im Gespräch erhielt man den Eindruck, der 96-Boss schwelge gar in Vorfreude auf das anstehende Ereignis. „Die letzte Versammlung war Hannover 96 unangemessen. Obwohl wir 5.800 stimmberechtigte Mitglieder haben, waren lediglich 250 da und viele sind nach den wichtigsten Abstimmungen bereits frühzeitig gegangen. Daraus haben wir gelernt und das Format verändert: Es wird zum Beispiel zwischendurch kleine Filme geben, der 96-Sportler des Jahres wird erstmals gekürt oder auch das Vereinslied gesungen.“

Hannover 96 hat 16 verschiedene Abteilungen, die während der Versammlung in den Vordergrund gestellt werden: Profifußballer stellen die Sparten vor. „Wir haben engagierte Abteilungen, deren Leistungen gewürdigt werden sollen. Der vielfältige Breitensport zeichnet Hannover aus und trägt die Marke 96 positiv in alle Welt.“

Ich habe im Vorfeld mit weitaus dramatischeren Anträgen gerechnet.

Eine ausgelassene Stimmung wie beim Kindergeburtstag dürfte am Donnerstag dennoch nicht aufkommen. Zwar hätte Kind mit weitaus dramatischeren Anträgen gerechnet, aber besonders der eingangs erwähnte eingereichte Satzungsänderungsantrag vermiest ihm die Vorfreude.

In diesem Schreiben wird gefordert, die Statuten des Vereins grundlegend zu verändern, den Vereinsvorstand an die Entscheidungen der Mitgliederversammlung zu binden. In der Begründung heißt es: „In der letzten Versammlung haben die Mitglieder einen Beschluss gefasst, der im Anschluss zu einem oder mehreren Gerichtsverfahren geführt hat. Dort wurde entschieden, dass Beschlüsse der Mitgliederversammlung für den Vorstand nicht bindend sind.

Mit diesem Antrag soll klargestellt werden, dass sich der Hannoversche Sportverein von 1896 im Einklang mit den übergeordneten Verbänden zu demokratischen Grundsätzen bekennt und die Entscheidungskompetenz bei den Mitgliedern liegt. Damit soll auch gegenüber den Medien das Signal gesandt werden, dass in unserem Verein keine ,Diktatur‘ vorherrscht.“

Kinds Antwort darauf ist deutlich: „Wir nehmen den Antrag zur Kenntnis, aber nicht ernst. Der Vorstand würde entmündigt werden. Es ist fraglich, ob das Vereinsrecht eine derartige Satzungsänderung überhaupt zuließe. Es wäre definitiv das Ende der Struktur 96.“ Für einen positiven Beschluss wird am Donnerstag eine Zweidrittelmehrheit notwendig sein, die laut Kind sehr unrealistisch sei. „Wir rechnen mit rund 1.500 Mitgliedern, da wird es glücklicherweise schwer, eine deutliche Mehrheit für diesen Antrag zu bekommen.“

Für eine Entspannung im konfliktbehafteten Verhältnis zwischen den Ultras und dem Vereinschef dürfte die mögliche Antragsablehnung nicht sorgen. Seit einigen Monaten demonstriert diese Fangrupperung mit einem Stimmungsboykott gegen die Übernahme der Mehrheit in der Management GmbH durch Martin Kind. Dessen Antrag für eine Ausnahmegenehmigung von der 50+1-Regel bei der Deutschen Fußball-Liga bleibt derzeit auf ruhend gestellt. Genaue Gründe nennt er hierfür nach wie vor nicht.

Die Mitgliederversammlung der DFL stimmte am 22. März dafür, dass ein Prozess zur Modifikation der 50+1-Regel in Gang geschoben werden soll. Die Zeit läuft also scheinbar für Martin Kind. „Vorhandene oder mögliche Neuinvestoren, die es gibt, erhöhen das Kapital nur, wenn sie auch die Geschäftsführung berufen. Wenn das klappt, wird sicherlich auch mehr Geld bei 96 für Spielertransfers zur Verfügung stehen.“

Eine Ausnahmeregelung wird laut einem Schiedsgerichtsurteil vom 30. August 2011 nur für Geldgeber erteilt, die den Fußballsport im Verein seit mehr als 20 Jahren ununterbrochen und erheblich gefördert haben. Das trifft bislang nur auf Mäzen Dietmar Hopp bei seiner TSG 1899 Hoffenheim zu. Bayer Leverkusen und der VfL Wolfsburg profitieren von einer Stichtagsregelung, wonach eine mehrheitliche Beteiligung eines Investors an der Fußballkapitalgesellschaft zulässig ist, wenn dieser den Verein vor dem 1. Januar 1999 ununterbrochen 20 Jahre lang gefördert hat. Auf beide Bundesligisten trifft dies zu, da Leverkusen dem Bayer- und Wolfsburg dem VW-Konzern jeweils zu 100 Prozent gehören.

Die Ultras benutzen die HDI-Arena als Plattform und schaden damit dem Team.

Die Frage, welchen finanziellen Spielraum das Kippen der 50+1-Regeln bei den Niedersachsen hätte, beantwortet Kind nur vage: „Hannover 96 ist nach finanzieller Betrachtung in der Bundesliga sehr weit unten angesiedelt. Ohne 50+1 könnte mit Kapitalerhöhungen die Handlungsfähigkeiten deutlich erhöht werden.“

Ebenso wie der Antrag wird auch die Unterstützung der Ultras in den nächsten Wochen ruhen. „Die Ultras benutzen die HDI-Arena als Plattform und schaden mit ihrem Verhalten nicht nur der Mannschaft, sondern auch den anderen Zuschauern. Das Heimspiel gegen Mönchengladbach war wirklich unappetitlich.“ Der 73-jährige spielt damit auf die gespaltene Stimmung innerhalb der 96-Anhänger an, die sich am 24. Februar bei der 0:1 Pleite gegen die Fohlen gegenseitig mit Gesängen attackierten: „Kind muss weg“, wehte es vom Oberrang der Nordtribüne, „Ultras raus“ von der Westkurve.

Im vergangenen Heimspiel gegen Bremen schwiegen die Ultras, der Rest des Stadions unterstützte die Mannschaft ab der ersten Minute und trieb sie zum verdienten Derbysieg. „Dieses Spiel hat gezeigt, dass die große Mehrheit im Stadion hinter dem Verein steht, Frieden in der Arena, gute Stimmung und ein attraktives Fußballspiel sehen möchte. Die Fans müssen sich natürlich erst organisieren, das ist ein längerer Prozess, aber gegen Werder hat es schon gut geklappt. Die Ultras sprechen von echter Liebe, entziehen diese dem Team aber für ein ganzes Jahr. Das passt in meinen Augen nicht zusammen.“

Vor wenigen Tagen fand eine Podiumsdiskussion der aktiven Fanszene in Hannover statt. Dort stellten sich Martin Kind, Vorstandsmitglied Uwe Krause und Manager Horst Heldt dem Fragenkatalog der Anhänger. Kind: „Die Veranstaltung war vom Fanbeirat gut organisiert und ohne jedwede Aggressionen. Hinterher sagte aber die Szene, es sei eine Alibi-Veranstaltung gewesen – eine Farce. Das ist für mich freundlich formuliert ungewöhnlich und überraschend.“ Einem offenen Dialog stehe Hannover 96 aber weiterhin offen gegenüber.

Wie geht es mit den Ultras weiter? „Wir haben noch zwei Heimspiele in dieser Saison vor uns, die werden wir auch überstehen. Danach muss es eine Lösung geben. Es wird Spielregeln geben und die müssen eingehalten werden – eine ganze Saison lang.“ An Spekulationen um diese Spielregeln wollte Kind sich nicht beteiligen. „Auf einer vernünftigen Basis werden wir weiterarbeiten, da wir ein Stadion brauchen, das geschlossen hinter der Mannschaft steht. Für die neue Saison ist Klarheit erforderlich. Dafür werden wir ergebnisoffen diskutieren und eine Lösung finden.“

Kein Leichtathlet will den ganzen Abend über Fußball und 50+1 diskutieren.

Auf der formalen Tagesordnung der anstehenden Mitgliederversammlung findet sich die Ultra-Problematik nicht wieder; anklingen wird sie aber mit Sicherheit an mehreren Stellen – gewollt oder ungewollt. Freuen dürfen sich die Mitglieder somit nicht nur auf spannende Anträge und aktuelle Probleme, sondern eben auch auf das neue Format der Mitgliederversammlung. „Nach Außen gibt es nur ein 96. Mit Profibereich, Breitensport und den Amateuren.

Das wird auch am Donnerstag spürbar werden, denn kein Leichtathlet will den ganzen Abend über Fußball oder gar 50+1 diskutieren; die wollen ihre Leistung gewürdigt sehen und darauf haben sie auch einen Anspruch, denn sie machen es ehrenamtlich. Deswegen haben wir die Veranstaltung gut vorbereitet, besser als letztes Jahr, und wir freuen uns über alle, die sich auf den Weg in die Swiss Life Hall machen.“

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Bereits abgegebene Kommentare:
  • Ehler Plagge
    Ehler Plagge am 14.04.2018 um 00:05 UhrSchlimm, dass jetzt auch noch in der Harke dieser Unsinn von dem Herrn verbreitet wird. Ich hoffe, dass man auch den Leuten von Pro Verein eine Plattform bietet, damit sich jeder selbst ein Bild davon machen kann, ob an den Aussagen des Herrn Kind wirklich was dran ist.