Arbeitsagenturchef Christoph Tietje. Foto: Arbeitsagentur

Arbeitsagenturchef Christoph Tietje. Foto: Arbeitsagentur

Landkreis 31.03.2020 Von Die Harke

2900 Firmen planen Kurzarbeit

Arbeitsagenturchef Christoph Tietje zur Lage in der Region: Viele Branchen sind von Coronakrise betroffen

Die politischen Maßnahmen zur Eindämmung der Corona-Pandemie haben nach Mitteilung der Arbeitsagentur spürbare Auswirkungen auf die Wirtschaft und stellen Unternehmen vor große finanzielle Hürden.

„In vielen Bereichen steht die Produktion still und Geschäfte müssen schließen. Zeitgleich bleiben finanzielle Verpflichtungen bestehen, vor allem die Personalkosten müssen weiterhin vom Arbeitgeber getragen werden, ohne dass eine Arbeitsleistung erbracht werden kann.“

Um in dieser Situation einen größeren Anstieg von Arbeitslosigkeit zu vermeiden, werde von vielen Unternehmen, wie schon in der Finanz- und Wirtschaftskrise 2008/2009, versucht, mit Kurzarbeit die Beschäftigten im Unternehmen zu halten. Christoph Tietje, Vorsitzender der Geschäftsführung der Agentur für Arbeit Nienburg-Verden, äußert sich dazu.

Wie viele Unternehmen haben im Bezirk der Agentur für Arbeit Nienburg-Verden Kurzarbeit angezeigt?

Bereits seit Anfang März konnten wir einen Anstieg der Anfragen nach Kurzarbeit feststellen. Zu diesem Zeitpunkt waren die Unternehmen aber eher indirekt von der Corona Krise betroffen. Zulieferer konnten die Waren nicht liefern oder Produkte aus dem Inland wurden nicht so stark nachgefragt, wie es sonst der Fall war.

Seit Mitte März ist die Anzahl der Anzeigen auf Kurzarbeit jedoch rasant gestiegen. Bis zum vergangenen Freitag sind 2900 Anzeigen von Unternehmen im Agenturbezirk aufgenommen worden und in die Bearbeitung gegangen. Diese Zahl bezieht sich auf alle drei Landkreise unseres Bezirks, also Diepholz, Nienburg und Verden.

Wie viele Personen sind denn von Kurzarbeit betroffen?

Dazu gibt es noch keine stabile Datenbasis. Aktuell haben wir nur die Anzahl der Betriebe, die Kurzarbeit angezeigt haben. Dahinter können kleinere Unternehmen mit wenigen Betroffenen stehen, gleichwohl aber auch Großunternehmen mit einer Vielzahl von Beschäftigten, die in Kurzarbeit geschickt werden müssen.

Wenn Betriebe Kurzarbeit planen, müssen sie zunächst eine Anzeige bei der Arbeitsagentur abgeben. Wer dann wie lange tatsächlich in einem Betrieb kurzgearbeitet hat, stellt sich erst im Nachhinein heraus. Es ist aber jetzt schon klar, dass die Anzahl der Kurzarbeiter erheblich höher ausfallen wird als in der Finanz- und Wirtschaftskrise vor zwölf Jahren.

Aus welchen Branchen kommt die Nachfrage nach Kurzarbeit?

Viele Branchen sind von Kurzarbeit betroffen: Das reicht vom Maschinenbau, wo die Lieferung von Teilen ausgeblieben ist und zusätzlich der Absatz fehlt, über das Transportwesen bis zur Hotellerie und der Gastronomie. Durch die Schließungen in der Gastronomie, Absagen von Veranstaltungen und Reisebeschränkungen, sind hier flächendeckend Unternehmen von den Folgen der Krise betroffen.

Oftmals gibt es in diesen Branchen Arbeitgeber und Unternehmen, die sich erstmals mit dem Thema Kurzarbeit auseinandersetzen müssen. Auch der stationäre Handel und kleine Geschäfte – abgesehen vom Lebensmitteleinzelhandel- sind nun in einer schwierigen wirtschaftlichen Situation und müssen auf Kurzarbeit zurückgreifen. Zusammenfassend gesagt trifft es in den letzten Wochen nahezu alle Branchen, und dabei sowohl Großunternehmen als auch das kleine Ladenlokal vor Ort.

Welche finanziellen Mittel stehen der Bundesagentur für Arbeit zur Verfügung?

Aufgrund der guten konjunkturellen Entwicklung in den letzten Jahren und einer klugen Vorsorgestrategie stehen der Bundesagentur für Arbeit Rücklagen in Höhe von 26 Milliarden Euro für die erwarteten deutlich höheren Ausgaben zur Verfügung. Alle Leistungsansprüche können bedient werden. Wir wollen damit einen Beitrag zur Sicherung des sozialen Friedens und der Wirtschaft in dieser schwierigen Lage leisten.

Wie können Sie denn intern der Antragsflut Herr werden, damit die Geldleistungen auch ausgezahlt werden?

Wir haben im ersten Schritt unsere telefonische Erreichbarkeit ausgebaut. Die Hotline für Arbeitgeber (0800 4 5555 20) ist personell verstärkt worden, um dem steigenden Beratungsbedarf gerecht werden zu können.

Kolleginnen und Kollegen wurden geschult, damit sie die Fragen der Arbeitgeber beantworten können und Hinweise zum Verfahren um das Kurzarbeitergeld geben können. Viele Arbeitgeber nutzen schon jetzt unsere EServices www.arbeitsagentur.de/eservices.

Viele Kolleginnen und Kollegen übernehmen in der aktuellen Situation auch neue Aufgaben und unterstützen dort, wo gerade besonders viel Arbeit anfällt, vor allem bei der Beratung von Arbeitgebern zum Thema Kurzarbeit. Dort arbeiten jetzt Kolleginnen und Kollegen aus dem gemeinsamen Arbeitgeber-Service von Arbeitsagentur und Jobcentern mit.

Sie haben schon Schulungen absolviert und sind voll im Einsatz. Und auch in die Bearbeitung der eingegangenen Anzeigen werden seit einer Woche 30 Kolleginnen und Kollegen aus anderen Bereichen gerade neu eingearbeitet. Sie stehen ab sofort zusätzlich für diese Aufgabe zur Verfügung.

Wir tun intern alles, um die Anträge schnell zu bearbeiten. Die aktuelle Situation ist eine große Herausforderung, bei der alle Kolleginnen und Kollegen sehr motiviert mitmachen. Ihnen möchte ich an dieser Stelle herzlich danken.

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Erstellt:
31. März 2020, 18:11 Uhr
Lesedauer:
ca. 3min 17sec

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