Das Publikumsinteresse war groß. Waldorfschule Bruchhausen-Vilsen

Das Publikumsinteresse war groß. Waldorfschule Bruchhausen-Vilsen

Bruchhausen-Vilsen 13.03.2017 Von Die Harke

„30 ist das neue 20“

Kinder-und Jugendpsychiater Hermann Peiffer sprach in der Freien Waldorfschule Bruchhausen-Vilsen über „Pubertät als Entwicklungsphase“

Sehr gut besucht war der Vortrag von Kinder- und Jugendpsychiater Hermann Peiffer in der [DATENBANK=368]Freien Waldorfschule Bruchhausen-Vilsen[/DATENBANK] zum Thema „Pubertät“. „Offenbar ist der Bedarf an Orientierung und Hilfestellung mindestens ebenso groß wie die Ratlosigkeit, die manche Eltern angesichts der ,Pubertätlichkeiten‘ (Eugen Roth) ihrer Heranwachsenden überfällt“, schreibt die Waldorfschule dazu. Von ihm seien aber keine Rezepte zu erwarten, ließ Peiffer sein Publikum gleich zu Beginn wissen. Dafür sei das Thema zu komplex und die jeweilige Entwicklung zu individuell. Pubertät hat sich nach Peiffers Auffassung extrem gedehnt: „Was vor 30 Jahren binnen weniger Jahre geschah, nimmt heute zum Leidwesen offenbar aller Beteiligten einen weit längeren Zeitraum in Anspruch. Es beginne früher, manchmal bereits mit elf Jahren oder noch davor, und es ende später. Peiffer verwendet auch deshalb den Begriff der Adoleszenz.“

Aus seiner Sicht ist 30 hier das neue 20, wenn es um Lebensjahre gehte. Eine soziale Reife werde neben der physischen und psychisch emotionalen Reife oft erst mit Ende 20 erreicht. Dabei sei die Wahrnehmung der Älteren, dass mit den Pubertierenden etwas nicht stimme, nicht neu, wie Peiffers Ausflug in die Geschichte zeigte: „Sumerer und Sokrates lasen ihrer Jugend bereits die Leviten, forderten mehr Respekt und Anerkennung. Mehr Verständnis dagegen zeigte Luther, der Jugend mit Most verglich: "Sie müsse vergären und überquellen.“ Richtig, sagte Peiffer, vielleicht entstehe so am Ende tatsächlich noch ein edler Wein, der ebenso wie Kinder, Zeit zum Reifen brauche.

Naturwissenschaftlich betrachtet seien es die Hormone, die die Pubertät einleiten und bestimmen. Androgene, Östrogene, Testosteron – aus dem Inneren des Zwischenhirns, dem Hypothalamus, kommen die Impulse zu ihrer Bildung in der Hypophyse. Und schnell würden nicht nur die Ergebnisse für alle sichtbar. Die Pubertierenden empfänden selbst starke körperliche Symptome. So hätten etwa auch 30 Prozent der Jungen Brustdrüsenwachstum und damit verbunden Schmerzen. 70 Prozent der Mädchen würden unter der allen bekannten Akne leiden, wie Peiffer berichtete.

Natürlich sei Pubertät keine Krankheit, „aber sie ist die für Krankheiten am meisten anfällige Phase des Lebens“, wie Peiffer erklärte. Hinzu komme ein starkes Ansteigen (300 Prozent) des Suizidrisikos. Substanzmissbrauch, Gewalterfahrungen und Essstörungen seien kennzeichnende Merkmale der Entwicklungsphase.

Tatsächlich befinde sich neben dem reifenden Körper auch das Gehirn im Umbau, stellte Peiffer fest. Das Myelin wachse ebenso wie die Synapsen und erlaube schnelleres Denken, dem aber die Ordnung fehle. Und die grauen Zellen benötigen Nahrung, sonst sterben sie ab – „für immer“, wie Peiffer warnte. Jugendliche müssten in dieser Phase sehr behutsam mit ihrem Gehirn umgehen. Alkohol schade extrem. Als Letztes, so Peiffer, werde das Stirnhirn umgebaut, die Schaltstelle für besonnenes Handeln. Dies erkläre den Mangel an Planung, den Pubertierende oft zeigten und auch freimütig einräumten: Man habe eben grade keinen Plan. Und eine echte Emotionskontrolle fehle ebenso, ergänzte Peiffer.

Anthroposophisch betrachtet wandele sich der Ätherleib zum Astralleib, um die Erdenreife zu erlangen, wie Rudolf Steiner, der Begründer der Waldorfpädagogik, dies schreibt. Und dieser Astralleib sei zunächst nackt und ungeschützt wie ein Embryo. „Das sollten wir zum Anlass für besondere Fürsorge nehmen“, führte Peiffer aus. „Statt zu denken, der Pubertierende sei nicht ganz zurechnungsfähig, sollten wir ihn uns als Neugeborenes vorstellen.“

„Bleiben Sie bei Ihren Kindern“, riet Peiffer am Ende seinen Zuhörenden. „Geben Sie ihnen seelischen Beistand.“ Und wenn das seelische Fieber der Pubertät besonders brenne: „Gönnen Sie ihren Kindern auch dieses Fieber. Es ist Teil einer notwendigen Entwicklung. Seien Sie ein solidarischer Begleiter.“

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Erstellt:
13. März 2017, 16:00 Uhr
Lesedauer:
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