Stolzenau/Mittelweser 20.12.2017 Von Die Harke

„65 Prozent der Gemeindefläche betroffen“

Kiesabbau um Stolzenau: Grünen-Ortsverein Mittelweser erörtert Handlungsmöglichkeiten

Die Auskiesung im Bereich Mittelweser betrifft bis jetzt 1150 Hektar Fläche, weitere 975 Hektar Flächen seien bis zum Jahr 2030 in Planung. Aufzuhalten sei daran kaum noch etwas: „Erschreckende Zahlen waren es, die der niedersächsische Ex-Landwirtschaftsminister [DATENBANK=1498]Christian Meyer[/DATENBANK] bei der jüngsten Veranstaltung der Reihe ‚GRÜN trifft... Politiker im Dialog‘ referierte“, heißt es in einer Pressemitteilung des Ortsvereins Mittelweser von Bündnis90/Grüne. Teilnehmer des gut besuchten Themenabends erfuhren auch anhand von Kartenmaterial, mit welcher Dynamik sich der Flächenverbrauch durch die Auskiesung im Nassabbau entfaltet. Zu Gast aus dem Landtag war der hiesige Abgeordnete Helge Limburg. „Und auch er konnte nicht umhin zu staunen, welche Folgen die derzeitigen Festlegungen im Landes- und im Regionalen Raumordnungsprogramm haben werden“, schreiben die Bündnisgrünen:

„Auf dem Gemeindegebiet Stolzenau werden sich bei vollständiger Auskiesung über 65 Prozent der Gemeindefläche in Wasserflächen verwandeln. Wertvolle, ertragreiche Lehmböden der Weseraue, die auf den Kiesschichten lagern, werden dann abgetragen sein und unwiederbringlich als Füllmaterial im Wasser versenkt sein. Der Verlust an landwirtschaftlicher Nutzfläche im Gemeindegebiet lässt sich freilich nicht durch anderswo gelegene Ausgleichsflächen kompensieren: Verlorene Flächen bleiben verloren.“

Die Umwandlung der Landschaft an der Mittelweser werde einschneidende Auswirkungen auf die Landwirtschaft haben, hieß es. Man könne engagiert über den Verkauf von Ackerflächen an Kiesabbauunternehmen diskutieren, aber Tatsache sei, „dass ein Acker, der wegen der Wasserflächen schwerer erreichbar wird oder sogar wie eine Halbinsel übrig bleibt, unter Verkaufsdruck gerät“. Im Kreisgebiet Nienburg seien es 16 Kiesabbauunternehmen, die auf den Mittelweserkies zugreifen. Und was im Raumordnungsprogramm (RROP) zur Rohstoffgewinnung ausgewiesen sei, das lasse sich nachträglich kaum wieder sperren.

Attraktiv sei der Mittelweserkies insbesondere wegen seiner Körnung. Für qualitativ hochwertigen Beton werden bestimmte Mischungsverhältnisse der Korngrößen benötigt. Wo diese Mischung bereits von Natur aus bei der Ablagerung durch den Fluss günstig ausfiel, dort ist es weniger aufwändig, das Industrieprodukt Kies fertigzumischen. Pro Einwohner Niedersachsens entfällt Meyer zufolge ein Kiesverbrauch von rund fünf Tonnen jährlich, - überschlägig 70 Lebensjahre lang.

Ein Zuhörer fragte an dieser Stelle nach dem Kiesexport: Wie eine Fernsehreportage berichtete, werde Kies für Beton weltweit knapp. „Dass die Kieslastwagen, die wie auf Ameisenstraßen im Mittelweserbereich unterwegs sind, das Land Niedersachsen versorgen, mag einleuchten. Aber wohin gehen die Abbaumengen, die vorzugsweise per Schiff in Richtung Nordsee transportiert werden?“ Meyer räumte ein, dass es keine Daten über Handelsbeziehungen der Kiestransporteure gebe.

Die Nachnutzung der Wasserflächen, die durch die Auskiesung entstehen, sind laut RROP vorrangig für den Naturschutz vorgesehen. „Und an dieser Stelle lässt sich Wichtiges erreichen“, schreiben die Bündnisgrünen: „Teilflächen der Reservierungen lassen sich durchaus von den Kommunen für die Nachnutzung durch die Menschen beanspruchen. Im RROP sind als Nachnutzung Planungen eines Wasserlandschaftsparks, eines Ökoparks Stolzenau und weitere Projekte erwähnt – aber davon hört man in letzten Zeit wenig, weil es enorme Schwierigkeiten mit verlässlichen Investitionsterminen gibt.

Niemand wagt vorherzusagen, in welchem Jahr welche Investition realisierbar wird. Die Samtgemeinde Mittelweser hat in der Dorferneuerung ein Projekt beantragt zur Freiraumplanung der Flächen des Bodenabbaus. Es gilt, mit diesen Planungen Einfluss zu nehmen auf die Neuaufstellung des RROP im Landkreis, damit anhand der Nachnutzung ein zukunftsfähiges Konzept für die Genehmigung weiterer Abbaustätten aufgestellt wird.“

Der Ortsverein Mittelweser von Bündnis 90/Die Grünen will regelmäßig weitere Veranstaltungen mit lokalen, landes- und bundesweit agierenden Politikern anbieten.

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Erstellt:
20. Dezember 2017, 21:00 Uhr
Lesedauer:
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