Heike Möhlmann hat bei der letzten Kommunalwahl im September 2016 nach 15 Jahren nicht wieder für Nienburgs Stadtrat kandidiert. Den Ruhestand nutzt sie, um das Thema „Frauen und Politik“ seit Einführung des Frauenwahlrechts im Jahr 1919 intensiver zu beleuchten. Das Ergebnis ist ernüchternd. Hagebölling

Heike Möhlmann hat bei der letzten Kommunalwahl im September 2016 nach 15 Jahren nicht wieder für Nienburgs Stadtrat kandidiert. Den Ruhestand nutzt sie, um das Thema „Frauen und Politik“ seit Einführung des Frauenwahlrechts im Jahr 1919 intensiver zu beleuchten. Das Ergebnis ist ernüchternd. Hagebölling

Nienburg 22.12.2018 Von Edda Hagebölling

„Als Mann bist du der Held“

100 Jahre Frauenwahlrecht: Die langjährige Ratsfrau Heike Möhlmann hat die Wahlakten seit 1919 gesichtet

1 Frau, 17 Männer. Als 1919 in Deutschland das Frauenwahlrecht eingeführt wurde, Frauen also zum ersten Mal sowohl selbst wählen als auch kandidieren durften, war Luise Wyneken die einzige Frau in Nienburgs Stadtrat.

Neben 17 Männern. 1924 lenkte Emilie Brauer ebenfalls zusammen mit 17 Männern die Geschicke der Stadt Nienburg, 1929 bestand der Stadtrat aus 3 Frauen und 15 Männern, 1933 war die Ausgangssituation wieder hergestellt: Luise Wyneken und 17 Männer. Heute – 100 Jahre später – hat sich die Zahl der Ratsmitglieder mehr als verdoppelt. 39 Personen bestimmen, was in Nienburg geschieht. 30 Männer und 9 Frauen.

Diejenige, die das genau weiß, ist Heike Möhlmann. 15 Jahre lang hat die Holtorferin dem Nienburger Stadtrat angehört. Bis zur letzten Kommunalwahl im September 2016, als sie auf eine erneute Kandidatur verzichtete. Das Thema „Frauen und Politik“ lässt sie trotzdem nicht los. Über Wochen und Monate hat sie im Archiv der Stadt Wahlakten gesichtet, um einmal herauszufinden, was sich seit Einführung des Frauenwahlrechts getan hat in Sachen Gleichstellung von Mann und Frau. Das Ergebnis ist für Nienburg wenig schmeichelhaft.

Der Anteil der weiblichen Stadtratsmitglieder ist wieder rückläufig. Hoffnung machte lediglich das Ergebnis der Kommunalwahlen im Jahr 2006, als das Stadtparlament aus 13 Frauen und 26 Männern bestand. 6 Frauen gehörten der SPD an, 2 der CDU, 1 der FDP, 3 den Grünen und 1 der Partei Die Linke. Doch schon fünf Jahre später war der Anteil der Frauen wieder zurückgegangen. 9 Frauen und 32 Männer bildeten damals den Stadtrat. Dieser bestand somit sogar aus 41 Mitgliedern.

Nach Auswertung aller Wahlen, die zwischen 1919 und 2016 stattgefunden haben, kommt Heike Möhlmann auf ein mehr als ernüchterndes Ergebnis. 100 Jahre Rat der Stadt Nienburg ergeben 79 Frauen und 550 Männer. Der durchschnittliche Anteil der Frauen liegt damit bei 14,4 Prozent“, so Heike Möhlmann im Treffen mit der HARKE am Sonntag.

„Als das Frauenwahlrecht 1919 eingeführt wurde, wurden die Frauen im Vorfeld regelrecht umworben. Mit dem Ergebnis, dass drei Kandidatinnen auf der Liste standen. Neben Luise Wyneken noch Hermine Cranz und Helene Veidt“, berichtete Heike Möhlmann weiter.

Eine „Sternstunde“ in punkto Gleichstellung brachte die erste Kommunalwahl nach dem Ende der Naziherrschaft. Die Briten hatten die ehrenwerten Herren Hildebrand und Hofmeister beauftragt, Vorschläge für einen neuen Stadtrat zu sammeln. „Nicht eine Frau wurde benannt. Und das, obwohl gerade sie es waren, die das öffentlice Leben in den Kriegsjahren aufrecht erhalten haben“, gibt Möhlmann zu bedenken.

Warum das so ist? „Für die Frauen ist der Alltag schon anstrengend genug“, so das langjährige Ratsmitglied. „Und sie erleben im Beruf oft genug, übergangen und nicht für voll genommen zu werden“, so die ehemalige Ratsfrau weiter. Hinzu komme, dass die Betreuung der Kinder nach wie vor Frauensache sei. „Warum finden Sitzungen nicht morgens um 10 statt, wenn die Kinder in der Schule sind?“, gibt Heike Möhlmann zu bedenken.

Aus eigener Erfahrung weiß sie: „Sagt ein Mann: Ich muss mein Kind aus der Kita abholen, ist er der Held. Drängt eine Frau aus dem gleichen Grund aufs Tempo, wird das eher belächelt.“ Hinzu komme, so Möhlmann, dass das Bild, das die Politik in der Öffentlichkeit abgebe, tatsächlich nicht dazu angetan sei, Frauen Mut zu machen.

„Männer drängeln sich immer in die Mitte des Bildes, wenn ein Foto gemacht wird, Frauen ersparen sich das und stehen darum bestenfalls am Rande“, berichtet die ehemalige Kommunalpolitikerin.

Heike Möhlmann hofft sehr, dass Nienburgs Parteien ihre Listen für die nächste Kommunalwahl paritätisch besetzen. Auch ohne gesetzlich gezwungen zu werden.

„Keine Gesellschaft kann es sich auf Dauer erlauben, von Männern dominiert zu werden. Und auch eine Stadt wie Nienburg nicht“, so die langjährige Ratsfrau Heike Möhlmann abschließend.

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Erstellt:
22. Dezember 2018, 21:00 Uhr
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