Elsbeth Knüppel (mit dem Brett aus der Catharinen-Kirche) sowie Heinrich Knüppel mit der Grabtafel seiner Großmutter, in der Mitte Pastor Heinz-Dieter Freese. Freese

Elsbeth Knüppel (mit dem Brett aus der Catharinen-Kirche) sowie Heinrich Knüppel mit der Grabtafel seiner Großmutter, in der Mitte Pastor Heinz-Dieter Freese. Freese

Martfeld 25.11.2017 Von Die Harke

Alte Grabtafeln erzählen Geschichte(n)

Auf einigen Dachböden befinden sich historische Vermächtnisse

In früheren Zeiten konnte sich nicht jeder einen Grabstein leisten, vor allem nicht in Kriegs- und Notzeiten. Davon künden alte Grabtafeln aus Holz, die noch auf so manchem Dachboden liegen. In Martfeld bei Hoya wurde bei Aufräumungsarbeiten auf dem Dachboden der Catharinen-Kirche eine Holztafel aus dem Jahre 1860 entdeckt. Darauf steht geschrieben. „Ich habe Lust abzuscheiden und bei Jesu Christo zu seyn. Hier ruhen die Gebeine der verstorbenen Ehefrau Anne Margarethe Fiddelke, geb. Williges. Sie wurde geboren zu Wechold den 7. Mai 1808 und starb zu Loge den 22. April 1860 in dem Alter von 51 Jahr, 11 Monat und 15 Tage.“

Aber auch auf privaten Dachböden scheinen noch einige der alten Grabtafeln vorhanden zu sein. Heinrich Knüppel aus Martfeld hält solch ein Brett in seinem Haus in Ehren. Er erzählt: „Wenn man es von der Seite beleuchtet, tritt die alte Schrift zutage. Dieses Brett wurde gemalt für meine Großmutter Anna Dorothea Margarete Knüppel, geb. Schröder aus Eitzendorf, die am 22. März 1915 im Alter von 35 Jahren in Martfeld verstarb. 1915, – das war ja am Kriege! Man hatte damals nicht so viel Geld wie heute. Aber die Grabtafel wurde trotzdem schön beschriftet. Am Kopfende sieht man noch Ranken und Blumen.“

Ursprünglich mag es sehr viele solcher „Holzposten“ rund um die alte Catharinen-Kirche gegeben haben, denn so schreibt Pastor Gustav Twele im Jahre 1932: „Die früher auf den Gräbern aufgepflanzten Posten – die hölzernen Tafeln mit Sprüchen und Lebensdaten des in dem Grabe Ruhenden – sind auf den neuen Teilen des Friedhofes mehr und mehr verschwunden und durch Denkmäler aus Stein ersetzt. Wenn auch die sogenannten Posten nicht verurteilt werden sollen, sondern als eine alte Sitte und Herkommen gewürdigt werden, so verletzen sie doch oftmals den Geschmack durch die darauf geschriebenen Sprüche, die nur elende Reimereien sind, aber besonders durch die vielen Fehler, die in der Schreibart der einzelnen Wörter gemacht sind.“

Neben den hölzernen Posten gab es rund um den Kirchhof noch einen Zaun aus Holzplanken, zu dem jeder Einwohner des Kirchspiels seinen Beitrag leisten musste. Pastor Johann Heise, von 1805 in 1821 in Martfeld, schreibt darüber empört: „Der hiesige Kirchhof ist befriedigt mit einer hölzernen Plancke woran ein jeder Hauswirth im Kirchspiel seinen Theil hat, daher es denn auch ofte der Fall ist, daß bey einem nachlässigen Hauswirthe, der Theil, der ihm zukömmt, sehr schlecht in Stande ist und so gut wie offen der Kirchhof befriedigt ist, und die Schweine darauf dringen und alles umwühlen.“

Der Kirchhof, der hier beschreiben wird, hat vermutlich ganz anders ausgesehen als heutige Friedhöfe mit ihren schönen Steineinfassungen und Bepflanzungen. Denn bis ins 19. Jahrhundert hinein war das Begräbnis keine Familienangelegenheit, sondern Sache des Dorfes.

Der Tod bedeutete in der frühen Neuzeit in erster Linie geselliges Feiern im Hause der Verstorbenen. Gunter Zimmermann, Dozent für neuere Geschichte in Mannheim: „Im Zimmer des Toten zeigten die Gäste weder Furcht noch Ekel, Ausweichmanöver, wie sie gegenwärtig nicht unüblich sind, waren völlig unbekannt. Man konnte erleben, dass die Anwesenden sich zunächst in Trauer, später in ungehemmter Fröhlichkeit betranken. Das Schluchzen verwandelte sich nach und nach in Freudenschreie, besonders dann, wenn im Trauerhaus selbst der Tanz begann.“

Der eben schon genannte Martfelder Pastor Johann Heise beklagt sich: „Da man noch außerdem die für den Landmann in hiesigen Gemeinden die so äußerst drückende Gewohnheit (hat) den Todten zu beschmausen und Leichen Mahlzeiten zu halten, über deren Kostenaufwand manche Wittwe oder jeder anderer mehr weinen muß als über den Verlust des Gestorbenen. Man kan Fälle anführen, wo der Leichenschmauß über 100 und mehrere Thaler an Kosten sich beläuft, und die Leiche dabey offen und stinckend an Parade steht, gleich als wenn eine Hochzeit gefeiert würde, auch die Begleiter zeigen noch in der Kirche daß sie bisweilen zuviel gegeßen und getruncken haben.“

Am nächsten Tag folgte der Trauerzug zum Friedhof. Dozent Zimmermann: „Der Trauergottesdienst war sehr kurz und hatte keine große Bedeutung. Entscheidend war vielmehr, dass das Dorf sich nach dem Ableben eines seiner Mitglieder neu konstituierte.“ In einem Visitationsprotokoll aus der Zeit von Pastor Eberhard Hirschfeld, in Martfeld von 1696 bis 1727, findet sich dazu die Forderung, dass die Leichen um 12 Uhr mittags an den Kirchhof gebracht werden, bei 2 Taler Strafe nicht früher oder später!

Zur Mitte des 19. Jahrhunderts änderte sich der Umgang mit den Verstorbenen grundlegend. Der kirchliche Trauergottesdient rückte in den Mittelpunkt sowie das Gefühl der Trauer und des Verlustes bei den Hinterbliebenen.

Dozent Zimmermann: „Der alte Kirchhof mit seinem chaotischen Durcheinander von unmarkierten Gräbern, um die sich niemand kümmerte, genügte den christlichen Familien nicht mehr. Sie zogen einen Friedhof vor, der von der Dorfkirche getrennt war. Auf ihm konnten die Angehörigen nun einen Grabplatz erwerben, der der Erinnerung an den Verstorbenen ein festen Ort verlieh.“

In Martfeld wurde 1863 der neue Friedhof eingerichtet. Und in den folgenden hundert Jahren entstanden zahlreiche große Familiengrabstätten, die genauso mit einem schönen Zaun umgeben waren wie einst der alte Kirchhof.

Noch in den 1960er Jahren weiß der Martfelder Pastor Paul Rohde gar nicht, woher er so viele große Grabstellen nehmen könne, wie sie die Leute bei ihm einfordern. Vor 50 Jahren! Und wie haben sich seitdem die Sitten wieder geändert: Heutzutage hat sich die Bedeutung der Familie so gesteigert, dass man oftmals in Traueranzeigen lesen kann: „Nur im engsten Kreise“. Darüber hätten sich die Menschen des 19. Jahrhunderts sehr verwundert, denn der oder die Tote hatte ja neben der Familie auch immer eine Rolle im Dorf als Freund und Nachbar, als Vollmeier, Handwerker, Knecht oder Magd.

Und andererseits liegt den Menschen heutzutage gar nichts mehr an großen Familien-Grabstellen. „Begrabt mich man unter dem grünen Rasen, dann muss keiner die Pflege übernehmen“, heißt es immer öfter. Vielleicht kommen ja auch die Holztafeln wieder in Mode. Im Internet gibt es dazu schon etliche Angebote.

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Erstellt:
25. November 2017, 21:00 Uhr
Lesedauer:
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