Gesundheitsminister Karl Lauterbach (SPD) und Justizminister Marco Buschmann (l, FDP) bei einer Sitzung des Bundeskabinetts im Bundeskanzleramt. Foto: Kay Nietfeld/dpa-Pool/dpa

Gesundheitsminister Karl Lauterbach (SPD) und Justizminister Marco Buschmann (l, FDP) bei einer Sitzung des Bundeskabinetts im Bundeskanzleramt. Foto: Kay Nietfeld/dpa-Pool/dpa

Berlin 21.02.2022 Von Deutsche Presse-Agentur

Ampel-Streit über Impfpflicht und künftigen Corona-Kurs

Der Streit über eine allgemeine Corona-Impfpflicht sorgt für Spannungen innerhalb der Ampel-Koalition. Der stellvertretende SPD-Fraktionsvorsitzende Dirk Wiese kritisierte Bundesjustizminister Marco Buschmann von der FDP, nachdem dieser sich skeptisch zu dem Vorhaben geäußert hatte.

„Rechtlich sauber zu Ende gedacht“ seien Buschmanns Einlassungen nicht, sagte Wiese den Zeitungen der Funke-Mediengruppe. Zudem müsse „dem Kollegen Buschmann“ klar sein: „Nur wer jetzt die Impfquote für den kommenden Herbst/Winter erhöht, wird auch dann weiterhin eine Öffnungsperspektive haben.“

Der Justizminister hatte dem „Spiegel“ mit Blick auf eine allgemeine Impfpflicht gesagt: „In meinen Augen können nur gewichtige Rechtsgüter der Allgemeinheit wie die Abwehr einer Überlastung des öffentlichen Gesundheitssystems einen solchen Eingriff rechtfertigen. Ob das derzeit tatsächlich noch eine drohende Gefahr ist, daran kann man zweifeln.“ Aber selbst wenn man diese unterstelle, ergebe sich die Frage: „Brauchen wir dafür eine Pflicht ab 18? Wäre eine Impfpflicht ab 50 Jahren nicht genauso effektiv?“

Wiese: „Gesetzentwurf ist verfassungsgemäß“

Wiese gehört zu den Initiatoren eines Antrags für eine Impfpflicht für Erwachsene, die auch Bundeskanzler Olaf Scholz (SPD) anstrebt. „Unser Gesetzentwurf einer allgemeinen Impfpflicht ab 18 Jahren ist verfassungsgemäß“, betonte der Fraktionsvize. „Dies haben wir in einer Vielzahl von Expertengesprächen, sowie im Gespräch mit den Ministerien abgeprüft. Daher sollte sich Justizminister Buschmann bei der Bewertung von Gruppenanträgen von Abgeordneten des Deutschen Bundestages zurückhalten. Sie scheinen auch eher dem FDP-internen Diskurs mit Wolfgang Kubicki geschuldet zu sein.“

Derzeit gibt es mehrere Anträge im Bundestag zum Thema Impfpflicht - eine Mehrheit für einen davon zeichnet sich aber noch nicht ab. Die Ampel-Koalition hat vereinbart, dass die Abgeordneten in freier Abstimmung ohne übliche Fraktionsvorgaben beraten und entscheiden sollen. Der FDP-Vize Kubicki lehnt eine Impfpflicht ab und zeigte sich nun im Gespräch mit dem ARD-Hauptstadtstudio überzeugt: „Die Impfpflicht ab 18 Jahren ist tot.“ Er sei überzeugt, dass es keine Mehrheit im Deutschen Bundestag im April geben werde für eine Impfpflicht, „in welcher Form auch immer“.

Klärungsbedarf in der Koalition gibt es weiter bei der Frage des künftigen Corona-Kurses nach den anstehenden Lockerungen. Der Grünen-Gesundheitsexperte Janosch Dahmen forderte erneut, den Ländern „die Rechtsgrundlage für einen flexiblen Maßnahmenkatalog als Notfallkoffer für den Frühling“ an die Hand zu geben. „Für eine Verschlechterung der Lage müssen wir Vor- statt Nachsorge treffen“, sagte er dem Redaktionsnetzwerk Deutschland (RND).

Dürr: „Grundrechtseingriffe auf Vorrat“

FDP-Fraktionschef Christian Dürr lehnte ähnliche Forderungen aus den Reihen der Länder hingegen erneut ab. Die FDP sei durchaus offen für einen Grundschutz beispielsweise für Alten- und Pflegeeinrichtungen, sagte er in der ZDF-Sendung „Berlin direkt“. „Ich habe nur bei manchen CDU- und CSU-Ministerpräsidenten das Gefühl, dass sie den sogenannten Basisschutz durch die Hintertür in Wahrheit mit starken Corona-Schutzmaßnahmen erneut verbinden wollen.“ Er argumentiert, bei neuen Entwicklungen sei der Bundestag schnell handlungsfähig - und ist gegen „Grundrechtseingriffe auf Vorrat“.

„Freiheitseinschränkungen sind nur so lange gerechtfertigt, wie sie wirklich notwendig sind“, betonte FDP-Chef Christian Lindner in der ARD-Sendung „Bericht aus Berlin“. Man werde „gemeinsam genau beraten: Was ist noch erforderlich, was ist nicht erforderlich?“

Neue Corona-Regeln am 18. März

Bund und Länder hatten sich darauf verständigt, dass die allermeisten Corona-Einschränkungen bis 20. März fallen sollen. Das geplante Gesetz für den künftigen Corona-Basisschutz soll nach den Plänen der Ampel-Koalition erst unmittelbar vor dem Auslaufen der meisten Auflagen beschlossen werden. Am 9. März sollen die Eckpunkte für das Gesetz im Kabinett beraten werden, wie es am Montag aus Fraktionskreisen hieß. „Business Insider“ hatte zuerst darüber berichtet. Am 18. März soll die zweite und dritte Lesung im Bundestag sowie - in einer Sondersitzung - die Entscheidung im Bundesrat stattfinden. Am Mittwoch hatten Bund und Länder den Wegfall der meisten Corona-Auflagen ab 20. März vereinbart.

Von den Koalitionspartnern SPD, Grüne und FDP sind seither unterschiedliche Einschätzungen dazu laut geworden, welche Maßnahmen ab 20. März noch gebraucht werden. Die FDP pochte am Wochenende auf „Normalität“ ab 20. März. Grüne und SPD mahnten vorsichtige Öffnungsschritte an.

Novavax-Lieferung diese Woche

In der neuen Woche werden in Deutschland die ersten Dosen des Corona-Impfstoffs des US-Herstellers Novavax erwartet. „Wir rechnen ab Montag mit der ersten Lieferung“, sagte eine Sprecherin des Bundesgesundheitsministeriums. Gesundheitsminister Karl Lauterbach (SPD) hatte am Freitag gesagt, dass am Montag 1,4 Millionen Dosen erwartet würden. Wann das Vakzin zum Einsatz kommt, ist Sache der Länder. Einige Länder haben Impfungen ab der ersten Märzwoche angekündigt. Gehofft wird, dass der Novavax-Impfstoff eine Alternative sein könnte für all jene, die Vorbehalte gegen mRNA-Impfstoffe haben.

Der Vorsitzende des Weltärztebunds, Frank Ulrich Montgomery, äußerte sich zurückhaltend: „Ich bin nicht sicher, dass Novavax der "Gamechanger" der Impfkampagne wird“, sagte er der „Rheinischen


Post“. „Die "Hard-core-Impfverweigerer" wird man auch mit Novavax nicht erreichen.“ Novavax habe nicht weniger Nebenwirkungen als „die inzwischen weltweit führenden mRNA-Impfstoffe“, sagte Montgomery. „Aber er kann als psychologische Brücke für die dienen, die sich wissenschaftlich unbegründet heftig gegen die modernen Impfstoffe ausgesprochen haben.“

Die Mittel von Biontech/Pfizer und Moderna sind mRNA-Impfstoffe. Das hat manche misstrauisch gemacht, denn vor Corona gab es noch keine zugelassenen mRNA-Impfstoffe. Der Novavax-Impfstoff basiert hingegen auf einem klassischeren Verfahren.

© dpa-infocom, dpa:220221-99-220886/6

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21. Februar 2022, 12:07 Uhr
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