Blumen zum Dienstjubiläum: Bettina Mürche und Matthias Mente mit Tafel-Chefin Beate Kiehl (Mitte). Hagebölling

Blumen zum Dienstjubiläum: Bettina Mürche und Matthias Mente mit Tafel-Chefin Beate Kiehl (Mitte). Hagebölling

Nienburg 06.10.2018 Von Edda Hagebölling

Angetreten, um eine Tafel aufzubauen

Beate Kiehl wurde zu ihrem 20. Dienstjubiläum am 1. Oktober mit einem dicken Blumenstrauß überrascht

„Ohne Kiehl keine Tafel.“ Bettina Mürche und Matthias Mente aus dem Vorstand des Vereins „Herberge zur Heimat“ waren sich einig, als sie Beate Kiehl am Montagvormittag an ihrem Arbeitsplatz mit einem dicken Blumenstrauß überraschten. Am 1. Oktober 1998 war die ehemalige Pharmazeutisch-Technische Assistentin mit dem Auftrag angetreten, in Nienburg eine Tafel aufzubauen. Am 7. November wird das 20-jährige Bestehen der Nienburger Tafel gefeiert. Und die ehemalige PTA, die ihren Beruf aus gesundheitlichen Gründen nicht länger ausüben konnte, steht immer noch in der 1. Reihe. Beate Kiehl und die Nienburger Tafel bilden nach wie vor eine Einheit.

Die Nienburger Tafel gehört zu den ersten hundert in Deutschland. Heute gibt es etwa 940. Die meisten Tafeln wurden nach der Hartz-IV-Reform im Jahr 2002 gegründet.

Warum man ausgerechnet in Nienburg schon recht früh dabei war? Matthias Mente erinnert sich noch gut. HARKE-Verlegerin Renate Rumpeltin und die Landtagsabgeordnete Traute Grundmann – seinerzeit Vorsitzende des DRK Nienburg – hatten sich auf den Weg ins benachbarte Celle gemacht, wo gerade eine Tafel entstanden war. Um dann festzustellen, dass ein solches Projekt für einen DRK-Ortsverein doch eine Nummer zu groß sein könnte. Rumpeltin und Grundmann baten daraufhin den Verein „Herberge zur Heimat“, über die Gründung einer Tafel nachzudenken. Ein paar Jahre später war es soweit.

„Wir waren damals in der Parkstraße. Den PC und den Stuhl habe ich mir mit einer weiteren Kraft geteilt“, erinnert sich Beate Kiehl noch gut. Im ersten Monat waren es etwa 20 Frauen und Männer, die in Empfang nahmen, was an Lebensmitteln gerade vorrätig war, im Monat darauf schon 200.

Lebensmittelspender der ersten Stunde war die Firma frischli. Mit zwei Pkw hatte man sich auf den Weg gemacht, um die avisierten zwei Paletten abzuholen. „Herr Krumwiede lacht heute noch, wenn er mich sieht“, so Beate Kiehl. „Bei Palette hatte ich an einen Pappkarton mit 10, 12 Tetrapacks gedacht, wie man ihn im Supermarkt im Regal findet“, so die Tafel-Chefin schmunzelnd. Beim nächsten Mal machte man sich dann schon mit Pkw und Pferdeanhänger auf den Weg. Neben Traute Grundmann – der Schirmherrin der Tafel – war damals auch Peter Gruber – seinerzeit ebenfalls Landtagsabgeordneter – als Fahrer im Einsatz.

Heute hat die Tafel ihren Sitz in der Leinstraße. Der Verein „Herberge zur Heimat“ hat die Immobilie – das ehemalige Fahrradhaus Lichy – im Jahr 2002 erworben. Auf Anraten von Peter Siepel. Zu diesem Zeitpunkt stand der dritte Umzug an. Die vorherige Bleibe – das „Luftballonhaus“ am Berliner Ring – sollte – wie davor das Puls-Gebäude an der Großen Drakenburger Straße – verkauft werden.

Heute versorgt die Nienburger Tafel mit ihren Ausgabestellen in Nienburg, Hoya, Stolzenau und Neustadt Monat für Monat 5.500 Menschen mit Lebensmitteln. „Auch den rasanten Anstieg in den Jahren 2015 und 2016 haben wir bewältigt“, so Beate Kiehl. „Natürlich nur dank der vielen Helfer und Spender“, wie sie ausdrücklich betont.

Ein Problem, das Beate Kiehl jedoch immer wieder aufs Neue umtreibt, ist, Fahrer zu finden, die den Kühltransporter unbeschadet von Lebensmittelmarkt zu Lebensmittelmarkt und von Ausgabestelle zu Ausgabestelle zu steuern.

Alles andere hat sie im Griff. Beate Kiehl ist Mitglied um Bundesvorstand der Tafeln und Gründerin des Landesverbandes. Dort ist sie – wie sollte es anders sein – für die Logistik zuständig.

Mal eben 33 Paletten Pizza auf ganz Niedersachsen zu verteilen oder Spenden, von denen die eine Ausgabestelle zu viel und die andere zu wenig hat, von A nach B schaffen zu lassen, ist für sie kaum der Rede wert.

Seit 2010 sind in der Leinstraße auch die sogenannten Lernschritte beheimatet. Montags, mittwochs und donnerstags kommen Kinder gleich nach der Schule ins Haus. Sie bekommen eine warme Mahlzeit und werden anschließend von pensionierten Lehrkräften und mittlerweile auch einer Lerntherapeutin betreut. „Auf diesem Weg haben wir schon so manches Kind davor bewahrt, keinen Schulabschluss zu bekommen“, so Bettina Mürche.

Dass Nienburgs Tafel auch mobil ist, wird an einem weiteren Beispiel deutlich. Da es mehrere Kunden gibt, die nicht mehr in der Lage sind, sich selbst auf den Weg in die Leinstraße zu machen, findet immer dienstags die Seniorentour statt. Bis zu 30 Kisten mit Lebensmitteln werden auf diesem Wege Woche für Woche bis in die Wohnung geliefert.

Oder der gesunde Mittwoch: immer mittwochs werden die Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter im Fundus-Kaufhaus, im Fundus-Depot an der Verdener Landstraße und im Fundus-Aktiv an der Großen Drakenburger Straße mit Obst und Gemüse beliefert. Die Adressaten lernen, diese Lebensmittel selbst zuzubereiten. „Im Idealfall stellen sie fest, dass sich dadurch hin und wieder das Geld für das fertig belegte Brötchen aus dem Geschäft einsparen lässt“, berichtet Bettina Mürche. Mit Obst und Gemüse „auf die Hand“ wird zudem eine Grundschule beliefert, zwei weitere Grundschulen erhalten von der Tafel Zutaten für warme Mahlzeiten.

Wer Beate Kiel und ihr Team unterstützen möchte, kann sie unter Telefon 05021/915060 oder per E-Mail an info@nienburger-tafel.de erreichen.

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Erstellt:
6. Oktober 2018, 21:00 Uhr
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