An Weiberfastnacht beginnt der Straßenkarneval. Foto: Roberto Pfeil/dpa

An Weiberfastnacht beginnt der Straßenkarneval. Foto: Roberto Pfeil/dpa

Köln/Düsseldorf 24.02.2022 Von Deutsche Presse-Agentur

Angriff auf Ukraine überschattet rheinischen Karneval

Im Rheinland startet der Straßenkarneval - die Gedanken vieler Jecken sind aber in der Ukraine. Einige Sender beenden ihr Karnevalsprogramm. Abgesagt wird der Karneval aber nicht.

Karneval im Schatten des Krieges: In den rheinischen Hochburgen hat am Donnerstag der Straßenkarneval begonnen. Doch während an Weiberfastnacht in Köln noch Zehntausende kostümierter Jecken in der Innenstadt schunkelten, hat das Festkomitee Kölner Karneval seinen für Montag geplanten Rosenmontagszug im Rheinenergiestadion abgesagt. Stattdessen werde man eine Friedensdemonstration mit Persiflage-Wagen auf Plätzen in der Kölner Innenstadt organisieren, sagte ein Sprecher des Festkomitees der Deutschen Presse-Agentur. Das Rosenmontagsfest war als coronagerechter Ersatz für den Rosenmontagszug gedacht. Der Kölner Rosenmontagszug sollte dabei durchs Fußballstadion ziehen. Weiberfastnacht nicht abgesagtUm Punkt 11.11 Uhr an Weiberfastnacht hatte das Dreigestirn mit dem traditionellen Countdown und dreimal „Kölle Alaaf“ auf einer Bühne in der Altstadt den Karneval eröffnet. „Die Ereignisse der vergangenen Nacht sind natürlich auch an uns nicht spurlos vorbei gegangen“, sagte Jungfrau Gerdemie (Björn Braun) zu dem russischen Angriff auf die Ukraine. „Wir schunkeln nicht an den Sorgen der Menschen vorbei. Aber wir lassen uns auch nicht die Grenzen des Frohsinns von Menschen bestimmen, die Freiheit und Frieden mit Füßen treten“, rief Gerdemie von der Bühne. Die Kölner Oberbürgermeisterin Henriette Reker (parteilos) hat zu Beginn des Straßenkarnevals mit einer Schweigeminute der Leidtragenden des russischen Angriffs auf die Ukraine gedacht. „Mir ist wirklich nicht zum Feiern zumute, aber weder ich noch das Festkomitee können und wollen den Karneval absagen“, sagte Reker bei einem Empfang im Rathaus. „Die Kneipen schließen und eine Ausgangssperre verhängen können wir ohnehin nicht, das müsste der Landesgesetzgeber tun. Jeder und jede muss für sich selbst entscheiden, ob er oder sie angesichts dieser Situation feiern möchte.“ Reker ist sich nach eigenen Worten darüber im Klaren, dass es durch den Karnevalsauftakt „Bilder geben wird, die Kopfschütteln verursachen werden“. Sie persönlich könne den Karneval und den Krieg in der Ukraine nicht miteinander verbinden, aber für viele andere sei der Karneval wichtig. Nordrhein-Westfalens Ministerpräsident Hendrik Wüst (CDU) hat sich dafür ausgesprochen, Karnevalsumzüge abzusagen. „Krieg und Karneval in Europa passen nicht zusammen“, sagte Wüst in Düsseldorf. „Mir persönlich ist überhaupt nicht zum Feiern zumute in diesen Stunden. In diesem traurigen Moment, in dem der Krieg zurückgekehrt ist nach Europa, halte ich Karnevalszüge für völlig unangemessen.“ Feiern trotz Krieg?Das Festkomitee Kölner Karneval teilte mit: „Heute beginnt der Straßenkarneval, das bedeutet für die Jecken in Köln hauptsächlich individuell feiern, draußen oder in der Kneipe. Nach zwei Jahren Pandemie ist die Sehnsucht danach sehr groß - und das Absagen mit so kurzem Vorlauf rein organisatorisch auch gar nicht möglich. Es wäre aus unserer Sicht auch das falsche Signal.“ Sicherlich gehe das Geschehen in der Ukraine nicht spurlos an den Karnevalisten vorüber. Die Gedanken vieler Jecken seien an diesem Morgen bei den Menschen in der Ukraine, die mit Angst auf die nächsten Tage blickten. „Aber wir haben gerade auch in der jüngeren Vergangenheit gelernt, dass der Karneval in Krisenzeiten eine wichtige Funktion für die Menschen hat. Sich die Grenzen des Frohsinns vom einem Despoten diktieren zu lassen, entspricht nicht dem Gedanken des Fastelovends, in dem Freiheit und Gleichheit an oberster Stelle steht.“ Für Rosenmontag sehe das anders aus, entschied das Festkomitee dann am frühen Nachmittag. Ein Rosenmontagszug sei angesichts der aktuellen Ereignisse nicht mehr denkbar, eine Absage noch möglich. Wie in anderen Jahren auch, bildeten sich an Weiberfastnacht schon morgens vor vielen Kölner Kneipen Warteschlangen. Auch im Studentenviertel wurde es nach Angaben der Stadt rasch voll. In der Altstadt und auf anderen Partymeilen sei jedoch deutlich weniger los gewesen als sonst. Sender stoppen KarnevalsprogrammKarneval und Krieg: Auch ein Spagat für die Medien. Der Lokalsender Radio Köln änderte sein Programm und sendete seit 8.00 Uhr keine Karnevalsmusik mehr. Auch der öffentlich-rechtliche Radiosender WDR4 änderte sein Programm, spielte Pop statt Stimmungsmusik. Das WDR-Fernsehen setzte dagegen weiter auf Karneval - wobei die (nicht verkleideten) Moderatorinnen die Problematik klar benannten. Nach drei Stunden wurde die TV-Sondersendung dann aber vorzeitig beendet. Die Sendung im WDR Fernsehen endete bereits um 14.00 Uhr statt wie ursprünglich geplant um 18.00 Uhr. Anschließend sollte verstärkt aktuell berichtet werden, zum Beispiel mit einem extralangen „WDR Aktuell“ von 16.00 Uhr bis 16.45 Uhr, teilte der Sender mit. Kurz vor 14 Uhr verabschiedeten sich die Moderatorinnen Sabine Wieseler und Anna Planken überraschend von den Zuschauern. Wieseler sagte: „Wir hatten einen ziemlich langen Plan, kürzen diese Sendung aber hier ab, weil es sich eben zunehmend schwierig anfühlt, Karneval zu feiern, während in der Ukraine Krieg ist.“ Zu Beginn der Sendung gegen 11 Uhr hatten die beiden Moderatorinnen noch ausgeführt, man sei zu dem Schluss gekommen, den Zuschauern ein Angebot machen zu wollen: „Wir sind einfach für Sie da, auch für Ihre Gefühle.“ In einer Mitteilung des WDR hatte es es am Vormittag gehießen: „Die Sendung wird in ihrem Charakter die Ambivalenz der Ereignislage abbilden und über weitere Entwicklungen informieren.“ Über den Tag entschied der Sender neu. Letztlich beendete der WDR seine Sondersendung mit den Bildern des Tages und sendete zunächst eine Folge der Sendung „Doc Esser“. Der öffentlich-rechtliche Radiosender WDR4 hatte bereits am Vormittag sein Musikprogramm geändert, das unter dem Motto „Karneval hoch 4“ angekündigt war. Stattdessen liefen unter anderem Oldies. Ein Moderator begründete die Umstellung mit dem Angriff auf die Ukraine. Der private Sender Radio Köln hatte bereits am Morgen sein Programm umgeworfen. „Wir können nicht über den Krieg berichten und drumherum Karnevalsmusik senden“, sagte Chefredakteurin Claudia Schall der Deutschen Presse-Agentur. Auch Radio Köln hatte nach eigenen Angaben geplant, von 6.00 Uhr bis Mitternacht Karnevalsmusik zu spielen. Der Kölner Lokalsender gehört zum Verbund Radio NRW. Dessen Sender haben auch ihr nachrichtliches Programm geändert. Am Vormittag sollte es eine monothematische Sendung zum Angriff auf die Ukraine geben, danach stündliche Updates, so eine Sprecherin. Auch die Comedy-Blöcke wurden bis zunächst 16.00 Uhr gestrichen. Unter der Überschrift „Wie wir über Krieg und Karneval berichten“ meldeten sich auch die Chefredaktionen der Kölner Tageszeitungen „Stadt-Anzeiger“ und „Express“ zu Wort. In einem gemeinsamen Statement - die Zeitungen gehören beide zur Mediengruppe DuMont - hieß es: „Der Karneval wird in der Berichterstattung von "kölner Stadt-Anzeiger" und "Express" heute und in den nächsten Tagen eine Rolle spielen. Es ist unsere Aufgabe, abzubilden, was in der Welt und in der Region geschieht. Der Angriff auf die Ukraine ist das Ereignis, das nachrichtlich alle anderen bei weitem überstrahlt. Wir werden ihm größtmöglichen Raum in unserer Berichterstattung geben.“ Straßenkarneval mit 2G-plusDer rheinische Straßenkarneval beginnt wegen der Pandemie anders als gewohnt. Das Land Nordrhein-Westfalen hat den Städten erlaubt, sogenannte Brauchtumszonen auszuweisen - dort dürfen Jecken dann unter 2G-plus-Bedingungen feiern. In Köln werden zu Weiberfastnacht Zehntausende Feiernde erwartet: Die Verwaltung hat das gesamte Stadtgebiet zur „Brauchtumszone“ erklärt. Damit gilt für Karnevalisten in der Domstadt überall im öffentlichen Raum 2G-plus. Das heißt: Genesene oder zweifach Geimpfte brauchen einen aktuellen negativen Test oder eine dritte Impfung (Booster). In Kneipen müssen auch Geboosterte einen aktuellen Schnelltest vorweisen. Bei Verstößen drohen saftige Bußgelder. Das Ordnungsamt soll die Einhaltung der Regeln stichprobenartig kontrollieren. Köln hat die Maskenpflicht im Freien aufgehoben, auch in Kneipen braucht an den Karnevalstagen kein Mund-Nasen-Schutz getragen zu werden. Mahnung der PolizeiDennoch sollten die Feiernden nicht über die Stränge schlagen, hatte Kölns Oberbürgermeisterin Henriette Reker (parteilos) im Vorfeld gemahnt. „Ich hoffe sehr, dass sich alle bewusst sind, dass das Feiern bestimmten Regeln unterliegt“, sagte sie dem „Kölner Stadt-Anzeiger“. Dass ganz Köln zur „Brauchtumszone“ erklärt worden sei, solle nicht dazu auffordern, „jetzt völlig außer Rand und Band zu feiern“. In Düsseldorf betonte die Polizei, dass die „Brauchtumszone“ in der Altstadt keine Partyzone sei. „Es gibt da offenbar missverständliche Deutungen. Die Brauchtumszone ist keine Einladung zum Feiern“, sagte Polizeidirektor Dietmar Henning. Die Stadt erklärte, es finde kein organisierter Straßenkarneval statt. Die Altstadt-Gastronomen dürften ihre Außenterrassen nicht betreiben. „Brauchtumszonen“ gibt es in NRW unter anderem auch in Bonn und Leverkusen. Absage von RathausstürmenIn Saarbrücken ist der Rathaussturm abgesagt worden. Dazu hätten sich die Verantwortlichen der Saarbrücker Fastnachtsvereine und die Landeshauptstadt entschieden, wie die Stadt mitteilte. „Ein Krieg mitten in Europa. Wir fühlen mit den Menschen in der Ukraine und können heute nicht Frohsinn walten lassen“, erklärte Saarbrückens Oberbürgermeister Uwe Conradt (CDU). Die Besetzung des Rathauses durch die Narren hätte coronabedingt ohnehin nur reduziert stattfinden können, hieß es. Auch in Sömmerda bei Erfurt ist der Rathaussturm abgesagt worden. „Angesicht der aktuellen und brandgefährlichen Entwicklung in der osteuropäischen Region ist es nicht die Zeit, Karneval – und sei es auch im kleinen Format – zu feiern“, erklärten Bürgermeister Ralf Hauboldt (Linke) und der Präsident des Faschingsclubs Rot-Weiß Sömmerda, Steffen Voigt, auf der Internetseite der Stadt. Über die Absage hatte zuvor die „Thüringer Allgemeine“ (Online) berichtet. Der Narrensturm in Sömmerda war einer der wenigen Live-Karnevalsveranstaltungen, die angesichts der Corona-Pandemie zur Weiberfastnacht in Thüringen überhaupt geplant waren. Dem Landesverband Thüringer Karnevalvereine waren zunächst keine weiteren Absagen von Faschingsveranstaltungen im Freistaat bekannt. Die meisten waren ohnehin als reine Internet-Übertragungen geplant.

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Erstellt:
24. Februar 2022, 16:50 Uhr
Lesedauer:
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