In der ehemaligen Zentralwerkstatt der Pulverfabrik stehen heute landwirtschaftliche Maschinen. Foto: Kakoschke

In der ehemaligen Zentralwerkstatt der Pulverfabrik stehen heute landwirtschaftliche Maschinen. Foto: Kakoschke

Liebenau, Steyerberg 11.06.2021 Von Mara Kakoschke, Von Helge Nußbaum

„Anlage Karl“ – die Pulverfabrik in Liebenau

Bis heute erinnern Hunderte Gebäude an die jahrelange Pulver- und Waffenproduktion im Landkreis

Gut getarnt erstreckt sich zwischen Liebenau und Steyerberg ein eingezäuntes, zwölf Quadratkilometer umfassendes Gebiet, dessen geschichtliche Bedeutung für viele wohl noch immer im Verborgenen liegt. Landläufig als IVG-Gelände bekannt, entstand hier ab 1939 eine Pulverfabrik, die von den Nationalsozialisten den Decknamen „Anlage Karl“ bekam.

Bis heute darf das gesamte ehemalige Werksgelände nicht frei betreten werden. Martin Guse, der im Mai 1999 den Verein Dokumentationsstelle Pulverfabrik Liebenau mitbegründete, öffnete für DIE HARKE die Pforten des weiträumigen Areals. Bei der Einfahrt enthüllt sich eine Welt, die einem die wechselhafte Geschichte mehrerer Jahrzehnte vor Augen führt. Im heutigen „Historischen Freitag“ geht es um die Entstehung der Pulverfabrik und die Nutzung des Geländes.

Planungsbeginn für die Pulverfabrik war 1938

Die Planungen zur Errichtung einer Pulverfabrik im Gebiet zwischen Liebenau und Steyerberg begannen im Jahr 1938. Das Gelände, das größtenteils im Besitz von Major a. D. Eduard von Eickhof-Reitzenstein (Bewohner des Schlosses Eickhof) war, wies hierfür alle Voraussetzungen auf. Das ausgedehnte Waldgebiet zwischen den beiden Ortschaften bot gute Tarnmöglichkeiten gegen Angriffe aus der Luft und auf dem Areal befand sich ein ergiebiges Grundwasservorkommen. Die Eisenbahnstrecke von Nienburg über Liebenau und von Steyerberg nach Rahden stellte damals die Verbindung zur Reichsbahn sicher, zudem konnte die Weser für den Umschlag von Massengütern bestens genutzt werden.

1960er Jahre: Blick in ein demontiertes Produktionsgebäude Foto: Archiv Eickhofer Heide GmbH

1960er Jahre: Blick in ein demontiertes Produktionsgebäude Foto: Archiv Eickhofer Heide GmbH

Major a. D. Eduard von Eickhof-Reitzenstein erhielt
damals 3 160 207 Reichsmark für seine Liegenschaften. Die Montan GmbH verwaltete das Gelände und die Werksanlagen für das Oberkommando des Heeres (OKH). Das OKH beauftragte die Firma Wolff & Co. mit dem Bau und kurz vor Kriegsbeginn, im Sommer 1939, begannen die umfassenden Arbeiten.

1960er Jahre: Kran im für die Pulverfabrik extra angelegten Weserhafen. Foto: Archiv Eickhofer Heide GmbH

1960er Jahre: Kran im für die Pulverfabrik extra angelegten Weserhafen. Foto: Archiv Eickhofer Heide GmbH

„Rund 70 Firmen mit mehreren Tausend Beschäftigten waren an diesem Großprojekt beteiligt – auch Häftlinge des 1940 errichteten Arbeitserziehungslagers Liebenau wurden herangezogen“, erzählt Martin Guse. Auf der Gesamtfläche von ungefähr zwölf Quadratkilometern entstanden zunächst insgesamt 356 Gebäude, wobei die Bauarbeiter 231 aufstehende, 104 umwallte Stein- und Betonbauten sowie 21 unterirdische Gebäude errichteten. Die Zahl der Werksbauten stieg in den folgenden Jahren auf über 420 an. Alle Bauten lagen aus Sicherheitsgründen weit auseinander. Ihre flachen Betondächer wurden zur Tarnung mit einer Erdschicht bedeckt sowie mit Nadelbäumen und Büschen bepflanzt.

Kohlekraftwerke mit 15 000 Kilowatt-Leistung

Zwei große Kohlekraftwerke mit jeweils 15 000 Kilowatt-Leistung sowie ein Diesel-Not-Kraftwerk sorgten für die Unabhängigkeit der Pulverfabrik hinsichtlich der Strom- und Dampfversorgung. Auf dem Gelände befand sich ein Kohlebunker mit einem Fassungsvermögen von 30 000 Tonnen, Wasserwerke sowie 70 Brunnen im Auetal, aus denen zwei Pumpwerke mit einer eigenen Filteranlage stündlich 2000 bis 2500 Kubikmeter Wasser in alle Werkteile förderten. Der Wasserverbrauch der Pulverfabrik soll damals so hoch wie der von Bremen gewesen sein.

150 Jahre DIE HARKE: Pulverfabrik Liebenau

Im Rahmen der Serie „Historischer Freitag“ blicken wir zurück auf die Geschichte der Liebenauer Pulverfabrik.

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Pulverfabrik Liebenau
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© DIE HARKE

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Auch sonst glich die Anlage einer Stadt: Es entstanden Einzelhausklärgruben und ein Mischwasserkanal, der die Ab- und Schmutzwässer nach einer Vorklärung in den nahen Winterbach leitete, sowie ein Kanalsystem, mit dem die sauren und gering verunreinigten Abwässer in die Weser geleitet wurden. Insgesamt wurden 200 Kilometer Kabelleitungen für Licht und Strom verbaut sowie 84 Kilometer Betonstraßen angelegt. Ein Netz aus 42 Kilometern Eisenbahnschienen, die das Werk mit dem Liebenauer Bahnhof und dem Weserhafen verbanden, wurde erschaffen – für den Transport verwendeten die Arbeitskräfte zwei Dampf- und Dieselloks, zwei feuerlose Pressdampfloks sowie 80 Elektrokarren.

Die Pulver-Produktion begann im Sommer 1941

Die Eibia GmbH, die den Betrieb als Tochterfirma von Wolff & Co. pachtete, nahm ihre Produktion im zweiten Kriegssommer (1941) auf. Zu diesem Zeitpunkt war das Werk jedoch immer noch nicht vollends fertiggestellt, dies sollte erst 1943 der Fall sein. In Liebenau wurde fortan sogenanntes Treibmittel für Granaten und Geschosse unterschiedlichster Art – also Pulver – produziert. Neben den genannten Pulvergrundstoffen fertigte die Eibia in Liebenau vor allem sogenannte Röhren-, Blättchen- und Ringpulver. „Bis in das letzte Kriegsjahr 1945 wurden insgesamt rund 41 000 Tonnen Pulver in Liebenau produziert – für die Größe der Anlage viel zu wenig und somit eigentlich keine ‚Erfolgsgeschichte‘“, berichtet Guse.

Das ehemalige Trockenhaus ist fast zugewuchert. Foto: Kakoschke

Das ehemalige Trockenhaus ist fast zugewuchert. Foto: Kakoschke

Nachdem die Briten das völlig intakte Werk am 10. April 1945 besetzten, nutzten die Alliierten die Pulverfabrik zunächst als Waffenlager. Die Demontage begann erst über zwei Jahre nach Kriegsende. Ab Oktober 1947 setzten die Alliierten hierfür bis zu 500 Arbeiter ein, überwiegend deutsche Kriegsgefangene und Vertriebene aus den deutschen Ostgebieten. Da in vielen Rohrleitungen hochexplosive Produktionsreste verblieben waren, war die Tätigkeit sehr gefährlich. Sämtliche Fertigungsanlagen wurden abgebaut und in verschiedene Länder Europas exportiert. Die Demontage dauerte über drei Jahre und insgesamt verließen 7940 Tonnen demontierten Materials das Werk. Von der Sprengung der gesamten Anlage wurde abgesehen, da bereits eine Weiternutzung als großes Munitionsdepot begonnen hatte.

Im Zuge der Wiedereinführung der allgemeinen Wehrpflicht überließen die Engländer im Jahr 1956 einen Teil des Geländes wieder der Bundeswehr. Im darauffolgenden Jahr pachtete zudem die Firma Dynamit Nobel Teile des Werksgeländes, um dort Sprengstoffe herzustellen. Anfang der 1960er Jahre war die Verwertchemie Liebenau die größte Pulverfabrik in der Bundesrepublik – bis zu 2500 Arbeitsplätze waren wieder entstanden.

Die Schaltzentrale der einstigen Betriebsfeuerwehr. Foto: Kakoschke

Die Schaltzentrale der einstigen Betriebsfeuerwehr. Foto: Kakoschke

Doch Mitte des Jahrzehnts kam es in der Branche zu deutlichen Auftragseinbrüchen. Der Munitionsbedarf der Bundeswehr sank stetig und der Personalbestand wurde mehr und mehr reduziert. Ab 1973 nutzte die niederländische Firma Eurometaal weitere Teile des Werks zur Waffenherstellung. 1977 stellte die Verwertchemie die Produktion ein. Guse: „Bis dahin zählten die auf dem Gelände ansässigen Firmen zu den größten Arbeitgebern in Liebenau und Steyerberg, es brach also ein für die regionale Wirtschaft durchaus wichtiger Zweig weg.“ Die niederländische Firma blieb den Liebenauern hingegen bis 1994 erhalten, ehe die Waffenproduktion auf dem IVG-Gelände knapp 50 Jahre nach Kriegsende endgültig eingestellt wurde.

1999: Vereinsgründung „Dokumentationsstelle“

1999 wurde der Verein Dokumentationsstelle Pulverfabrik Liebenau ins Leben gerufen. Die Erforschung und Erinnerung an die NS-Zwangsarbeit von 20 000 Europäer/innen im Werk und das Gedenken an die 2 000 Todesopfer stehen im Mittelpunkt. In einem Gebäudetrakt der ehemaligen Hauptschule, am historischen Ort des damaligen „Arbeitserziehungslagers“ entsteht bis 2023 eine Gedenk- und Bildungsstätte mit unterschiedlichen Präsentationsformen.

Im Nietrierhaus befand sich der Produktionsbereich „Nitroglycerin“. Foto: Kakoschke

Im Nietrierhaus befand sich der Produktionsbereich „Nitroglycerin“. Foto: Kakoschke

Geschäftsführer Martin Guse bietet historische Führungen über das weitläufige Gelände an, auch zu verschiedenen Gebäuden, die noch in ihrer ursprünglichen Form erhalten sind. Viele Bauwerke wurden nach dem Krieg verändert und anderen Bestimmungen zugeführt, auch Neubauten entstanden unter der Regie späterer Eigentümer wie Eurometaal.

Im Mittelpunkt der Vereinsarbeit stehen die Aufarbeitung und der Austausch mit ehemaligen Zwangsarbeiter/innen und deren Nachfahren sowie die jährlichen, internationalen Jugendaustauschprojekte. Besonders Jugendlichen möchte er die verschiedenen Nuancen der stattgefundenen Ereignisse, möglichst in mehrtägigen Workshops, nahebringen: „Es gibt hier nicht um Schwarz und Weiß – die Geschichte der Pulverfabrik besteht aus ganz unterschiedlichen Facetten.“

Auch wenn ihr durch den Bericht Interesse an der Pulverfabrik bekommen habt: Beachtet bitte, dass das Betreten des gesamten Geländes der Pulverfabrik in Liebenau verboten ist. Ausnahme hiervon sind Führungen, die über die Dokumentationsstelle angemeldet werden können. Weitere Informationen dazu findet ihr unter auf der Webseite der Dokumentationsstelle.

Zeitleiste des IVG-Geländes zwischen Liebenau und Steyerberg

  • 1938: Die zum IG-Farben-Konzern gehörende Firma Wolff & Co. aus Walsrode begann mit den Planungen für das Werk Liebenau und gründete im Oktober die Tochtergesellschaft Eibia GmbH.
  • ab Sommer 1939: Baubeginn in Liebenau, mit 3000 bis 4000 Bauarbeitern von 70 Vertragsfirmen und vom Reichsarbeitsdienst (RAD). Die Montan GmbH wurde mit der Werksverwaltung beauftragt. Die ersten ausländischen Arbeitskräfte kamen aus Italien, Polen und Tschechien.
  • 1940 bis 1943: An der Liebenauer Schloßstraße existierte auf Initiative der Firma Wolff & Co. ein Straflager der Gestapo Hannover - das „Arbeitserziehungslager“ Liebenau.
  • ab Juli 1941: Die Eibia GmbH begann in der noch nicht komplett fertiggestellten Werksanlage mit der Produktion von Röhren-, Blättchen- und Ringpulvern sowie den benötigen Vorprodukten. Weitere Arbeitskräfte aus der Sowjetunion, Polen, Frankreich, Belgien und den Niederlanden sowie sowjetische Kriegsgefangene kamen hinzu. Die Mehrzahl von ihnen war zwangsweise verschleppt worden.
  • Mai 1944: Wolff & Co. und die Eibia GmbH waren mit einem Anteil von über 30 Prozent an der gesamten Pulverproduktion im „Deutschen Reich“ zum größten Pulverproduzenten aufgestiegen. Allein in Liebenau wurden von 1941 bis 1945 insgesamt knapp 41 000 Tonnen Pulver produziert.
  • April 1945: Englische Truppen besetzten das unzerstörte Werk Liebenau. Sie nutzten es als Hauptmunitionsdepot und Sammelstelle für Beutemunition. Wegen der großen Menge aufgestapelter Munition wurde von einer Sprengung der Werksanlagen abgesehen.
  • Dezember 1946: Das Eibia-Werk Liebenau erschien auf der Liste der Reparationsbetriebe in der britischen Besatzungszone. Bei der Demontage gingen die Maschinen in zwölf verschiedene Länder.
  • seit 1951: Nach der Freigabe des 1945 beschlagnahmten „Reichsvermögens im ehemaligen Geschäftsbereich Speer“ übernahm die bundeseigene Industrieverwaltungsgesellschaft (IVG) zuvor „Montan GmbH“ – erneut die Verwaltung des Werksgeländes.
  • 1956: Mit Wiedereinführung der allgemeinen Wehrpflicht in der Bundesrepublik überließen die Engländer einen Teil des Geländes der Bundeswehr, die dort zunächst ein Geräte- und ab 1958 ein Munitionsdepot errichtete.
  • seit 1957: Die „Dynamit AG“ - später „Dynamit Nobel“ genannt – pachtete Teile des Werksgeländes von der NG, Tochtergesellschaften bezogen die Bunker auf dem Werksgelände. Zur ständig wachsenden Produktionspalette gehörten: Plastischer Sprengstoff, gepresste Sprengkörper und Übertragungsladungen aus TNT und Tetryl, gegossene Sprengladungen, diverse Pulver und Festtreibstoffe; Zündmittel, Artillerie- und Marinemunition, Panzerabwehrmunition und Artillerieraketen.
  • seit 1963/64 bis ca. 1970: Die nun als „Verwertchemie Liebenau“ bezeichnete Firma erhielt weniger Aufträge. Die Zahl der knapp 1500 Mitarbeiter/innen sank stetig. Es kam zur Verlagerung der Produktion in andere Werke.
  • ab 1973: Die Firma „Eurometaal“ aus den Niederlanden nutzte Teile des Werkes zur Herstellung von schweren Kalibern.
  • 1977: Die „Verwertchemie“ stellte ihre Produktion ein, „Eurometaal“ setzte die Produktion fort.
  • um 1980: Auf dem Werksgelände befand sich ein streng bewachtes Bunkerlager für amerikanische Atomsprengköpfe. Außerdem richtete man hier die „Landessammelstelle für radioaktive Abfälle“ ein.
  • 1990: Die etwaige ökologische Gefährdung durch Rüstungsaltlasten im Werk Liebenau wurde öffentlich diskutiert. Das Niedersächsische Umweltministerium veranlasste entsprechende Untersuchungen.
  • 1992 bis 1994: Öffentliche Proteste vereitelten den Export von 18 000 Splittergranaten der Firma „Eurometaal“ in die Türkei, die Krieg gegen die Kurden im eigenen Land führte. „Eurometaal“ reduzierte die Belegschaft des Liebenauer Werkes kontinuierlich und beendete 1994 als letzte Firma die Waffenproduktion auf dem Werksgelände.
  • 1996: Die Untersuchungen des Werksgeländes schlossen eine generelle Trinkwasserverseuchung aus, bestätigten aber eine Verunreinigung des Bodens in einigen Teilbereichen. Die IVG sucht nach neuen Investoren.
  • Mai 1998: Besuch der ehemaligen Zwangsarbeiterin der Pulverfabrik, Frau Katerina Derewjanko aus der Ukraine. In den Räten Liebenaus und Steyerbergs wurden Ideen zur wissenschaftlichen Dokumentation der NS-Geschichte der Pulverfabrik positiv aufgenommen.
  • April 1999: Gründung des interkommunalen Vereins „Dokumentationsstelle Pulverfabrik Liebenau“ mit Sitz in Steyerberg. Beginn der historischen Recherchen mit Förderung durch das Land Niedersachsen (Gedenkstättenreferat) mit dem Ziel der Einrichtung einer dauerhaften Gedenkstätte zur NS-Zwangsarbeit.

Mehr über die Arbeit der Dokumentationsstelle Pulverfabrik Liebenau erfahren Sie demnächst in einem separaten „Historischen Freitag“.

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Erstellt:
11. Juni 2021, 08:05 Uhr
Lesedauer:
ca. 6min 34sec

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