Wenn Rechnungen nicht mehr beglichen werden können, droht die Überschuldung. Foto: Gina Sanders/AdobeStock

Wenn Rechnungen nicht mehr beglichen werden können, droht die Überschuldung. Foto: Gina Sanders/AdobeStock

Nienburg 18.04.2021 Von Die Harke

Arbeitslosigkeit ist das größte Problem

Schuldnerberater Wolfgang Lippel stellt den Jahresbericht 2020 vor

Auch über der Arbeit der Schuldnerberatung schwebt die Corona-Pandemie, sagt Wolfgang Lippel. Er beging Ende 2020 genauso das 35-jährige Jubiläum wie auch die Nienburger Beratungsstelle im Paritätischen selbst. Covid-19 beeinflusste demnach sowohl die Situation der Überschuldeten als auch die Beratungssituation. Dabei habe sich herausgestellt, dass die anfangs vermutete stark steigende Beratungsnachfrage im letzten Quartal nicht eingetreten sei. „Die Fachwelt geht davon aus, dass das im Jahr 2021 der Fall sein wird, wenn Rücklagen verbraucht sind und Einkommensausfälle nicht mehr kompensiert werden können“, teilt Lippel mit.

„Ein Privathaushalt ist dann überschuldet, wenn Einkommen und Vermögen aller Haushaltsmitglieder über einen längeren Zeitraum trotz Reduzierung des Lebensstandards nicht ausreichen, um fällige Forderungen zu begleichen“. Das ist die Definition für Überschuldung der Bundesregierung in ihrem Armuts- und Reichtumsbericht. Die Wirtschaftsauskunftei Creditreform vermerkt laut Berater Lippel für 2020 6,85 Millionen überschuldete Einzelpersonen und 3,42 Millionen Haushalte. Das ergebe eine Quote von knapp zehn Prozent.

Wolfgang Lippel.

Wolfgang Lippel.

„Die Hauptursachen für die Überschuldung, die im iff-Überschuldungsreport sogenannten big six, sind weiterhin (in dieser Reihenfolge) Arbeitslosigkeit, Einkommensarmut, Krankheit/Sucht/Unfall, Scheidung/Trennung, unvernünftiges Konsumverhalten und gescheiterte berufliche Selbstständigkeit. Dies umfasst knapp 70 Prozent der Fälle und geht einher mit den Erfahrungen hier vor Ort“, erläutert Lippel.

Beratungsstelle war während des Lockdownds geöffnet

Die Beratungsstelle war auch während der Lockdowns für Ratsuchende geöffnet, natürlich unter strikter Einhaltung der üblichen AHA-Regeln. Im Jahr 2020 wurden insgesamt 142 Personen beraten. Hinzu kommen 122 Einmal-, Telefon- und E-Mailberatungen. Diese wurden aufgrund der Corona-Pandemie erstmals vollständig erfasst, sind aber im Vergleich zu den Vorjahren deutlich gestiegen. Im gleichen Zeitraum wurden 59 Bescheinigungen über unpfändbare Beträge bei Pfändungsschutzkonten (sogenannte P-Konto-Bescheinigungen) ausgestellt, in vielen weiteren Fällen wurde bei ausreichendem Grundfreibetrag nur über diesen Pfändungsschutz beraten.

Die Beratungsstelle nimmt seit 2014 an der bundesweiten Statistik zur Verbraucherüberschuldung teil, die Teilnahme an der Statistik ist Voraussetzung für die weitere Förderung der Beratungsstelle durch das Land Niedersachsen. Einige wenige Daten werden beim Erstbesuch erhoben, die meisten weiteren für die Bundesstatistik zu einem späteren Zeitpunkt. Das kann dazu führen, dass bei kürzeren Beratungszeiträumen Daten für die Bundesstatistik nicht erhoben werden. Dies erklärt die zahlenmäßigen Abweichungen der einzelnen Statistiken, betrifft aber nicht die grundlegenden Aussagen im statistischen Anhang. Es ist nur eine Frage der Quantität und nicht der Qualität der Daten.

Die Schuldnerberatung arbeitet im Nienburger „Arbeitskreis gegen Energiesperren“ mit. Hier wurde gemeinsam mit dem Fachbereich Soziales des Landkreises Nienburg und dem Jobcenter im Landkreis Nienburg ein Faltblatt erstellt, das von angedrohten oder schon erfolgten Energiesperren Betroffene informieren und Hilfestellung geben soll. Auch gab es Fachgespräche mit dem Landkreis, dem Jobcenter, BundespolitikerInnen aus der Region und Energieversorgern, um Verbesserungen für die Betroffenen zu erreichen. Auch an den Veranstaltungen zum Jahrestag der UN-Menschenrechtskonvention hat sich der Arbeitskreis beteiligt.

Unterstützung vom Landkreis Nienburg

Ebenfalls aktive Mitarbeit wird im Netzwerk Sozialplanung der Stadt Nienburg geleistet. In diesem Netzwerk, das im Rahmen der kommunalen Sozialberichtserstattung entstanden ist, wird gerade an der Herausgabe eines Sammelbandes für die Stadt zum Thema „Armut und Wohnen in Nienburg“ gearbeitet.

„Inhaltlich gilt es zu betonen, dass sich der Paritätische dem Konzept der Sozialen Schuldnerberatung verpflichtet fühlt. Dieses Konzept beschreibt die Schuldnerberatung als menschenrechtsbasierte Profession, in der die Ratsuchenden umfassend und ganzheitlich beraten werden, das Beratungsergebnis offen ist und nicht nur auf die Einleitung von Insolvenzverfahren zielt“, erklärt Lippel.

Unterstützung erhält die Einrichtung vom Landkreis Nienburg, dem größten Geldgeber der Schuldnerberatung, sowie dem Land Niedersachsen, der Sparkasse Nienburg und den Volksbanken im Landkreis.“

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Erstellt:
18. April 2021, 09:15 Uhr
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