Filmaufnahmen begleiten die Arbeit in der Polizeiakademie Niedersachsen in der internationalen Cold-Case-Analyse mit Studierenden aus Australien und Großbritannien außerhalb der Onlinemeetings. Foto: Polizeiakademie

Filmaufnahmen begleiten die Arbeit in der Polizeiakademie Niedersachsen in der internationalen Cold-Case-Analyse mit Studierenden aus Australien und Großbritannien außerhalb der Onlinemeetings. Foto: Polizeiakademie

Nienburg 03.01.2021 Von Die Harke

Auf den Spuren ungelöster Fälle

Polizeiakademie Nienburg unterstützt internationale Cold-Case-Analyse

Seit einigen Jahren werden Studierende an Polizeiakademien und verschiedenen Universitäten weltweit in die Analyse von ungeklärten Fällen und Fällen langjährig vermisster Personen (Cold Cases) eingeführt.

Nun ist es dem polizeilichen Expertennetzwerk für Vermisstenfälle (PEN MP), AMBER Alert Europe und Locate International erstmals gelungen, Bildungsorganisationen, die an diesen Fällen arbeiten, über Ländergrenzen hinweg miteinander zu verbinden. PEN MP ist offiziell von der Europäischen Union als Beratungsgremium in Vermisstenfällen anerkannt.

Beteiligt an diesem einzigartigen Projekt sind die Polizeiakademie Niedersachsen, wo seit 2014 entsprechende Unterstützungen der polizeilichen Praxis bei nicht geklärten Tötungsdelikten und Vermisstenfällen durchgeführt werden, sowie die Universities of South Wales, Leeds Beckett, Staffordshire, Winchester und Central Lancashire (GB) sowie Murdoch und Newcastle (AUS).

Dass ich den Cold-Case-Kurs belege, war von Beginn des Studiums mein großer Wunsch.
Lisa Hirsch, 3. Studienjahr im Bachelorstudiengang an der Polizeiakademie Niedersachsen
Vorrangiges Ziel dieser internationalen Zusammenarbeit ist es, entsprechend erforderliche Kompetenzen von Studierenden an der Polizeiakademie Niedersachsen sowie der Polizeiarbeit nahestehenden Fakultäten an den beteiligten Universitäten zu vertiefen und ihnen durch ein Ermittlungsspurencontrolling in den Cold Cases einen Bezug zwischen Theorie und Praxis zu vermitteln.

Dabei wird insgesamt eine ermittlungsorientierte Denkweise vermittelt, die sich auf Studierende und Lehrkräfte verschiedener Disziplinen wie Kriminalistik, Kriminologie, Polizeiwissenschaften, Rechtsmedizin, Psychologie, forensische Archäologie und Anthropologie bei den beteiligten Projektpartnern stützt.

Lisa Hirsch kam zur niedersächsischen Polizei mit einem Abschluss in Master of Science in Biodiversity, Ecology and Evolution im Schwerpunkt Forensical Science. Sie war auch von der Teilnahme am internationalen Cold-Case-Kurs sofort begeistert: „Ich habe mich sofort dafür gemeldet. Ich finde den Austausch über Erfahrungen und Ideen mit internationalen Studierenden äußerst spannend. Menschen mit vielleicht einem anderen kulturellen Hintergrund und aus anderen Fachdisziplinen bringen so unterschiedliche Blickwinkel ein, von denen ein solches Projekt und man persönlich nur profitieren kann.“

Nach einer theoretischen Einführung in die Grundlagen der Analyse von ungeklärten Fällen, insbesondere zur Vertiefung des Verständnisses von Opfer und Tatort, analysieren vier multidisziplinäre Teams der Polizeiakademie Niedersachsen und der beteiligten Universitäten mit insgesamt 45 Studierenden, die Ermittlungsakten zu einem versuchten Tötungsdelikt an einem Kind und einer langjährig vermissten Person aus den Zuständigkeitsbereichen der Polizeidirektionen Oldenburg und Osnabrück.

Die gewonnenen Ergebnisse werden dann den für die Cold Cases zuständigen Ermittlungsbehörden in Online-Veranstaltungen präsentiert und anschließend für weitere Bewertungen zur Verfügung gestellt. Die beteiligten Staatsanwaltschaften, die ihre Zustimmung für die Analyse der beiden Fälle erteilt hatten, legen neben der Polizeiakademie, großen Wert auf gut ausgebildeten polizeilichen Nachwuchs.

An der Polizeiakademie ist für die Initiierung, Planung und Umsetzung des Projekts Karsten Bettels aus dem Studiengebiet Kriminalwissenschaften verantwortlich. „Die Zusammenarbeit zwischen PEN-MP, Amber Alert Europe Locate International sowie zwischen den beteiligten Universitäten und der Polizeiakademie stellt sich als hervorragend und unkompliziert dar“, so Bettels. Das gilt auch für die Studierenden und die beteiligten Dozentinnen und Dozenten der britischen und australischen Universitäten.

Gerade für uns angehende Polizisten ist das ein ganz wichtiger Einblick.

Artjom Schwabauer, 3. Studienjahr im Bachelorstudiengang an der Polizeiakademie Niedersachsen

„Eine besondere Herausforderung und eine stringente Terminplanung stellt der Zeitunterschied zwischen Europa und den australischen Universitäten dar, der zum Beispiel nach Murdoch sieben Stunden und Newcastle sogar zehn Stunden beträgt. Trotzdem war eine extrem hohe Arbeitsbereitschaft zu bemerken. Für die Australier wurde es manchmal doch recht spät. Trotzdem waren alle anwesend, sehr engagiert und hatten Spaß bei der Sache“, bemerkt Lisa Hirsch.

Artjom Schwabauer ist ein weiterer der insgesamt zwölf Bachelorstudierenden der Polizeiakademie, die in dem englischsprachigen Kurs mitmachen. Für ihn war insbesondere ausschlaggebend, die Herausforderungen in der englischen Sprache anzunehmen und auch den Wandel in der Ermittlungsführung kennenzulernen, der sich in den Cold Cases in den Altakten im Vergleich zu heute im Besonderen widerspiegelt.

Das Analysieren der Fälle bietet auch einen enormen Zuwachs an Erfahrungen, gerade auch mit den unterschiedlichen Sichtweisen in der polizeilichen Ermittlungsarbeit in Australien, Großbritannien und Deutschland.


Er empfiehlt jeden Studierenden: Wer bereit ist „mehr Zeit aufzuwenden, um diese Erfahrungen im Bereich der polizeilichen Ermittlungen zu erweitern“, der ist in dem Kurs genau richtig aufgehoben.

Auch ist zu betonen, dass die an der Polizeiakademie Niedersachsen seit 2014 laufende Konzeption der stattgefundenen Kurse zu nicht geklärten Tötungsdelikten und Vermisstenfällen bei den beteiligten Universitäten einen sehr positiven Anklang gefunden hat. Das ist insbesondere vor dem Hintergrund bedeutsam, weil an einzelnen Universitäten teilweise ebenfalls seit längerem eigene Erfahrungen in der Cold-Case-Analyse gesammelt haben und eine enge Zusammenarbeit zu den örtlichen Polizeibehörden sowie auch weltweite Unterstützung besteht.

Zielrichtung ist der Aufbau einer festen Zusammenarbeit im Bereich der Internationalen Unterstützung bei der Cold-Case-Analyse ab 2021 unter dem Dach von PEN-MP, Amber Alert Europe und Locate International, in dem nicht nur nicht nur die Arbeit der Studierenden eine Rolle spielen wird, sondern auch online-Lehrveranstaltungen von Spezialisten der beteiligten Universitäten sowie der Polizeiakademie Niedersachsen.

Daneben gibt jetzt bereits schon seitens polizeilicher Bildungsträger und Universitäten aus dem deutschen Sprachraum konkrete zukünftige Teilnahmewünsche.

Lisa Hirsch: „Auch sind nebenbei tatsächlich Kontakte entstanden, die vielleicht noch nachhaltig gepflegt werden – weil man sich so gut verstanden hat und sehr gut zusammenarbeiten konnte. Und vielleicht fliege ich ja eines Tages nach Australien, um „Cold-Case-Freunde“ zu besuchen“.

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Erstellt:
3. Januar 2021, 20:03 Uhr
Lesedauer:
ca. 3min 41sec

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