Aus der Luft ist der Grundriss des einstigen Hauses gut erkennbar. Foto: Heinz-Dieter Freese

Aus der Luft ist der Grundriss des einstigen Hauses gut erkennbar. Foto: Heinz-Dieter Freese

Steyerberg 03.08.2020 Von Die Harke, Von Heidi Reckleben-Meyer

Aus der Luft entdeckt: ein Haus im Kornfeld

In der Nähe des Altsachsen-Fiedhofs zwischen Liebenau und Steyerberg an der Großen Aue Umrisse ausgemacht

An der Großen Aue zwischen Liebenau und Steyerberg entdeckten Luftbildarchäologen jetzt aus der Luft die Umrisse eines uralten Hauses.

Anhand von Verfärbungen im Kornfeld konnten die Konturen eines sogenannten Wohnstallhauses klar erfasst werden. Es steht zu vermuten, dass darin einstmals Menschen lebten, die im altsächsischen Friedhof Liebenau ihre letzte Ruhe fanden.

Mitte Juli starteten der Estorfer Pilot Rolf Meinking sowie der ehrenamtliche Luftbildarchäologe Heinz-Dieter Freese aus Verden vom Flugplatz Holzbalge zu einem archäologischen Suchflug. Ihr Hauptaugenmerk lag dabei auf der geplanten Südlinktrasse zwischen Walsrode und Hannover.

Aber auf dem Rückflug machten die Flieger noch schnell einen Abstecher nach Reese bei Steyerberg zu einer archäologischen Ausgrabung. Und die Begeisterung im Cockpit war groß, als sich in unmittelbarer Nähe des bekannten Altsachsen-Friedhofes der Umriss eines Hauses zeigte.

Kommunalarchäologe Daniel Lau: „Ein ganz seltener Fund. Ganz in der Nähe liegt ja das Gräberfeld des vierten bis neunten Jahrhunderts nach Christ, das landesweite Bekanntheit erlangte.“ Die Liebenauer Altsachen werden in einer Sonderausstellung im Nienburger Museum präsentiert.“ Lau: „Aber jahrzehntelang fragten sich die Wissenschaftler: Wo wohnten eigentlich die 521 Menschen, die in den Dünen an der Großen Aue bestattet wurden?“

Vom Flugplatz in Holzbalge starteten Heinz-Dieter Freese (links) und Rolf Meinking. Foto: privat

Vom Flugplatz in Holzbalge starteten Heinz-Dieter Freese (links) und Rolf Meinking. Foto: privat

Erst in den vergangenen fünf Jahren gab es große Fortschritte bei der Beantwortung dieser Frage: Der Verein „RAUZWI – Lebendige Archäologie Mittelweser“ hat zusammen mit dem Grabungsleiter Tobias Scholz und Studierenden des Seminars für Ur- und Frühgeschichte der Universität Göttingen, in mehreren Grabungskampagnen etliche Lebensspuren aus der Schlussphase des Gräberfeldes ans Tageslicht geholt.

Und in diesem Jahr wurde im Ortsteil Reese ein weiteres großes Areal mit Grubenhäusern freigelegt. Zusätzlich entdeckte Heinz-Dieter Freese bei dem oben genannten Luftbildflug 20 kleine „Souterrain“-Häuser auf der Nordseite der Großen Aue gegenüber der Grabungsstelle. Und beim Weiterflug sahen die Flieger das helle Rechteck eines vorgeschichtlichen Hauses im Korn schimmern.

Auf dem Luftfoto sehen wir im Getreide die Standspuren der lehmverputzten Außenwände, aber auch die Trennung zwischen Stall und Wohnbereich. Bernd Kunze, Hausforscher

Auf Nachfrage erklärte der Luftbildarchäologe, wie solch eine Verfärbung zustande kommt. Freese: „Unter dem Getreide liegt ein leichter Sandboden, der in heißen Sommern schnell austrocknet. An den Stellen, wo früher ein Pfostenloch oder ein Wandgraben ausgehoben wurde, gibt es mehr Wasserkapazität.

Die Getreidehalme bleiben grün, selbst wenn das Feld rundherum schon vergilbt. Und sie sind höher im Bewuchs. Kurz vor der Ernte leuchten diese Halme noch hellgelb, während rundherum schon alles dunkelbraun erscheint.“

Und was zeichnen die hellen Getreidehalme nun genau ab? Es ist auf jeden Fall der Grundriss eines Wohnstallhauses, in dem der Bauer mit seiner Familie und seinem Vieh unter einem Dach wohnte, so die Archäologen. Diese Wohnform sei schon früh weit verbreitet gewesen bei den Bauern in Europa. Vielleicht war einer der Gründe, dass im Winter das Vieh so leichter erreichbar und kontrollierbar war.

Teilrekonstruktion (2010) eines Gebäudes aus der Altsachsenzeit. Es dient heute als Unterstand. Foto: Axel Hindemith

Teilrekonstruktion (2010) eines Gebäudes aus der Altsachsenzeit. Es dient heute als Unterstand. Foto: Axel Hindemith

Die mit dem Vieh anfallende Arbeit konnte aufgrund der Lichtquelle des Herdfeuers auch abends erledigt werden, ohne das Haus verlassen zu müssen. Und durch das Aufstallen immer größerer Viehbestände wurden die Bauten immer länger.

Langhäuser hat man in Niedersachsen in großer Anzahl auf der Wurt Feddersen Wierde bei Bremerhaven ausgegraben, sie wurden errichtet zwischen dem ersten bis fünften Jahrhundert nach Christi. Aus dem Wohnstallhaus hat sich später das Hallenhaus, volkstümlich als Niedersachsenhaus bezeichnet, entwickelt.

Nach der Entdeckung aus der Luft hat Hausforscher Bernd Kunze (Martfeld) das Objekt nochmals mit einer Drohne fotografiert. Kunze: „Das neu entdeckte Haus ist 27 Meter lang und sechs Meter breit und deutlich in mehrere Abschnitte gegliedert. Auf meinem Luftfoto sehen wir im Getreide die Standspuren der lehmverputzten Außenwände, aber auch die Trennung zwischen Stall und Wohnbereich.“

Zur Frage des Alters ergänzt Kommunalarchäologe Daniel Lau: „Es gibt zwar ganz ähnliche Hausgrundrisse aus der Jungsteinzeit. Aber viel wahrscheinlicher ist eine Zeitgleichheit mit dem Altsachsen-Friedhof und die Frage nach der nächstgelegenen Siedlung ist somit beantwortet.“

Weiter: „Wir haben aber nicht vor, dort gleich eine Ausgrabung zu machen. Zumal wir jetzt davon ausgehen, dass der gesamte Uferrand der Großen Aue zwischen Liebenau und Steyerberg in vorgeschichtlicher Zeit dicht besiedelt war.“

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Erstellt:
3. August 2020, 05:07 Uhr
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