Da Sylvia Kuhlenkamp-Meinking (vorn) und Heide Beer derzeit nicht im geschlossenen Ganzjahresbad „Wesavi“ arbeiten können, unterstützen die beiden das Nienburger Stadt- und Kreisarchiv. Foto: Brosch

Da Sylvia Kuhlenkamp-Meinking (vorn) und Heide Beer derzeit nicht im geschlossenen Ganzjahresbad „Wesavi“ arbeiten können, unterstützen die beiden das Nienburger Stadt- und Kreisarchiv. Foto: Brosch

Nienburg 26.12.2020 Von Matthias Brosch

Badpersonal unterstützt Archiv

Leiterin Patricia Berger freut sich, dass das Entmetallisieren vorangeht

Das Stadt- und Kreisarchiv in Nienburg freut sich seit einigen Wochen über helfende Hände: Heide Beer, Kerstin Bröker und Sylvia Kuhlenkamp-Meinking entfernen unter anderem Büro- und Heftklammern, die zur Korrosion neigen.

Um Rostspuren auf den für die Lagerung gedachten Dokumenten oder gar ein „Einwachsen“ in die Papierstruktur zu verhindern, ist diese Arbeit nötig. Die drei sind ansonsten im Ganzjahresbad beschäftigt, das aufgrund der steigenden Coronavirus-Infektionszahlen seit Beginn des Lockdowns im November auf unbestimmte Zeit geschlossen ist.

Schwimmkurse fehlen


„Gerade jetzt in der Advents- und Weihnachtszeit vermisse ich es, unter Leuten zu sein. Die Schwimmkurse fehlen bestimmt nicht nur mir, sondern auch den Kleinen und ihren Eltern“, sagt „Sylle“ Kuhlenkamp-Meinking, die seit mittlerweile 43 Jahren für die Stadt Nienburg arbeitet und dankbar ist, nicht wie andere jetzt in Kurzarbeit zu sein.

„Ich muss immer etwas zu tun haben, brauche Action.“ Ihre Arbeitszeit teilt sich auf drei Tage im Archiv und zwei im Rathaus auf, wo sie insbesondere für den Empfang und die coronagerechte Leitung von Besuchern und Besucherinnen im Einsatz ist.


Ungeachtet des fehlenden Publikumsverkehrs gefällt Kuhlenkamp-Meinking die Arbeit mit den Akten, zumal diese Zeit absehbar sei: „Gerade für mich als Nienburgerin gibt es da viel über unsere Geschichte zu entdecken. Wir hatten mal zwölf Kneipen hier.“ Einen Moment innehalten musste die 58-Jährige bei einem Schreiben aus der Zeit des Nationalsozialismus, das mit „Heil Hitler!“ unterschrieben war.

Das Lesen während des Entfernens des Metalls ist grundsätzlich erlaubt, wobei über die genauen Inhalte und Personendaten natürlich Verschwiegenheit herrscht. Bei Dokumenten zu einer Viehzählung aus dem Jahr 1976 fällt dies indes nicht schwer, bei Unterlagen aus dem Straßenverkehrsamt vielleicht schon.

„Langweilig wird einem hier nie“, sagt ihre Kollegin Heide Beer, der vor allem der „Fund“ mit einem Landschaftsverzeichnis aus ihrem Heimatdorf Holte im Gedächtnis blieb. Sie genießt es, nun an den Wochenenden frei zu haben. „Das kennen wir gar nicht“, sagt die Bäderfachangestellte.


Freiräume für anderes


„Ich bin unheimlich dankbar, dass diese Aufgabe erledigt wird“, sagt Archivleiterin Patricia Berger. Die dafür zuständigen Fachangestellten für Medien und Informationsdienste, Linda Oerzen und Melanie Rocktöschel, könnten sich derzeit anderen wichtigen Dingen widmen. „Anfragen etwa aus dem Personenstandsregister haben stets Vorrang, das Entmetallisieren bleibt dann oft liegen. Ein Archiv ist eigentlich immer im Rückstand.“ Als vierte festangestellte Kraft ist mit Sebastian Hartwig ein Diplom-Archivar an der Verdener Straße tätig.


In Nienburg gibt es fast 1,4 Kilometer Akten, von denen geschätzt ein Drittel noch entmetallisiert werden muss. Dadurch können die Einzelblätter ohne den Aufwuchs an der linken oberen Ecke besser in säurefreien Kartons gestapelt und staub- und lichtgeschützt gelagert werden. Es werden vor allem Unterlagen der Stadtverwaltung archiviert und „regalfertig“ gemacht.

Die Fachangestellten für Bäderbetriebe sind eifrig dabei, „zu sechs Stunden am Stück würden wir bei unseren zu erledigenden Alltagsdingen nie kommen“, sagt Berger, die sich dringend eine Alternative zum Hefter mit Metallklammern wünscht. „Wir befinden uns zwar im digitalen Wandel, aber bis Papier verschwinden könnte, wird es meiner Einschätzung nach noch mindestens 30 Jahre dauern.“

Sebastian Hartwig, Linda Oerzen, Melanie Rocktösche und Archivleiterin Patricia Berger sind froh über die Hilfe.Foto: Brosch

Sebastian Hartwig, Linda Oerzen, Melanie Rocktösche und Archivleiterin Patricia Berger sind froh über die Hilfe.Foto: Brosch

Die städtischen Auszubildenden, die bei ihr eingesetzt werden, dürfen ebenfalls entmetallisieren, „danach sagen sie, dass sie nie mehr etwas tackern werden ...“


Bereits vor etwas über acht Jahren hatte das Stadt- und Kreisarchiv im Übrigen erstmals Hilfe vom Bäderpersonal bekommen. Nach der Schließung des damaligen Frei- und Hallenbades an der Mindener Landstraße im Oktober 2012 und der Eröffnung des „Wesavi“ ab September 2014 halfen Heide Beer-Niebisch und Kerstin Bröker in den Wintermonaten aus.

Sylvia Kuhlenkamp-Meinking war an einem Kindergarten und für den Ganztag einer Grundschule abgeordnet – „das war auch wunderschön, aber jetzt hoffe ich, dass das Wesavi bald wieder öffnen kann“.

Zum Artikel

Erstellt:
26. Dezember 2020, 15:49 Uhr
Lesedauer:
ca. 2min 56sec

Artikel empfehlen

Artikel Aktionen

Themen


Sie müssen angemeldet sein, um einen Kommentar verfassen zu können.