Nikias Schmidetzki DH

Nikias Schmidetzki DH

Landkreis 05.10.2018 Von Nikias Schmidetzki

Ballett am Kofferraum

Der Mann hat offenbar doch nicht getanzt. Auch nicht, wenn es zunächst ein wenig danach aussah. Vielmehr ist er anscheinend ein Opfer der Technik geworden. Ein Opfer der Technik, die nicht so funktionierte, wie sie eigentlich sollte. Aber von vorn: Mit einer mit Einkäufen gefüllten Kiste kam der Senior aus einem Discounter und steuerte direkt auf eine große Limousine zu. Dann streckte er eines seiner Beine leicht aus, so dass er damit unter dem Heck des Autos leicht kreisende Bewegungen vollzog. Im Anschluss folgte direkt das andere Bein, das er behutsam ebenfalls im gestreckten Zustand von der einen Seite auf die andere unter der Stoßstange bewegte.

Während sich im Kopf des heimlichen Zuschauers zaghaft eine dazu passende Melodie entsponn, setzte der Mann die Kiste vorsichtig ab, unterbrach seine Choreografie – griff an die Kofferraumklappe und öffnete sie ganz manuell. Ein bis zum Rand mit Sensoren ausgestattetes Oberklassefahrzeug hatte ganz offensichtlich an dieser Stelle den Dienst quittiert. Keine Reaktion rief das Wedeln hervor, die Klappe blieb geschlossen, bis sich der Fahrer persönlich um sie kümmerte. Es ist im Grunde ja auch nur zu menschlich, dass sich selbst ein technisch hochentwickeltes Vehikel nach Kontakt sehnt. Mir reicht es schon, dass ich nicht jedes Mal sagen muss: „Lieber Kofferraum, bitte lass’ dich jetzt öffnen. Es wäre mir eine Freude, dich zum Transport meiner heutigen Einkäufe zu nutzen. Danke, dass du mich immer unterstützt.“

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Erstellt:
5. Oktober 2018, 21:00 Uhr
Lesedauer:
ca. 1min 45sec

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