Renate Bunke wird von der Polizei immer dann informiert, wenn die Einsatzkräfte zu Fällen von häuslicher Gewalt gerufen wurden. Ihre Hilfe wird von den Frauen so gut wie immer dankend angenommen. Foto: Hagebölling

Renate Bunke wird von der Polizei immer dann informiert, wenn die Einsatzkräfte zu Fällen von häuslicher Gewalt gerufen wurden. Ihre Hilfe wird von den Frauen so gut wie immer dankend angenommen. Foto: Hagebölling

Nienburg 04.07.2020 Von Edda Hagebölling

„Beim Handy das GPS ausschalten“

Wer schlägt, muss gehen: Renate Bunke berät Opfer häuslicher Gewalt nach einem Polizeieinsatz

„Wer schlägt, muss gehen.“ Diese eindeutige Botschaft sendet das Gewaltschutzgesetz, das bereits 2002 in Kraft getreten ist. Mit dem Gesetz ist unmissverständlich geregelt, dass die Polizei das Recht hat, Opfer häuslicher Gewalt zu schützen, indem der Täter der Wohnung verwiesen wird. Ansprechpartnerin für Frauen, die diese Situation erleben, ist Renate Bunke.

Die Mitarbeiterin der Beratungs- und Interventionsstelle bei Häuslicher Gewalt (BISS) wird von der Polizei immer dann informiert, wenn die Einsatzkräfte von Frauen alarmiert wurden, die ihrem prügelnden Partner schutzlos ausgeliefert waren.

Hilfe wird meist angenommen

„In 98 Prozent aller Fälle nehmen die Frauen meine Hilfe an“, so die Sozialpädagogin Renate Bunke. Oft wissen sie auch schon, dass die Mitarbeiterin der Beratungsstelle sich bei ihnen melden wird. Die Polizei hat die Frauen noch direkt beim Einsatz darauf hingewiesen.

Bis zum Inkrafttreten der Datenschutzgrundverordnung erhielt Renate Bunke von der Polizei neben den Angaben zum Opfer auch Hintergrundinformationen zum Täter. „Das war immer sehr hilfreich, gab es doch Aufschluss darüber, ob es sich um einen Erst- oder einen Wiederholungstäter handelt und ob er schon anderweitig mit dem Gesetz in Konflikt gekommen ist“, so Renate Bunke.

Ein Teil der Frauen, die die Polizei rufen, weil sie sich und ihre Kinder vor ihren gewalttätigen Partnern schützen müssen, versucht nach dem Einsatz, das Familienleben fortzuführen. Erst recht, wenn es das erste Mail war, dass die Polizei gerufen werden musste und der Einsatz eher sozusagen als Schuss vor den Bug gelten sollte. In diesem Fall zeigt Renate Bunke Hilfsangebote auf, wie Eheberatung, Familientherapie – in etwa der Hälfte der Fälle sind auch Kinder betroffen – oder Therapieangebote für den Mann. „Männer, die schlagen, haben häufig ein Alkoholproblem“, so Renate Bunke.

Ein großer Teil der Hilfe suchenden Frauen trennt sich

Doch ein großer Teil der Frauen, die die Polizei um Hilfe bitten musste, trennt sich. Eine Entscheidung, die viele Männer nur schwer akzeptieren wollen, wie die BISS-Mitarbeiterin aus ihrer täglichen Arbeit weiß. „Manche Männer tun sich auch schon schwer damit, den zunächst auf 14 Tage ausgelegten Platzverweis zu respektieren“, so Renate Bunke weiter. Natürlich hat die Frau das Recht, die Polizei zu rufen, wenn sich der Partner nicht an den Platzverweis hält. In sollen Fällen empfiehlt die Sozialpädagogin aber auch, zusätzlich die Fenster und Türen sichern zu lassen, sich ein zusätzliches Handy zuzulegen, dessen Nummer wirklich nur mit Bedacht ausgewählte Personen bekommen, und beim eigentlichen Handy die GPS-Funktion auszuschalten. „Der ‚Weiße Ring‘ leistet in solchen Fällen ebenso wertvolle wie unbürokratische Hilfe“, berichtet Renate Bunke.

Der vorübergehende Platzverweis soll den Frauen Zeit verschaffen, in Ruhe zu überlegen, wie es weitergehen kann. Anzeige erstatten müssen sie nicht selbst, häusliche Gewalt ist ein Offizialdelikt, das von der Polizei automatisch an die Staatsanwaltschaft weitergeleitet wird. „Die Frauen müssen in diesem Punkt nichts überstürzen. Vielmehr können sie sich ausführlich über ihre rechtlichen Möglichkeiten informieren und sich an eine Rechtsanwältin zu wenden.

In vielen Fällen ist Stalking ein großes Problem. Der Mann fängt die Frau auch nach einem Wohnungswechsel auf dem Weg zur Arbeit, zum Kindergarten, zur Schule, zum Einkaufen oder zum Sport ab oder steht einfach vor dem Fenster. Das Opfer hat zwar die Möglichkeit, ein Näherungsverbot oder eine Bannmeile zu erwirken, dass der Mann sich daran hält, ist damit jedoch nicht gewährleistet. „Auch kann es sein, dass er eben in 51 Metern Entfernung wartet, wenn sich die Bannmeile über 50 Meter erstreckt“, gibt Renate Bunke zu bedenken.

Keine andere Wahl als Wohnortwechsel

In derart hartnäckigen und nicht ungefährlichen Fällen haben die Frauen in der Regel gar keine andere Wahl, als den Wohnort zu wechseln und noch einmal komplett neu anzufangen.

Das Stalken selbst ist häufig nur schwer nachzuweisen. Renate Bunke empfiehlt den Opfern in solchen Fällen, ein Stalking-Tagebuch zu führen, in dem alle Begegnungen vermerkt werden, und auch alle WhatsApp-Nachrichten, SMS, E-Mails oder Nachrichten auf dem AB zu speichern.

Wichtig sei außerdem, Freunde oder Wohnungsnachbarn zu informieren und sie zu bitten, nicht einfach auf den Summer zu drücken, wenn unten vor dem Haus geklingelt wird.

Corona und der damit einhergehende Lockdown bei Gerichten, Anwälten und auch bei der BISS selbst hat die Situation für die Frauen natürlich nicht einfacher gemacht. Eine telefonische Kontaktaufnahme war jedoch die ganze Zeit hindurch möglich, mittlerweile kann die BISS auch wieder direkt angesteuert werden.

Allerdings ist auch Renate Bunke aufgefallen, was in den beiden Ausgaben davor in den berichten über das Frauenhaus beziehungsweise die Kinder im Frauenhaus auch schon deutlich wurde: die zahl der Einsätze ist während des Lockdowns nicht gestiegen.

Die Frauen waren vermutlich so damit beschäftigt, das Familienleben irgendwie aufrecht zu erhalten und den Haushalt zu regeln, dass für die Wahrnehmung ihrer eigenen Situation gar keine Zeit blieb.

Zu erreichen ist die BISS unter Telefon 0 50 21 / 88 94 88 oder per E-Mail unter biss-nienburg@web.de.

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Erstellt:
4. Juli 2020, 19:15 Uhr
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