04.11.2012

Bevor der Rosenkrieg ausbricht

Beratungsstelle des Landkreises kümmert sich um Kinder, deren Eltern sich um sie streiten

Von Edda Hagebölling

Nienburg. „Für die Kinder wäre es besser, wenn die Eltern zu uns kämen, bevor zwischen ihnen der Rosenkrieg ausbricht.“ In der täglichen Arbeit der Diplom-Sozialpädagoginnen Claudia Mente und Petra Stemme nimmt die Beratung von Müttern und Vätern, die in Scheidung leben, einen breiten Raum ein. Und sie wissen: Je länger der Streit dauert, desto mehr verhärten sich die Fronten und desto geringer sind die Chancen, dem Kind helfen zu können.

Seit mittlerweile 40 Jahren gibt es beim Landkreis Nienburg die Beratungsstelle für Kinder, Jugendliche und Eltern. Beheimatet ist sie seit ein paar Jahren in den ehemaligen Räumen der Landwirtschaftskammer in der Rühmkorffstraße. Aus Anlass des Jubiläums stellt die Harke am Sonntag die vier Themenbereiche vor, die den Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern am meisten auf den Nägeln brennen: Wenn das Kind zum Zappelphilipp wird. Wenn der PC wichtiger wird als die Familie und die Freunde. Wenn der Spaß aufhört – sexuelle Grenzverletzungen gegenüber Kindern und Jugendlichen. Und: Wenn Eltern sich um das Kind streiten.

Um Hilfe gebeten werden Claudia Mente und Petra Stemme und ihre Kolleginnen und Kollegen von Eltern, die sich getrennt haben, in der Regel erst, wenn das Kind bereits Verhaltensauffälligkeiten zeigt. Und Erzieherinnen oder Lehrerinnen sie darauf hinweisen. Oder wenn das Gericht die Hilfe der Beratungsstelle anordnet. Denn nicht selten endet der Streit darüber, bei welchem Elternteil das Kind leben darf, vor dem Familiengericht.

„Eine Beratung in diesen hoch strittigen Fällen ist sehr zeitaufwändig, und häufig sind die Fronten auch schon so verhärtet, dass wir die Beratung abbrechen“, so Claudia Mente und Petra Stemme. Sie würden es sehr begrüßen, wenn Eltern, die sich getrennt haben, ihren Streit nicht auf dem Rücken der Kinder austrügen, sondern sich darauf besinnen würden, dass das Kind auch weiterhin Vater und Mutter braucht. Auch wäre es aus Sicht der Sozialpädagoginnen wichtig, die Kinder nicht ständig in Loyalitätskonflikte zu stürzen. „Das Kind muss das Kind bleiben, und das Wohl des Kindes muss auch nach einer Trennung über allem stehen,“ betonten die Mitarbeiterinnen der Beratungsstelle, und ergänzen: „Bis zum Alter von elf, zwölf Jahren müssen sich die Eltern zwingend intern darauf verständigen, wann das Kind wo ist, wie es seine Ferien verbringt oder bei wem es seinen Geburtstag feiert.“ Diese Entscheidung dem Kind zu überlassen, sei hochgradig unfair. Auch müssten Absprachen zwischen dem einen Elternteil und dem Kind unbedingt auch dem anderen Elternteil mitgeteilt werden. „Geschieht das nicht, kann es dazu kommen, dass die Eltern wie zwei Züge aneinander vorbeifahren“, verdeutlich Claudia Mente.

„Kommt das Kind jedoch in die Pubertät, sollten die Entscheidungen nicht mehr über den Kopf der Tochter oder des Sohnes hinweg getroffen werden“, so die Sozialpädagoginnen. Im Idealfall gestatte eine Mutter ihrem Kind, mal eben zum Vater zu fahren, um mit ihm für die bevorstehende Mathearbeit zu üben und damit nicht erst bis zum verabredeten Besuchstermin am Sonnabend warten zu müssen, führen sie vor Augen.

Würden die Eltern die kostenlose Beratung der Fachleute in Anspruch nehmen, bevor die Krise ausbricht, würden die Psychologen und Pädagogen ihnen vor Augen führen, was eine Trennung bei einem Kind anrichtet. „Kein Kind, ganz gleich, ob sieben Monate oder sieben oder 17 Jahre, möchte, dass die Eltern sich trennen. Wenn es aber so ist, müssen die Eltern ihrer Tochter oder ihrem Sohn unbedingt deutlich machen, dass nicht etwa das Kind die Ursache dafür ist. Kinder neigen dazu, die Schuld bei sich zu suchen“, betonen Petra Stemme und Claudia Mente. Ganz wichtig ist in ihren Augen auch, dass auch der Kontakt zu allen Großeltern, Tanten, Onkeln oder Personen, die dem Kind nahe stehen, bestehen bleibt.

Und was den beiden Sozialpädagoginnen besonders in den letzten Jahren auch auffällt: Immer mehr Eltern werden immer früher immer hilfloser.

Zu erreichen ist die Beratungsstelle unter 05021/967-679 oder bkje@kreis-ni.de.

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Erstellt:
4. November 2012, 00:00 Uhr
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