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Rubrik: Boulevard

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Berlin

Wieviele Jubiläen passen in ein Jahr?

Das 100-jährige Gründungsjubiläum des Bauhauses wird groß gefeiert, andere Jubiläen ebenfalls. Foto: Britta Pedersen
Das 100-jährige Gründungsjubiläum des Bauhauses wird groß gefeiert, andere Jubiläen ebenfalls. Foto: Britta Pedersen

2019 wird in der Kultur ein Mega-Gedenkjahr.

100 Jahre Bauhaus, 500. Todestag von Leonardo da Vinci, 350. Todestag von Rembrandt, 200. Geburtstag von Theodor Fontane, 250. Geburtstag von Alexander von Humboldt. 2020 folgt dann das große Beethoven-Jahr zu seinem 250. Geburtstag. So extrem war es wohl noch nie.
Dahinter steckt ein handfestes Interesse: Mit großen Namen kann man Besucher anlocken. Und runde Jahrestage sind ein bewährter Aufhänger. «Runde Zahlen verschaffen uns rasch Orientierung, geschichtlich und kulturell», erläutert der Bildungsforscher Thomas Kliche. «Sie geben uns eine gut greifbare Größenordnung für zeitliche Entfernung.» Wer sich dafür empfänglich zeige, könne sich außerdem zu den Gebildeten rechnen «oder zu den Sachkundigen, den Eingeweihten». Er oder sie gehört dazu.
Im Kulturbetrieb weiß man zudem: Auch die Medien steigen bei Jubiläen ein und bringen ausführliche Berichte. So wird zusätzliche Aufmerksamkeit erzeugt. Sehr gut war dies im vergangenen Jahr beim Gedenken an den Ausbruch des Dreißigjährigen Krieges 1618 zu beobachten: Bücher, Fernsehdokumentationen und Ausstellungen verstärkten sich gegenseitig und fachten das Interesse an.
Was sich die Kulturbetriebe erhoffen, ist ein Anblick wie er sich 2012 vor der Neuen Nationalgalerie in Berlin bot: Da standen die Besucher einer großen Werkschau zum 80. Geburtstag von Gerhard Richter Schlange. Aber macht das Ganze darüber hinaus irgendeinen Sinn? «Ich glaube schon, dass die Idee, an einen runden Geburtstag zu erinnern und damit das kollektive kulturelle Gedächtnis zu aktivieren, einen gewissen Sinn macht», sagt Stephan Berg, Intendant des Kunstmuseums Bonn. «Das Problem ist sicher, dass eine Ermüdung einsetzen kann.»
Als Paradebeispiel dafür gilt in der Branche das Lutherjahr 2017, das schon im Jahr davor durch zahlreiche Veranstaltungen und Bücher angekündigt wurde. Im eigentlichen Jubiläumsjahr war dann eine gewisse Übersättigung unverkennbar.
Wäre es sinnvoll, sich angesichts der Fülle von Jubilaren jedes Jahr auf den wichtigsten zu konzentrieren? Wer das dann jeweils sein soll, ist allerdings schwer zu entscheiden. «Leonardo gegen Rembrandt - wer ist der Größte?», fragt «Guardian»-Kolumnist Jonathan Jones. Er kommt zu dem Schluss, dass Leonardo deshalb der Größere ist, weil er nicht nur als Maler ein Riese war, sondern ebenso als Wissenschaftler und Erfinder. Jones: «Komm schon, gib's zu, Rijksmuseum: Es ist jetzt einfach nicht Rembrandt-Jahr!» Man darf vermuten, dass sich das Rijksmuseum in Amsterdam davon nicht beeindrucken lässt. Denn es nennt nun mal die größte Rembrandt-Sammlung sein eigen, besitzt aber kein einziges Gemälde von Leonardo. Ein schlagendes Argument dafür, 2019 zum Rembrandt-Jahr auszurufen.
Für Stephan Berg ist entscheidend, dass ein Jubiläum nicht nur zum Anlass genommen wird, das Leben eines Genies runterzubeten. Vielmehr müsse deutlich werden, worin die Relevanz für die heute Lebenden bestehe. Und dieser aktuelle Bezug darf ruhig auch mal kritisch ausfallen. «Was zum Beispiel das Thema Bauhaus anbelangt: Wir wohnen heute am liebsten in Gründerzeithäusern des späten 19. Jahrhunderts.» Die sind mit ihrem Stuck und ihren Giebelfiguren so ziemlich das Gegenteil von Bauhaus. «Die Bauhaus-Idee ist an der Stelle eigentlich ein elitäres Konzept geblieben.»
Kurios ist, dass so mancher groß gefeierte Jahrestag keineswegs sicher ist. So wurde 2006 mit riesigem Aufwand des 400. Geburtstags von Rembrandt gedacht - dabei steht gar nicht fest, dass dieser 1606 zur Welt kam. In einem Taufregister taucht sein Name ebenso wenig auf wie auf einem Geburtsschein. Das Datum 15. Juli 1606 geht lediglich auf seinen ersten Biografen zurück.
Im Laufe seines Lebens gab Rembrandt sein Alter dreimal so an, dass er zurückgerechnet ein Jahr später geboren sein müsste, im Jahr 1607. Allerdings scheint er sich selbst nicht ganz sicher gewesen zu sein, denn einmal sagte er, er sei «ungefähr 46». Auch das Alter seiner Verlobten Saskia van Uylenburgh schrieb er 1633 falsch auf. Das war nicht ungewöhnlich, denn viele Jahrhunderte lang hatten die Menschen an solchen Zahlen überhaupt kein Interesse. Man war jung, in den besten Jahren oder alt. Alles andere war unnützes Detailwissen. Kolumne von Jonathan Jones

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