Will den FC Bayern München verlassen: Hansi Flick. Foto: Matthias Balk/dpa POOL/dpa

Will den FC Bayern München verlassen: Hansi Flick. Foto: Matthias Balk/dpa POOL/dpa

München 18.04.2021 Von Deutsche Presse-Agentur

FC Bayern „missbilligt“ Flicks öffentlichen Abschiedswunsch

Die Führung des FC Bayern hat verärgert auf die öffentliche Abschiedsankündigung von Trainer Hansi Flick reagiert.

„Der FC Bayern missbilligt die nun erfolgte einseitige Kommunikation durch Hansi Flick und wird die Gespräche wie vereinbart nach dem Spiel in Mainz fortsetzen“, teilte der Vorstand des deutschen Fußball-Rekordmeisters mit. Coach Flick hatte am Samstag nach dem Bundesliga-Spiel in Wolfsburg öffentlich gemacht, dass er die Münchner gebeten habe, seinen noch bis Mitte 2023 laufenden Vertrag nach dieser Saison aufzulösen.

Die Bayern bestätigten zwar am Sonntag diese Bitte. Man habe aber eigentlich mit Flick vereinbart, den Fokus zunächst auf die Bundesliga-Partien in Wolfsburg, gegen Bayer Leverkusen am Dienstag und den FSV Mainz 05 am nächsten Samstag zu legen. Damit wollte man „die volle Konzentration des gesamten Vereins auf diese drei wichtigen Spiele“ nicht stören. Ob Flick wie von ihm erhofft eine Freigabe nach der Saison erhält, ist damit zunächst weiter offen.

Flick selbst stand am Tag nach dem Abschieds-Knall wieder ganz normal auf dem Trainingsplatz. Eingepackt in eine dicke Bayern-Jacke überwachte er das Übungsprogramm der Reservisten.

600 Kilometer entfernt vom Münchner Vereinsgelände hatte Flick am Abend zuvor in der Wolfsburger Fußball-Arena forsch und überfallartig die Notbremse gezogen, nachdem er sein Abschiedsgeschenk an den FC Bayern praktisch eingetütet hatte. Die Münchner Bosse wurden von ihrem Trainer kalt erwischt, das Gros der Mannschaft überrascht.

„Für mich ist es jetzt auch raus“, sagte Flick hörbar erleichtert, nachdem er seinen Wunsch nach einer Auflösung seines noch zwei Jahre laufenden Vertrages zum Saisonende publik gemacht hatte. Es war die Hammer-Zugabe nach dem so wichtigen Münchner 3:2 (3:1) im Bundesliga-Topspiel beim Tabellendritten VfL Wolfsburg.

Der deutsche Rekordmeister steht plötzlich blank da, er braucht ganz schnell einen Nachfolger. Flicks Wunsch zu gehen kann der Verein ihm kaum verwehren. Flicks Trainer-Zukunft dürfte wieder beim DFB liegen.

„Der Verein weiß Bescheid, die Mannschaft weiß jetzt auch Bescheid, das war mir wichtig“, sagte Flick in Wolfsburg. Der designierte Bundestrainer wirkte nach Wochen, „die für mich nicht ganz easy waren“, wie von einer Last befreit. Eine längere Schauspielerei rund um seine Zukunft mochte sich der Sechs-Titel-Coach nach der Vorentscheidung im Meisterschaftsduell mit Verfolger RB Leipzig nicht länger zumuten. Er nutzte vielmehr den Erfolgsmoment, um einen für sich sauberen Schlussstrich unter eine aufregende, erfolgreiche, aber auch kraftraubende und nun erstaunlich kurze Bayern-Ära zu ziehen.

Eigentlich sollte erst nach der Englischen Woche kommuniziert werden, was Flick dem Verein nach dem Champions-League-Aus am Dienstag in Paris mitgeteilt hatte. Aber Flick wollte nun doch dem „Flurfunk“ an der Säbener Straße zuvorkommen. „Es war wichtig, dass die Mannschaft das Ganze von mir erfährt, weil wir knapp eineinhalb Jahre sehr gut zusammengearbeitet haben“, sagte Flick. Die Spieler sind seine größten Verbündeten - und sie sollen es bis zum Ende bleiben: „Wir haben noch ein bisschen was vor in den fünf Spielen. Wir wollen den fünften Stern auf den Trikots.“ Der fast gewonnene 30. Meistertitel zu Bundesliga-Zeiten ist dafür nötig.

Flick unterrichtete also das Team um den Matchwinner und zweifachen Torschützen Jamal Musiala sowie den zum 2:1 erfolgreichen Eric Maxim Choupo-Moting unmittelbar nach dem Abpfiff in der Kabine. „Es ist für uns als Mannschaft sehr traurig und hat auch die meisten Spieler von uns überrascht“, sagte Kapitän Manuel Neuer und betonte: „Wir haben zusammen die erfolgreichste Bayern-Zeit überhaupt ins Leben gerufen.“ Neuer bezeichnete Flick sogar als „besten Trainer der Welt“.

Den Schwarzen Peter halten nun die Münchner Bosse in Händen, allen voran Flicks Intimfeind Hasan Salihamidzic - aber auch Oliver Kahn. Die Vereinsführung hatte die Entfremdung des Trainers unterschätzt. Nur der am Jahresende scheidende Vorstandschef Karl-Heinz Rummenigge (65) kämpfte öffentlich um Flick. Differenzen in Kaderfragen, die Auswirkungen und Belastungen der Corona-Krise haben an Flick gezehrt. Und der unübersehbar eskalierte Konflikt Flicks mit Sportvorstand Salihamidzic wurde nicht ausgeräumt.

„Anders war es nicht mehr zu lösen, das Tischtuch war zerschnitten. Er hat häufig Hilferufe losgelassen, keiner hat ihn erhört“, befand Sky-Experte Lothar Matthäus. „Hansi Flick weiß, was er will und wie er arbeiteten möchte“, sagte Neuer im ZDF. Fakt ist: Weitermachen wie zuletzt - und mit Salihamidzic - wollte er nicht.

Flicks vorgezogene Abschiedsworte in Wolfsburg ließen tief blicken. Er werde dem Verein und den Verantwortlichen, „ob es der Kalle (Rummenigge), ob es Uli (Hoeneß) war oder Herbert Hainer, ewig dankbar sein“ dafür, dass sie ihm im November 2019 erst auf Zeit und dann dauerhaft das Vertrauen geschenkt hätten, eine super Mannschaft anleiten zu dürfen. Der Name Salihamidzic fiel beim Aufzählen nicht.

Flick sagte dem Team, „dass er auch sehr viel Energie gelassen hat in den extrem intensiven eineinhalb Jahren“, wie Thomas Müller verriet. Dass der einstige Bayern-Fan und spätere Bayern-Profi Flick („Gerd Müller, Paul Breitner, Kalle Rummenigge waren meine Idole“) von sich aus gehen will, ist Resultat „reiflicher Überlegung“, wie er sagte: „Es sind Dinge, die in der Entwicklung so entstehen.“

Die Bayern verlieren einen Coach, der bis vor kurzem noch ideal zu passen schien. Nun geht der Blick zum Konkurrenten nach Leipzig, wo in Julian Nagelsmann (33) der logisch erscheinende Nachfolger arbeitet. Nagelsmann lässt sich von der Agentur „Sports360 GmbH“ beraten, die übrigens auch den von Leipzig nach München wechselnden Abwehrspieler Dayot Upamecano zu ihren Klienten zählt, ebenso wie Bayern-Profi Niklas Süle. Andere Nachfolgekandidaten dürften erst ins Spiel kommen, wenn der künftige Vorstandschef Kahn und Salihamidzic den ehrgeizigen Nagelsmann nicht nach München locken können. Eine Millionen-Ablöse dürfte Nagelsmann (Vertrag bis 2023) auch kosten.

Ein Gewinner des Wochenendes ist der krisengeschüttelte DFB. Nationalelf-Direktor Bierhoff könnte nun den Löw-Nachfolger bekommen, den er aus gemeinsamen DFB-Jahren bestens kennt und schätzt. Er wäre „verrückt“, den Assistenten von Bundestrainer Löw beim WM-Titelgewinn 2014 als Kandidaten auszuschließen, sagte Bierhoff schon vor Monaten. Der DFB hatte ausgeschlossen, an Trainer mit bestehenden Verträgen heranzutreten. Aber bei Flick sind die Voraussetzungen nun anders.

„Die Zukunft ist überhaupt nicht klar. Es gab auch noch kein Gespräch, was das Thema Bundestrainer betrifft“, versicherte Flick am Wochenende. „Natürlich ist der DFB eine Option, die sich jeder Trainer überlegen muss“, sagte er aber auch. Zeitdruck besteht nicht, die ersten Flick-Länderspiele gäbe es erst im kommenden September.

Flick könnte viele Bayern-Profis wie Neuer, Kimmich, Goretzka, Gnabry, Sané, Süle, Musiala - oder auch Müller - also schon bald wieder trainieren. Sein Freund und langjähriger Wegbegleiter Löw gab die Richtung bei der Suche nach seinem Nachfolger erst vor wenigen Tagen vor: „Das muss Hansi selbst entscheiden, ob er das machen möchte oder nicht.“

© dpa-infocom, dpa:210417-99-246770/5

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Erstellt:
18. April 2021, 14:18 Uhr
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