Clara Immerwahr: Schicksal einer jüdischen Wissenschaftlerin im Ersten Weltkrieg

Clara Immerwahr: Schicksal einer jüdischen Wissenschaftlerin im Ersten Weltkrieg

Clara Immerwahr, talentierte Wissenschaftlerin und Ehefrau des späteren Nobel-Preisträgers Fritz Haber, erschoss sich am 2. Mai 1915 im Garten ihrer Villa. Arbeitskreis Gedenken

Zwar nicht eine Schlachtszene des Ersten Weltkriegs, aber doch ein damit eng verbundenes Drama spielte sich am 2. Mai 1915 im Faradayweg 8 in Berlin-Dahlem ab. Clara Immerwahr, talentierte Wissenschaftlerin und Ehefrau des späteren Nobel-Preisträgers Fritz Haber, erschoss sich in den frühen Morgenstunden im Garten der Villa. Das Ehepaar, beide angesehene Mitglieder der Berliner jüdischen Gemeinde, hatte sich ausweglos über den Widerspruch von Patriotismus und Friedensliebe zerstritten. Fritz Haber, seit 1911 gefeierter Gründungsdirektor des Kaiser-Wilhelm-Instituts für Chemie und international als Forscher und Erfinder mehrfach für den Nobelpreis nominiert, hatte sich 1914 freiwillig zum Kriegsdienst gemeldet, für das kaiserliche Heer Chlor-Kampfgase entwickelt und ihren Einsatz an der Westfront koordiniert. Clara brandmarkte dies als Perversion der Wissenschaft; ihrer Auffassung nach hatte sich Wissenschaft für den friedlichen Fortschritt und ein besseres Leben für alle Menschen einzusetzen. Da Haber ihre Einwände zurückwies, hatte Clara keinen anderen Ausweg gesehen, als ihrem Leben ein Ende zu setzen.

Die dramatische Entwicklung der Ehe des renommierten Wissenschaftlerpaars vor dem Hintergrund des Ersten Weltkrieges ist Thema der Lesung, zu der der Arbeitskreis Gedenken am Sonntag, 28. 1. 2018, um 11:15 ins Vestibül des Rathauses einlädt. Sabine Friedrich, promovierte Germanistin und freie Autorin, liest aus ihrem Roman „Immerwahr“. In den Mittelpunkt ihres biographischen Werks stellt sie das Schicksal der jüdischen Wissenschaftlerin. Clara leidet an der doppelten Ausgrenzung als Jüdin und als Frau, unterwirft sich aber andererseits den sozialen Zwängen als Gattin eines prominenten Akademikers und Gefolgsmanns des Kaisers. Letztlich verweigert sie sich mit ihrem Selbstmord dem vergeblichen Bemühen des patriotischen deutschen Juden um gesellschaftliche Emanzipation.

Das jüdische Ringen um Anerkennung als deutsche Patrioten steht auch im Mittelpunkt einer Ausstellung des Arbeitskreises Gedenken. Sie wird mit der Lesung von Sabine Friedrich am kommenden Sonntagvormittag eröffnet. Die Dokumentation steht unter dem Titel: Ich kenne nur noch Deutsche – Nienburgs Juden, jüdischer Patriotismus und der Erste Weltkrieg. Sowohl die Positionen Clara Immerwahrs und Fritz Habers als auch die Schicksale jüdischer Kriegsteilnehmer aus Nienburg werden beleuchtet. Für sie alle erweist sich der Erste Weltkrieg als „Urkatastrophe des 20. Jahrhunderts“, denn der nur von wenigen richtig verstandene Patriotismus der Juden mündet ein in ihre weitere Diskriminierung in den Zwanziger-Jahren und ihre schließliche Vernichtung im Holocaust. Die Ausstellung wird vom 28. Januar bis 28. Februar im Vestibül des Rathauses zu sehen sein.

Zu dem Roman über Clara Immerwahr hat Sabine Friedrich auch ein Theaterstück geschrieben: „Immerwahr – Theaterstück für eine Schauspielerin in zwölf Rollen“. Mit Jessica Coels in der Rolle als Clara Immerwahr wird es am 9. Februar im Nienburger Kulturwerk aufgeführt.

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