Die Pest bildet in Giovanni Boccaccios Novellensammlung «Das Dekameron» den Rahmen. Foto: -/dpa

Die Pest bildet in Giovanni Boccaccios Novellensammlung «Das Dekameron» den Rahmen. Foto: -/dpa

Paris 17.03.2020 Von Deutsche Presse-Agentur

Corona-Krise: Zuflucht und Trost in der Literatur

„Heimsuchungen gehen tatsächlich alle Menschen gleich an, aber es ist schwer, an sie zu glauben, wenn sie über einen hereinbrechen.“ Albert Camus schrieb dies in seinem berühmten Roman „Die Pest“.

In dem Klassiker von 1947 schildert der französische Schriftsteller (1913-1960) das Schicksal der Bewohner der Stadt Oran an der Westküste Algeriens, in der die Seuche ausgebrochen ist.

Mit Ausbruch des neuartigen Coronavirus sind in Frankreich und Italien die Verkäufe des Romans in den vergangenen Wochen gestiegen, wie Medien berichteten. Zufall oder nicht? Beide Länder sind von der Krise stark betroffen. Der Roman machte den späteren Literaturnobelpreisträger Camus weltberühmt. Er beschreibt eine von Krankheit und Tod heimgesuchte Stadt, die auf die tödliche Bedrohung zu reagieren versucht. Camus geht es um den Widerstand der Menschen gegen moralische und physische Zerstörung.

Eine gesellschaftliche Krise beleuchtet auch der portugiesische Autor und Nobelpreisträger José Saramago (1922-2010) in „Die Stadt der Blinden“ (1995). Urplötzlich erblinden die Bewohner einer Stadt. Aus Angst vor Ansteckung werden sie in eine leer stehende Psychiatrie gesteckt. Die Lage eskaliert; doch auf dem Höhepunkt der Krise erlangen die ersten wieder ihr Augenlicht zurück.

Möglicherweise kann Literatur helfen, Krisen zu verarbeiten. Nach den Terror-Anschlägen auf den Pariser Konzertsaal Bataclan im November 2015 etwa stiegen die Absatzzahlen von „Paris - ein Fest fürs Leben“ von Ernest Hemingway. Nach dem Brand der Pariser Kathedrale Notre-Dame im April 2019 wurde der Klassiker von Victor Hugo „Der Glöckner von Notre-Dame“ in Frankreich zum Online-Bestseller.

Viele Schriftsteller haben sich einer Seuche als Inspirationsquelle bedient. Dem italienischen Dichter Giovanni Boccaccio (1313-1375) diente die Pest in seiner Novellensammlung „Das Dekameron“ als Rahmen. Das Werk besteht aus insgesamt 100 Novellen, in denen Boccaccio die Geschichte sieben adliger junger Frauen und drei junger Herren schildert, die vor der Pest aus Florenz aufs Land geflohen sind. Dort vertreiben sie sich mit heiteren und sinnlichen Erzählungen die Zeit.

Anders verlaufen die Ereignisse bei Alessandro Manzoni (1785-1873) in „Die Verlobten“. Darin rankt sich die Geschichte um die im Jahr 1630 ausgebrochene Pestepidemie in Mailand, die ein Liebespaar nach Trennung und Leid überlebt.

Eine Cholera-Epidemie bildet den Hintergrund der Novelle „Der Tod in Venedig“ (1911) von Thomas Mann. Die Liste der Werke mit ähnlichem Thema ist lang, sie reicht von „Die Pest zu London“ von Daniel Defoe (1722) und „Die Maske des Roten Todes“ von Edgar Allan Poe (1842) bis zu „Eine Messe für die Stadt Arras“ von Andrzej Szczypiorski (1971) und „Nemesis“ von Philip Roth (2010).

Seuchen erzeugen literarische Faszination, denn sie hinterfragen unsere Fähigkeit des Zusammenlebens und offenbaren die Strukturen einer Gesellschaft und die Werte, die sie zusammenhalten, zitierte der französische Sender „LCI“ die Literaturwissenschaftlerin Aurélie Palud.

Den Blick auf die Leser wirft Béatrice Lacoste, Mitarbeiterin des französischen Verlags Gallimard, bei dem „La Peste“ 1947 erschienen ist: Die Menschen suchen Zuflucht in der Literatur und hoffen, dadurch besser mit der Situation zurechtzukommen, wie sie am Rande des Brüsseler Buchsalons kürzlich dem belgischen Radiosender „RTBF“ sagte.

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Erstellt:
17. März 2020, 12:12 Uhr
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