Vom Skigebiet in Ischgl gelangte das Coronavirus in den Landkreis Nienburg. DIE HARKE sprach mit einem der ersten Infizierten. Symbolfoto: Hans Braxmeier/Pixabay

Vom Skigebiet in Ischgl gelangte das Coronavirus in den Landkreis Nienburg. DIE HARKE sprach mit einem der ersten Infizierten. Symbolfoto: Hans Braxmeier/Pixabay

Landkreis 17.03.2020 Von Matthias Brosch

Coronavirus: Interview mit infiziertem Familienvater

Mann hat sich im Skiurlaub angesteckt / „Von Kindern ging keine Gefahr aus“

Ischgl in Österreich ist mittlerweile als die heimliche Coronavirus-Drehscheibe in Europa identifiziert. Die Infektionen der ersten Betroffenen im Landkreis Nienburg, die am Donnerstag vergangener Woche zur Schließung der Grundschulen in Erichshagen und Husum sowie des Marion-Dönhoff-Gymnasiums geführt hatten, stammen ebenfalls von dort. DIE HARKE führte mit einem der beiden Familienväter ein Telefon-Interview.

Wie fühlen Sie sich gesundheitlich?

Ich habe ein bisschen Husten, körperlich bin ich fit. Ich vermeide jedoch gerade auch jede Anstrengung. Ich spüre noch ein wenig Druck auf der Lunge, wie bei einer normalen Erkältung.

Wie werden Sie aktuell medizinisch behandelt?

Gar nicht. Es fand keine Untersuchung statt. Ich versuche, viel zu trinken, nicht zu kalt, sondern auf Raumtemperatur. Vor allem Tee. Ich telefoniere täglich mit dem Landkreis, Fieber gab es seitdem an keinem Tag bei mir.

Haben Ihre Frau und die beiden Kinder auch Symptome? Wie geht es ihnen?

Sie sind glücklicherweise vollkommen frei von Symptomen. Sie wurden deshalb auch nicht getestet. Das ist wichtig für die Eltern an den betroffenen Schulen, dass sie keine Panik schieben müssen.

Wie haben Sie bei sich bemerkt, dass sie krank werden? Wann war das?

Wir waren mit sechs Personen in Ischgl. Zwei Tage vor unserer geplanten Rückreise hatte mein direkter Zimmernachbar leichte Erkältungssymptome. Am Samstag (7. März, Anmerkung der Redaktion) sind wir mit dem Auto, jeweils zu dritt, zurück nach Deutschland. Am Abend fühlte ich mich schon nicht mehr so gut, am Sonntag baute ich rapide ab. Extrem starke Kopf- und Gliederschmerzen spürte ich.

Haben Sie sofort an das Coronavirus gedacht?

Nein. Dennoch habe ich versucht, am Montag einen Arzttermin für einen Test zu bekommen. Das blieb ohne Erfolg, da ich keinen Kontakt zu einem bestätigten Verdachtsfall hatte. Ich habe mich dann selbst in Quarantäne begeben. Ich frage mich, warum wurde das nicht gleich gemacht, war dafür kein Geld da?

Wann wurde bei Ihnen der Abstrich gemacht?

Das dauerte bis Mittwoch. Mein Bekannter aus Mecklenburg-Vorpommern, der ebenfalls zu unserer Gruppe gehörte, hatte am Montag einen Test bekommen und gemacht. Als sein Ergebnis feststand, hat das dortige Gesundheitsamt den Landkreis Nienburg informiert. Von unserer Gruppe sind fünf von sechs infiziert worden.

Ich weiß überhaupt nicht, wie es für mich weitergeht. Was ist nach den 14 Tagen? Gibt es dann einen weiteren Test? Wie steht es um meine Familie? Mein Gefühl: Deutschland war auf das Coronavirus nicht vorbereitet.

Was haben Sie gedacht, als Ihnen die Diagnose mitgeteilt wurde? Wann, wo und von wem haben Sie diese bekommen?

Ich habe es aus den Medien erfahren, die über die Schulschließungen berichtet haben. Da war die Schule meiner Kinder dabei – da konnte ich eins und eins zusammenzählen, dass es mich erwischt hat. Das Gesundheitsamt rief mich gut zwei Stunden später an. Was ich gedacht habe? Was für eine Vollkatastrophe, wer will in einem solchen Fall schon der Erste sein, der es bekommen hat.

Fühlen Sie sich ausreichend informiert und begleitet?

Nein. Ich weiß momentan zum Beispiel überhaupt nicht, wie es für mich weitergeht. Was ist nach den 14 Tagen? Gibt es dann einen weiteren Test? Wie steht es um meine Familie, wenn die weiter ohne Symptome bleibt? Mein Gefühl: Deutschland war auf das Coronavirus nicht vorbereitet.

Waren Sie sich des Risikos vor dem Urlaubsantritt bewusst?

Es war immer von Südtirol die Rede. Wir haben uns im Vorfeld informiert, aber nichts deutete darauf hin. Erst am Ende unseres Aufenthalts tauchten die ersten Meldungen auf, aber es hieß bei den Infizierten, die in Island ankamen, dass sie sich im Flugzeug angesteckt hätten und nicht im Skigebiet.

Bekommen Sie Reaktionen auf Ihre Erkrankung?

Bislang habe ich noch nichts Negatives gespürt. Ich hoffe, das bleibt so. Gerade die Kinder, die nicht krank sind und nun überhaupt nichts dafür konnten, denen wünsche ich, dass nichts an ihnen hängen bleibt. Sie waren Montag und Dienstag zwar in der Schule, aber von ihnen ist zu keinem Zeitpunkt eine Gefahr ausgegangen. Eine Übertragung von mir auf die Kinder und dann auf andere Personen ist aus medizinischer Sicht meines Wissens nicht möglich. Vorsorglich wurden dennoch die betroffenen Schulen geschlossen.

Wie wird die häusliche Quarantäne bei Ihnen umgesetzt?

Wir werden von Bekannten versorgt, die uns Lebensmittel und die anderen Dinge vor die Tür legen. Wir versuchen uns innerhalb der Wohnsituation, räumlich zu trennen und vermeiden, so gut es geht den direkten Kontakt zueinander. Seitdem ich in Deutschland bin, hatte ich außerhalb meiner Familie keinen Kontakt. Auch der Sechste unserer Gruppe, der bislang gesund ist, hat sich gleich in Quarantäne begeben.

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Erstellt:
17. März 2020, 07:23 Uhr
Lesedauer:
ca. 3min 22sec

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