Im Volksmund wird die Gaststätte „Deutsches Haus“ in Hoya seit den 1920er Jahren auch „Russische Botschaft“ genannt. Foto: Achtermann

Im Volksmund wird die Gaststätte „Deutsches Haus“ in Hoya seit den 1920er Jahren auch „Russische Botschaft“ genannt. Foto: Achtermann

Hoya 04.01.2020 Von Horst Achtermann

„Dann flogen schon mal die Fäuste“

Auf den Spuren der „Russischen Botschaft“ in der Deichstraße in Hoya

Hans Schmidt ist 95 Jahre alt. Beweglich und geschäftig wie eh und je steht er noch Tag für Tag – seit der Übernahme im Jahr 1964– hinter dem Tresen und zapft seinen Gästen in der Traditionsgaststätte „Deutsches Haus“ in der Deichstraße in Hoya ein gepflegtes Helles. Übernommen hat Hans Schmidt die „Bierkneipe“, nach einer Odyssee um die halbe Welt im Zweiten Weltkrieg von Viktor Stegemann.

Seit den 1920er Jahren, nach dem Ersten Weltkrieg, hat die Gaststätte im Volksmund den Beinamen „Russische Botschaft“. Auch Bürgermeisterin Anne Wasner hat davon gehört. „Ist bei den Älteren in aller Munde“.

„Küche machen“ gelernt

Im Gespräch mit der HARKE am Sonntag erzählt der in Pommern groß gewordene Förster, so sein eigentlicher Beruf, aus seinem Leben.

Als Soldat ist er über Holland nach Südfrankreich gekommen, auf einem italienischen Kriegsschiff wurde er vor der afrikanischen Küste versenkt. Über sieben Stunden ist er vor der tunesischen Steilküste geschwommen. „Mit meinen Kräften eigentlich am Ende, habe ich dann doch das rettende Ufer erreicht“, erinnert sich Schmidt, als wäre es gestern gewesen. 1943 geriet er in Gefangenschaft, und über Casablanca ging es für drei Jahre nach Oklahoma.

In Norfolk/Maryland habe er „Küche machen“ gelernt. Nach der Rückkehr hat er seine Familie nach einer Suchmeldung in Hildesheim gefunden.

Vorübergehend in der Forstwirtschaft beschäftigt, hat er 1958 in Sarstedt ein Hotel gepachtet. 1964 hat er mit seiner Frau Hanna das „Deutsche Haus“ in Hoya gekauft. Wegen der schönen Lage an der Weser. Heute wird das Hotel mit der gut bürgerlichen deutschen Küche von Tochter Rita Meyer geleitet.

Vom Ursprung der „Russischen Botschaft“

Seit über 60 Jahren ist Hans Schmidt schon Mitglied im Deutschen Jagdverband (DJKV), hat bis zu seinem 90. Lebensjahr an staatlichen und privaten Jagden teilgenommen. Jetzt ist Hans Schmidt Ehrenmitglied im DJKV.

Da die Roten als moskauhörig geltende Kommunisten galten, hatte die damalige Gaststätte ‚Deutsches Haus‘ schnell ihren Namen ‚Russische Botschaft‘ weg.

Hans Schmidt

Warum die Gaststätte auch „Russische Botschaft“ heißt, weiß Hans Schmidt natürlich auch nur vom Hörensagen: „Die Alten kannten das“.In der frühen Weimarer Republik bekämpften sich die politisch radikalen Lager der Rechten und die für eine Revolution einstehenden Kommunisten, so war es auch in Hoya.

So trafen sich die „Roten“ hier im „Deutschen Haus“, die Rechtskonservativen hatten ihr Domizil ebenfalls in der Deichstraße, einige hundert Meter weiter in „Müllers Hotel“.

„Da die Roten als moskauhörig geltende Kommunisten galten, hatte die damalige Gaststätte ‚Deutsches Haus‘ schnell ihren Namen ‚Russische Botschaft‘ weg“, bringt der 95-jährige Schmidt aus Erzählungen in Erinnerung. Schlägereien in den Lokalen, wenn sich jemand von der anderen Fakultät in die falsche Gaststätte wissentlich verirrte, waren nichts ungewöhnliches.

Dann flogen schon mal die Fäuste oder die Stühle, so wird erzählt. Wie es tatsächlich gewesen ist? Es gibt keine Zeitzeugen mehr vor Ort.

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Erstellt:
4. Januar 2020, 18:30 Uhr
Lesedauer:
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