Rote Fahnen am Olympiastadion: Union feiert den Machtwechsel

Rote Fahnen am Olympiastadion: Union feiert den Machtwechsel

Der 1. FC Union Berlin nutzt die Heimstätte von Hertha BSC. Foto: Andreas Gora/dpa

Lokalrivale 1. FC Union Berlin hat es sich für sein „Sch(l)üsselspiel“ in der Conference League erstmal in der riesigen Heimspiel-Arena des chronisch erfolglosen Big City Clubs bequem gemacht. „Es geht los...“, verkündeten die Eisernen in einem Online-Clip und zeigten ihr im Sonnenschein wehendes Banner.

Da vor dem Playoff-Rückspiel gegen Kuopio PS am Donnerstag (20.15 Uhr/RTL Nitro) nicht einmal der ewig mahnende Trainer Urs Fischer angesichts des 4:0-Sieges vor einer Woche in Helsinki den Zeigefinger aus sportlicher Sorge heben kann, sind es die feinen Spitzen, die dem Gastauftritt der Köpenicker im Westen der Hauptstadt eine besondere Brisanz verleihen und die Berliner Fußball-Seele beschäftigen.

Rot statt blau

„Schauplatz für die Rückkehr der Eisernen auf die internationale Fußball-Bühne in Berlin ist das städtische Olympiastadion, und natürlich wird das leuchtende Union-Rot dort die dominierende Farbe sein“, verkündete man und lieferte als Beweis die Bilder von Umbauarbeiten im Spielertunnel gleich mit. Leuchtendes Union-Rot, überall. Das Hertha-Blau kommt gerade ziemlich matt daher.

„Es ist ein bisschen ein komisches Gefühl. Aber wir drücken die Daumen. Sollen sie erfolgreich sein und von mir aus bis zum Finale das Stadion nutzen“, sagte Pal Dardai ein wenig trotzig. Der Chefcoach der Hertha mag grundsätzlich keine Sentimentalitäten. Die große Rivalität werde ohnehin nur von außen aufgebauscht, meinte er.

Den innerhalb von zwei Jahren rapide vollzogenen Machtwechsel im Berliner Fußball kann aber auch Dardai nicht übersehen. Union hat die mit 375 Millionen Euro Investoren-Geld alimentierte Hertha als Nummer eins sportlich abgelöst und spielt, wenn auch nur im drittrangigen Europacup - da, wo die Hertha sehnsüchtig hin will: International.

Eisernes Volksfest im Olympiastadion

„Union spielt international“, dieser Schriftzug prangt auf den natürlich knallroten T-Shirts, die an die Fans in der eigentlich ungeliebten Riesen-Arena am anderen Ende der Stadt verteilt werden. Der nächste Teil der blauen Demütigung: Nicht einmal die 25.000 erlaubten Tickets konnte Hertha für ihr Bundesliga-Spiel am Samstag gegen den VfL Wolfsburg (1:2) verkaufen. Union wird die 18.241 Zuschauer übertreffen, obwohl der finnische Pokalsieger aus Kuopio realistischerweise sportlich schon eliminiert ist. Es wird ein eisernes Volksfest im Olympiastadion.

Mit keiner Silbe wird bei Union die Hertha genannt. Unerwähnt bleibt auch, dass man quasi nur zur Untermiete spielt, weil das eigene Stadion den UEFA-Kriterien nicht entspricht. Es fehlt an Sitzplätzen. Fast logisch, dass dieser Makel das Tor öffnet für eine süffisante Retourkutsche. „Wenn die Not haben, sollen sie es nutzen, aber den Rasen bitte nicht kaputt machen“, befahl Dardai. Den „heilige Rasen“ gebe es nur An der Alten Försterei, hatte Präsident Dirk Zingler einst kurz nach seinem Amtsantritt gesagt. Union spielte damals, im August 2004, als Zweitliga-Absteiger in der Regionalliga Nord gegen das Hertha-Reserveteam im Olympiastadion 1:1.

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