Jörg Nierzwicki DH

Jörg Nierzwicki DH

TGIF 31.03.2017 Von Jörg Nierzwicki

Das Mitleid der Roboter

Die Online-Kolumne zum Wochenende: Online-Redakteur Jörg Nierzwicki lässt sich von Maschinenmenschen trösten.

Du tippst auf deinem iPad Positionen ein, die deine Drohne anfliegen soll. Höhe, Verweildauer, Kurvenradius, Blickwinkel der Kamera. Dann drückst du Start – und hoffst darauf, dass einer der 14 angezeigten Satelliten schon das Steuer übernehmen wird. Hoffen? Du denkst nicht wirklich drüber nach, das passt schon.

Faszinierend, wie das autonome Fluggerät seinen Job macht. Steht stabil in der Luft, macht Bilder, kommt zu dir zurück. Einpacken, fertig, Job erledigt. Problemlos, sauber.

Autonom – das waren früher Hausbesetzer in Berlin, in der Hamburger Hafenstraße. Jetzt werden autonom fahrende Autos über Niedersachsens Straßen geschickt.

Du musst lächeln. Soweit ist der Autonome von früher gar nicht von seinem Enkel auf vier Rädern entfernt: Der Hausbesetzer warf mit Vergnügen ab und zu einen Molotow-Cocktail auf die Staatsmacht. Und das autonome Auto? Das verletzt oder killt gerne mal andere Verkehrsteilnehmer. So eine Motorradfahrerin in Norwegen. Die schmale Silhouette hatte das System des nachfolgenden Wagens leider nicht von Wolken unterscheiden können. Wumms.

Ok, bei der Drohne gibt’s einen manuellen Modus. Zwei Hebelchen am Steuerpult – wie zu seligen Modellflugzeiten, als die wackligen Fluggeräte noch aus Balsaholz zusammengeklebt waren. Aber wer macht sich die Mühe? Ein wenig Wind, das Ding driftet ab. Kein Feingefühl in den Fingern – die Kiste knallt gegen geparkte Autos. Also wieder zurück zur autonomen Automatik.

Lassen wir uns in absehbarer Zeit wirklich alles von autonomen Systemen aus den Händen nehmen? Stehen wir dann mit unserem „Auto“ vor einem Waldweg – und wissen nicht mehr, wie wir den Wagen von dort zu einem Parkplatz an einem schönen See bekommen – weil der halt nicht in der gespeicherten Karte verzeichnet ist?

Die Maschinen des vierten industriellen Zeitalters werden jetzt schon so konstruiert, dass sie sich selbst Teilenachschub zur Produktion bestellen, übers Netz nach Fernwartung in Indien um Hilfe rufen, wenn in Hoya mal eine Schraube klemmt. Autonom. Oder mein Kühlschrank bemüht das Netz, um sich bei Supermarkt XY neues Bier zu bestellen.

Weiß der tiefgefrorene Trottel denn, was ich mag, ob ich mal was Neues probieren will? Während ich im autonom rollenden Auto genügend Zeit habe, darüber nachzudenken, knackt irgendein Kleinkrimineller meine Smart-Home-App, öffnet die Haustür – und macht mit meiner Drohne lächelnd Abschiedsfotos von oben.

Ja, ich liebe diese Gimmicks. Aber ich will und muss mir die Mühe machen, sie zu verstehen. Auch wenn's täglich komplizierter wird. Damit ich wie Moderator Peter Lustig damals am Ende seiner legendären Kindersendung „Löwenzahn“ sagen kann: „Jetzt ist Schluss! Abschalten!“

Nicht, dass wir irgendwann wie im SciFi-Thriller Automata mit Antonio Banderas erkennen müssen, dass Roboter die mitfühlenderen Menschen sind, bessere Überlebensstrategien ausklügeln – und zuletzt Mitleid mit uns haben. Dann erinnern wir uns vielleicht daran, dass es besser gewesen wäre, etwas zu lernen, anstatt nur die Automatik einzuschalten.

Menschen brauchen Trost ... Eurovideo

Menschen brauchen Trost ... Eurovideo

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Erstellt:
31. März 2017, 17:30 Uhr
Lesedauer:
ca. 2min 29sec

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