Diakonie-Geschäftsführerin Marion Schaper.

Diakonie-Geschäftsführerin Marion Schaper.

Nienburg 19.09.2020 Von Die Harke

Deckungslücken von 22 bis 38 Prozent

Arbeitskreis „Stoppt Energiesperren“ übt scharfe Kritik an Stromkosten bei Hartz IV

Anlässlich der für 2021 geplanten und völlig unzureichenden Erhöhung der Regelsätze in der Grundsicherung (dem sogenannten Hartz IV und der Sozialhilfe) ist die Berechnung der darin enthaltenen Stromkosten bundesweit in die Kritik geraten.

Auch der Nienburger Arbeitskreis „Stoppt Energiesperren“ ist der Meinung, dass der Stromanteil nicht mal annähernd ausreicht, um den wirklichen Bedarf zu decken.

Die Sprecherin des Arbeitskreises, Marion Schaper vom Diakonischen Werk Nienburg, weist auf diverse neue Veröffentlichungen zum Thema hin. So hat das Portal Verivox ausgerechnet, dass im Regelsatz monatlich 35,30 Euro für die Stromkosten enthalten sind.

Bei einem Singlehaushalt aber mit durchschnittlichem Verbrauch lägen die Kosten bei 43,17 Euro, in der bei einkommensarmen Haushalten häufig vorhandenen Grundversorgung sogar bei 48,75 Euro. Dies wären Deckungslücken von 22 bis 38 Prozent. Und diese Lücken würden jedes Jahr weiter anwachsen. Seit der Hartz IV-Einführung im Jahr 2005 seien die Stromkosten um 61 bis 78 Prozent gestiegen, die Regelsätze jedoch nur um rund 27 Prozent erhöht worden.

Schuldnerberater Wolfgang Lippel.

Schuldnerberater Wolfgang Lippel.

Roland Rinaldo von der Herberge zur Heimat fügt hinzu, dass die Stromkosten, die nicht im Regelsatz enthalten sind, vom Rest dieses Satzes gedeckt werden müssen. Dieser sei aber dazu da, um Ernährung, Bekleidung und Teilnahme am sozialen und kulturellen Leben zu ermöglichen – und dies ohnehin schon auf einem sehr niedrigen Niveau. Das führe dazu, dass sich die einkommensarmen Haushalte die Stromabschläge quasi vom Munde absparen müssten.

Er erinnerte an eine grundsätzliche Forderung des Arbeitskreises, die Stromkosten völlig aus den Regelsätzen herauszunehmen und in die Kosten der Unterkunft, zu denen bisher Miete und Heizung zählen, aufzunehmen. Dies müsse, so Rinaldo, natürlich mit einer realistischen Bedarfsberechnung einhergehen. Die unzureichende Deckung der Stromkosten seien nicht nur seiner Meinung nach eine Hauptursache für die ungefähr 300.000 Stromsperren jährlich.

Wolfgang Lippel von der Schuldnerberatung des Paritätischen Wohlfahrtsverbandes Nienburg merkte an, dass sein Verband diesen erheblichen Unterschied zwischen Regelsatz und wirklichen Kosten sowohl auf Landes- als auch auf Bundesebene schon mehrfach als sozialpolitischen Skandal bezeichnet hat.

So seien auch für 2021 die Bedarfe nicht nur für Strom systematisch kleingerechnet worden, sie seien lebensfern und in keiner Weise bedarfsgerecht. Die Zahlen liegen schon länger auf dem Tisch, jetzt müsse politisch gehandelt und die Berech-nungsgrundlage geändert werden.

Davon ganz abgesehen, so Wolfgang Lippel, fordere sein Verband wie auch das Diakonische Werk seit Jahren eine deutliche und bedarfsdeckende Erhöhung der Regelsätze für alle Personen eines Haushaltes.

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Erstellt:
19. September 2020, 16:05 Uhr
Lesedauer:
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