Bestatterin Ursula Gerking im Ausstellungsraum des Familienunternehmens in Lemke. Foto: Stüben

Bestatterin Ursula Gerking im Ausstellungsraum des Familienunternehmens in Lemke. Foto: Stüben

Lemke 24.01.2020 Von Sebastian Stüben

Demenz: Menschen Abschied nehmen lassen

Ursula Gerking bietet demenzfreundliche Bestattungen an – Alzheimergesellschaft begrüßt Initiative

Auch Demenzkranke haben ein Recht auf Abschied von einem toten Angehörigen. Das findet Bestatterin Ursula Gerking (59) aus Lemke. Deshalb hat sie sich jetzt zusammen mit ihrer Mitarbeiterin Chris Thelen (53) zur demenzfreundlichen Bestatterin fortbilden lassen – beim ersten Kurs dieser Art in ganz Deutschland. Sie hat nach eigenen Worten festgestellt, dass Angehörige mit Demenz oft bei Trauerfeiern und Bestattungen ausgeschlossen würden. Jetzt will sie Familien dabei bestärken, Demenzkranke an der Trauer um geliebte Menschen teilhaben zu lassen.

„Auch wenn Demenzkranke die Trauer oft nicht zeigen können, bedeutet das nicht, dass sie die Trauer nicht fühlen können“, sagt Gerking: „Denn die Gefühle bleiben, das Herz wird nicht dement.“

1,7 Millionen Menschen in Deutschland leiden nach Gerkings Worten an den verschiedenen Erkrankungen des Gehirns, die unter dem Begriff Demenz zusammengefasst werden. Alle Formen führen zu einem Verlust des Denkvermögens. „Und zu jedem Demenzkranken gehören im Schnitt zehn Betroffene im engsten Umfeld“, sagt Gerking. Der Bedarf nach einem würdigen Umgang mit der Erkrankung sei demnach hoch.

Scheu, Demenzkranke an Bestattung teilnehmen zu lassen

„Viele Angehörige scheuen sich davor, den Demenzkranken an der Bestattung und der Trauerfeier teilnehmen zu lassen, weil sie Angst vor unangenehmen Situationen haben“, sagt Gerking: „Ich denke dann oft, dass man das nicht tun könne. Aber ich habe mich bislang nicht getraut, die trauernden Familien darauf anzusprechen.“

Mit dem Wissen, dass sie in dem Kurs erworben habe, könne sie den Familien jetzt das Angebot machen, einen Plan zu erstellen, der eine Einbeziehung des Demenzkranken vorsieht. „Wie das am Ende praktisch umgesetzt wird, hängt ganz von den individuellen Umständen ab“, sagt Gerking: „Wichtig ist für die Angehörigen, dass sie wissen, dass es für alle Eventualitäten eine Vorkehrung gibt.“

Es könnten separate Trauerfeiern in kleinem Rahmen mit den Demenzkranken durchgeführt werden. Die Abschiednahme könne auch vor der eigentlichen Trauerfeier im Bestattungsunternehmen bei der Aufbahrung am Sarg geschehen. „Es geht darum, den Menschen ein Gespür dafür zu vermitteln, was passiert ist“, sagt Gerking: „Den großen Einschnitt im Leben ins Bewusstsein zu bringen.“ Gerking ist der Meinung, die Kranken haben ein Recht auf Abschied, auch wenn sie das nicht mehr artikulieren können. „Für diese Aufgabe wollen wir den Familien eine Stütze geben – Sicherheit durch Planung.“

Aber was machen die Angehörigen, wenn vier Wochen später der oder die Demenzkranke immer wieder nach dem Verstorbenen fragt? Ich denke, da haben dann viele Familien ein schlechtes Gewissen. Wir wollen rechtzeitig helfen.

Ursula Gerking, Bestatterin

Eine Beerdigung ohne die Kranken sei leicht organisiert, sagt die Bestatterin. „Aber was machen die Angehörigen, wenn vier Wochen später der oder die Demenzkranke immer wieder nach dem Verstorbenen fragt? Ich denke, da haben dann viele Familien ein schlechtes Gewissen. Wir wollen rechtzeitig helfen.“

Karin Schröder von der Nienburger Alzheimer-Gesellschaft begrüßt das Angebot für Angehörige mit Demenz. „Es gibt immer Situationen, in denen Demenzkranke ausgeschlossen werden, auch bei Familienfeiern.“

Oft bedeutet die Erkrankung einen Rückzug aus der Öffentlichkeit. „Viele Menschen wissen nicht, wie sie damit umgehen sollen“, sagt Schröder: „Wir brauchen gesellschaftliche Akzeptanz für Demenzkranke.“ Da sei das Bestattungsangebot ein Schritt auf dem richtigen Weg.

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Erstellt:
24. Januar 2020, 07:05 Uhr
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