11.11.2012

Den Betroffenen bliebe vieles erspart

Experten sind überzeugt, dass Kinder mit ADHS häufig nicht richtig behandelt werden

Von Edda Hagebölling

Nienburg. Vielen betroffenen Kindern und Jugendlichen, aber auch deren Eltern und Lehrern bliebe vieles erspart, wenn ADHS frühzeitig erkannt und – vor allem – richtig behandelt würde. Davon sind Catherine Tannahill und Michael Albers überzeugt. Die psychologische Psychotherapeutin und der Diplom-Psychologe arbeiten seit Jahren für die beim Landkreis Nienburg angesiedelte Beratungstelle für Kinder, Jugendliche und Erwachsene. Und sind sich sicher: In den meisten Fällen erkennen sie, was mit einem Kind los ist, wenn die Eltern mit ihm in die Beratungsstelle kommen oder sie zu den Kindern in den Unterricht gehen.

„Bei ADHS und ADS handelt es sich schlicht um eine Unterfunktion des Gehirns, die mit Ritalin gut zu behandeln ist“, so die beiden Experten im Gespräch mit der Harke am Sonntag. Einen Grund, dieses Medikament zu verteufeln, sehen sie überhaupt nicht. „Ritalin führt schon eine halbe Stunde nach Einnahme dazu, dass der Betroffene sich besser fühlt. Und süchtig macht es auch nicht“, sind sich Tanna-hill und Albers einig.

Dass ein Kind ADHS oder ADS haben könnte, fällt nach Auskunft der Psychologen häufig erst auf, wenn es zur Schule kommt und längere Zeit stillsitzen soll. ADHS-Kinder lassen sich manchmal schon durch die Fliege an der Wand ablenken. Sie sind der Reizüberflutung, der sie im Kindergarten oder in der Schule ausgesetzt sind, nicht gewachsen, neigen zu Wutausbrüchen und sind nicht in der Lage, Freundschaften zu pflegen. Ein Teufelskreis. ADS-Kinder dagegen sind in sich gekehrt und träumen sich einfach weg, so die nüchterne Schilderung der beiden Experten.

„Und das nur, weil die Verbindung zwischen den Synapsen der linken und der rechten Gehirnhälfte nicht funktioniert“, gibt Michael Albers zu bedenken. „Die betroffenen Kinder können einfach nicht abwägen, dass es besser ist, im Unterricht aufzupassen oder die Hausaufgaben zu erledigen, als zum Fenster zu laufen, weil draußen gerade ein Auto oder ein Trecker vorbeigefahren ist“, fährt er fort.

Bei Verdacht auf ADS oder ADHS empfehlen Catherine Tannahill und Michael Albers, unbedingt, einen Facharzt aufzusuchen oder zu ihnen in die Beratungsstelle zu kommen. „Diagnosen von Hausärzten sind häufig falsch. „Viele Kinder und Jugendliche haben häufig schon eine jahrelange Odyssee hinter sich“, so die Psychotherapeutin.

Die beiden Mitarbeiter der Beratungsstelle weisen außerdem darauf hin, dass sich ADHS entgegen der landläufigen Meinung keineswegs auswächst. „Es gibt auch Erwachsene mit ADHS“, betonen sie. Tannahill ist zudem überzeugt, dass dem einen oder anderen Jugendlichen der Konflikt mit dem Gesetz erspart geblieben wäre, wenn die Krankheit bei ihm erkannt und vernünftig behandelt worden wäre.

Allerdings sei es mit der regelmäßigen und richtig dosierten Einnahme von Ritalin allein häufig nicht getan, so Catherine Tannahill und Michael Albers. Nicht selten werde auch eine Verhaltenstherapie erforderlich. „Allerdings“, schränken die beiden ein: „Verhaltenstherapeuten für Kinder und Jugendliche gibt es im Landkreis Nienburg nach wie vor viel zu wenige.“ Hilfreich sei aber auch schon ein Besuch in der Beratungsstelle. Dort könnten die Kinder, deren Familien und deren Lehrer lernen, mit der Krankheit besser umzugehen.

Zu erreichen ist die Beratungsstelle in der Rühmkorffstraße unter 05021/967-676 oder bkje@kreis-ni.de

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Erstellt:
11. November 2012, 00:00 Uhr
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