Richard Whittingham, Alexander Kennedy, Stuart Wakefield, Richard Ferguson, Graham Hussey, Stephen Foster, Jason Lee Brown und Peter Quinn (von links) vor dem Haupteingang zum Singles-NAAFI, heute eher als „Uhrturmgebäude“ bekannt. Fotos: Hagebölling

Richard Whittingham, Alexander Kennedy, Stuart Wakefield, Richard Ferguson, Graham Hussey, Stephen Foster, Jason Lee Brown und Peter Quinn (von links) vor dem Haupteingang zum Singles-NAAFI, heute eher als „Uhrturmgebäude“ bekannt. Fotos: Hagebölling

Nienburg 14.03.2020 Von Edda Hagebölling

Den Marschplatz mit der Zahnbürste gereinigt

Alltag im „Uhrturmgebäude“: Sechs Engländer und zwei Schotten erinnern sich an ihre Zeit beim 21. Engineer Regiment

„Uhrturmgebäude“. Bei Graham Hussey kräuseln sich jedes Mal die Fußnägel, wenn er dieses Wort liest. Meint es doch die einst stattliche Immobilie im Herzen des ehemaligen Mudra-Geländes, in dem er in den sechs Jahren bei der britischen Armee nahezu täglich ein und aus gegangen ist.

Hussey kennt das mittlerweile arg heruntergekommene Gebäude, das aktuell in schicke Wohnungen und moderne Büros verwandelt wird, noch gut als NAAFI (Navy, Army and Air Force Institutes).

Mit dem heute 64-Jährigen, der 1980 aus der Army ausgeschieden ist, erinnern sich Alexander Kennedy, Peter Quinn, Stuart Wakefield, Richard Whittingham, Richard Ferguson, Stephen Foster und Jason Lee Brown. Sechs Engländer und zwei Schotten, die der Liebe wegen in Nienburg geblieben sind.

„Wir treffen uns um 16 Uhr auf dem Parkplatz vor dem Uhrturmgebäude“, hieß es am Mittwoch vor einer Woche. Bis auf drei hatten sich alle pünktlich am Bauzaun eingefunden. Doch gerade die Drei hatten im Grunde alles richtig gemacht, befand sich doch der Eingang zum NAAFI nicht etwa auf der Seite zum Krankenhaus-Parkplatz, sondern auf der zum Busbahnhof an der BBS.

„21. Engineer Regiment Junior Ranks Club“ ist dort auf einem blauen Balken zu lesen. Die sechs Engländer und zwei Schotten hoffen sehr, dass dieser Balken nicht auch noch eines Tages aus Nienburgs Stadtbild verschwindet.

„Bei der britischen Armee, die in Nienburg bis 1996 mit rund 1200 Soldaten einen eher kleinen Standort unterhielt, waren alle Dienstgrade streng getrennt. Das erfuhr die Schreiberin dieser Zeilen im Verlauf des Treffens aber auch nur, weil die acht Briten immer mal wieder Deutsch sprachen.

Englisch bis zum Abitur und noch dazu als Leistungsfach half nicht einen Deut weiter, wenn Graham Hussey & Co in Erinnerung schwelgten an eine Zeit, in der es in Nienburg sieben Diskotheken gab.

Im Erdgeschoss des Uhrturmgebäudes war ein Schnellrestaurant untergebracht, in dem die Singles – also die, die ohne ihre Familien in Nienburg stationiert waren – frühstücken und Mittagessen konnten. „Dort gab es die besten Pies“ erinnern sich alle noch gut. Außerdem gab es einen kleinen Supermarkt mit allem, was man für den täglichen Bedarf brauchte.

In der ersten Etage des Uhrturmgebäudes traten Live-Bands auf, man konnte Snooker spielen, und im Pub von Jack‘s Bar gab es Bier. Für 40 Pence. Aus den Erzählungen ging außerdem hervor: Im Grunde hat es den britischen Soldaten in Nienburg an nichts gemangelt.

Es gab einen Kindergarten, eine Schule, ein Cook-House, eine Sporthalle für Tennis und Squash, einen Campingplatz, einen Yacht-Club, aber andererseits natürlich auch Fahrzeughallen, eine Tankstelle, eine Werkstatt und ein Tauchbecken, mit dem geprüft wurde, ob die Fahrzeuge wasserdicht sind.

Einsätze in Nordirland oder im Golfkrieg waren an der Tagesordnung. Entsprechend viel Wert wurde auf körperliche Fitness gelegt. Und auf Gehorsam. Die ersten Sporteinheiten fanden schon vor dem Frühstück statt. Holzstämme durch die Gegend schleppen und Liegestütze – notfalls auch in der Pfütze – war ganz normal.

Um auch technisch immer einsatzbereit zu sein, wurden ständig Brücken über die Weser gebaut. Man hat aber auch überall in Deutschland Skipisten angelegt und Skihütten und Kindergärten gebaut. Darüber hinaus war Nienburg bekannt für seine Rugby- und seine Cricket-Mannschaft. Jason Brown wurde sogar später – als er schon bei VW arbeitete – zweimal Deutscher Rugbymeister.

Verdient wurde gut während der Zeit bei der Army. 2000 Mark.

Aufgelöst wurde der Standort in Nienburg 1996. Wer zu diesem Zeitpunkt noch bei der Army war, wurde nach Osnabrück oder nach Bergen-Hohne verlegt.

Anschließend nach Großbritannien zurückzukehren, war zumindest für diejenigen, die in Nienburg eine Frau kennengelernt hatten, auch deswegen keine Option, weil es in ihrer Heimat zu der Zeit vier Millionen Arbeitslose gab, in Deutschland lag die Zahl der Arbeitslosen dagegen bei einer Million.

Eine Anstellung gefunden haben alle. Bei Ford Schimkus, bei der Spedition Göllner und anderswo. Der eine oder andere hat dann erst Deutsch gelernt.

An die Zeit bei der Army denken alle Acht gerne zurück. Es war hart, aber fair, so die einhellige Meinung. Zumindest dann, wenn man tat, was einem befohlen wurde. Stephen Foster erinnert sich allerdings noch gut daran, dass er den Marschplatz – heute Krankenhaus-Parkplatz – mit der Zahnbürste putzen musste. Er hatte Sch... gebaut.

Und natürlich können die Acht auch noch jede der sieben Diskotheken aufzählen, die es zu der Zeit in Nienburg gab. Willkommen waren sie nicht überall.

In den Jahren 1976/77 habe es sogar eine Riesenschlägerei mit Nienburger Sintis gegeben. Einer der Soldaten hatte sich mit einer Sinti-Frau angefreundet. Diese Schlägereien dauerten stattliche zwei Wochen.

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Erstellt:
14. März 2020, 20:10 Uhr
Lesedauer:
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