23.07.2020 Von Die Harke

Depression und Alkoholismus - ein gefährliches Duo

Definition von Depression

Wird von einer Depression gesprochen, ist meistens die Major Depression gemeint. Die Diagnose Major Depression bedeutet, dass die Betroffenen mindestens zwei Wochen lang unter einer depressiven Verstimmung oder dem Verlust beinahe aller ihrer Interessen leiden. Zusätzlich müssen sich noch vier andere Symptome zeigen, wie Müdigkeit und Energieverlust, Verlangsamung oder Unruhe, Appetitlosigkeit oder Appetitsteigerung, Schuldgefühle oder Probleme, Entscheidungen zu treffen. (Wittchen & Hoyer, 2011)

Definition von Alkoholismus

Alkoholabhängigkeit wird definiert als die Unfähigkeit, den Alkoholkonsum willentlich zu steuern. Die Diagnosekriterien sind, unter anderem, starkes Verlangen, Alkohol zu konsumieren, Kontrollverlust und Toleranz. Toleranz bedeutet, dass immer größere Mengen an Alkohol benötigt werden, um dieselbe Wirkung zu erzielen, da sich der Körper an die Substanz gewöhnt hat. Weitere Kriterien für eine Abhängigkeit sind Entzugssymptome und der Rückzug aus dem sozialen Leben. (suchtselbsthilfe-wettenberg.de) Von Alkoholismus spricht man laut WHO, wenn die Alkoholabhängigkeit so weit gediehen ist, dass die körperliche und seelische Gesundheit beeinträchtigt ist und das Sozialleben darunter leidet. (lecturio.de)

Entstehung von Depressionen

Zur Entstehung von Depressionen gibt es keine einheitliche Theorie. Kinder depressiver Eltern haben ein erhöhtes Risiko, selbst eine Depression zu entwickeln. Dabei ist aber nicht geklärt, inwieweit die genetische Vererbung eine Rolle spielt. Andere Risikofaktoren in der Kindheit sind, zum Beispiel, traumatische Erlebnisse oder ungünstige soziale Bedingungen wie Armut. Kommen dann, später im Leben, chronische Belastung oder negative Lebensereignisse dazu, kann, aus der Kombination von Vorbelastung und aktuellem Stress, eine Depression entstehen. Das passiert besonders dann, wenn die Betroffenen Stress nur schlecht bewältigen können. Sehr häufig sind Depressionen auch eine Folge von Angststörungen oder anderen psychischen Störungen. (Wittchen & Hoyer, 2011)

Entstehung von Alkoholismus

Zur Entstehung von Alkoholabhängigkeit existieren verschiedene Hypothesen, die, jede für sich, aber zu kurz greifen. Eine der Hypothesen ist, dass Alkoholismus genetisch vererbt wird, eine andere, dass er durch soziales Lernen in der Familie entsteht. Zwillings- und Adoptionsstudien haben ergeben, dass die Genetik ungefähr 40 Prozent der Entstehung von Alkoholismus erklären kann. Teilweise ergibt sich dieser genetische Einfluss aber über andere psychische Störungen, die von den Betroffenen mit Alkohol „behandelt“ werden. Weitere Hypothesen machen die Persönlichkeit verantwortlich, Studien dazu konnten aber zu keinem eindeutigen Ergebnis kommen. Die bisher vollständigste Theorie bildet das biopsychosoziale Modell der Alkoholabhängigkeit. Demnach hat der Alkohol eine psychische, eine neurobiologische und eine psychosoziale Wirkung, von denen jede zur Abhängigkeit führen und diese verstärken kann. Auf der psychischen Ebene ist es die Stressreduktion, die zu weiterem Alkoholkonsum führt. Diese Gefahr besteht dann, wenn die Betroffenen über keine ausreichenden Strategien für den Umgang mit Stress verfügen. Neurobiologisch kommt es zur Steigerung der Toleranz, was zu erhöhtem Konsum führt, und zu Entzugssymptomen. Auf der psychosozialen Ebene führt die Alkoholabhängigkeit zu einer Reduktion des Freundeskreises und zu einem gestörten Verhältnis zur Familie. Dadurch erfahren die Betroffenen immer weniger Unterstützung und ein Teufelskreis entsteht. (Wittchen & Hoyer, 2011)

Komorbidität von Depression und Alkoholismus

Komorbidität, also das gemeinsame Auftreten von Alkoholismus und Depressionen kommt häufig vor. Dabei kann es einerseits so sein, dass depressive Menschen versuchen, ihre Probleme mithilfe von Alkohol in den Griff zu bekommen, andererseits kann erhöhter Alkoholkonsum auch Depressionen auslösen. Zudem gibt es gemeinsame Entstehungsfaktoren von Depressionen und Alkoholismus, wie schwierige familiäre Verhältnisse, Traumata oder ungenügende Stressbewältigungsstrategien. Aus diesem Grund ist es auch möglich, dass Depressionen und Alkoholismus unabhängig voneinander bei einer Person entstehen. (Gammeter, 2002; Hintz et al., 2008)

Die meisten Studien zur Komorbidität lassen schwer feststellen, ob die Depression oder die Alkoholsucht zuerst da waren. Eine Längsschnittstudie aus der Schweiz hat ergeben, dass vor allem Frauen häufig aufgrund einer Depression oder Angststörung in weiterer Folge Alkoholsucht entwickeln. Auch andere Studien zeigen eine höhere Komorbidität bei Frauen. (Hintz et al., 2008) Voraussetzung für solche Studien ist allerdings, dass die Depression auch diagnostiziert wird. Es gibt aber Hinweise darauf, dass Depressionen bei Männern unterdiagnostiziert sind, das heißt, dass es eine Dunkelziffer an depressiven Männern gibt, die keine entsprechende Diagnose erhalten. Männer suchen weniger häufig Ärzte auf als Frauen und sprechen aufgrund des männlichen Rollenbildes häufiger nicht über ihre depressiven Verstimmungen. Alkohol ist in dem Fall ein Mittel, um die depressiven Symptome zu verbergen und damit umzugehen. Nicht diagnostizierte Depressionen und aggressive Umgangsweise können auch die höhere Selbstmordrate bei Männern erklären. (Möller-Leimkühler, 2008)

Die Komorbidität von Alkoholismus und Depression ist in dieser Hinsicht auch eine Gefahr, denn sie führt häufiger zu Selbstmord und Selbstmordversuchen, als wenn nur eine Störung vorliegt. Leider wird eine Depression bei Alkoholikern immer wieder übersehen, da das Alkoholproblem im Vordergrund steht. (Hintz et al., 2008; Driessen et al., 1994)

Auch biologische Faktoren spielen eine Rolle. Depressive Menschen haben einen niedrigen Serotoninspiegel. Dieser kann durch Alkoholkonsum vorübergehend erhöht werden. Das kann einer der Gründe sein, warum depressive Menschen leichter zu Alkohol greifen. Starker Alkoholkonsum bewirkt aber das Gegenteil. Dann sinkt wiederum der Serotoninspiegel. Das bedeutet, dass Alkohol anfangs ein geeignetes Mittel gegen Depressionen zu sein scheint, entwickeln die Betroffenen aber eine Sucht und steigern die Dosis, verstärken sie damit ihre Depression. Einen lesenswerten Artikel hierzu bietet auch die Website angst-verstehen.de. Zusätzlich können die sozialen Probleme, die durch den Alkoholismus entstehen, auch Depressionen auslösen. (Hintz et al., 2008; derstandard.at)

Behandlung und Therapie

Eine akute Depression wird mit Medikamenten behandelt. Danach ist eine kognitive Verhaltenstherapie empfehlenswert, in denen die Betroffenen lernen, negative Gedankenspiralen zu unterbrechen, positive Aktivitäten und positive soziale Beziehungen aufzubauen. Dies ist wichtig, um einem Rückfall in eine neue Depression vorzubeugen. (Wittchen & Hoyer, 2011)

Die Behandlung von Alkoholismus erfolgt ebenfalls auf der körperlichen und auf der psychischen Ebene. Zunächst wird der körperliche Entzug mit Medikamenten behandelt. Sind die Betroffenen dann frei von Entzugssymptomen, ist eine psychologische Behandlung unbedingt zu empfehlen, da ansonsten sehr bald ein Rückfall droht. Diese kann in Form von Einzelsitzungen oder Gruppensitzungen stattfinden. Auch Selbsthilfegruppen eignen sich zur Behandlung von Alkoholismus. Die möglichen Behandlungsformen sind vielfältig. Wichtig ist, dass die soziale Situation stabilisiert wird und die Betroffenen lernen, Aufforderungen zum Trinken zu widerstehen. Außerdem sollte ein Plan ausgearbeitet werden, was im Fall eines Rückfalles zu tun ist. (Wittchen & Hoyer, 2011)

Ein gemeinsames Vorliegen von Depression und Alkoholismus erschwert die Therapie beider Krankheiten, da sie sich wechselseitig begünstigen. Bei der Behandlung von Depressionen kann aber der Alkoholkonsum mitberücksichtigt werden. Zum Beispiel können die Patienten Methoden kennenlernen, um ohne Alkohol mit Stress umzugehen - vgl zum Beispiel das Stressimpfungstraining nach Donald Meichenbaum. Ein adäquater Umgang mit Stress kann nicht nur einen Rückfall in den Alkoholismus, sondern auch weitere depressive Episoden verhindern. (aerztezeitung.at) Alkoholentzug kann, vorübergehend, die Depression verstärken. Darüber sollen die Patienten informiert werden, damit sie die Therapie nicht abbrechen. Zusätzlich können, neben den Medikamenten zur Linderung der Entzugssymptome, auch Antidepressiva verschrieben werden. Darüber hinaus ist es hilfreich, im Einzelfall zu klären, ob die Depression oder der Alkoholismus zuerst da waren. Ist die Depression eindeutig eine Folge des Alkoholproblems, kann sich die psychologische Behandlung oder Psychotherapie auf den Alkoholismus konzentrieren. In dem Fall ist zu erwarten, dass mit der Überwindung der Alkoholsucht auch die Depression überwunden ist.

War umgekehrt die Depression die Ursache des Alkoholismus, muss der Fokus darauf gelegt werden. Handelt es sich bei Alkoholismus und Depression um unabhängige Störungen, müssen beide therapeutisch behandelt werden. (Gammeter, 2002)

Ein Problem der Komorbidität ist, dass die Patienten erst nüchtern sein müssen, damit eine psychologische Behandlung wirken kann. Zudem verstärkt Alkohol die Nebenwirkungen der Antidepressiva, was sehr gefährlich sein kann. So ist eine medikamentöse Therapie auch nicht ratsam, solange die Betroffenen noch Alkohol konsumieren. Alkoholiker haben häufig auch gar keine Krankheitseinsicht oder diese kommt sehr spät. Darum ist es auch nicht wahrscheinlich, dass sie medizinische oder psychologische Hilfe in Anspruch nehmen. Somit ist Alkoholentzug die erste Maßnahme, bevor eine psychologische Behandlung oder Therapie begonnen wird. (Driessen et al., 1994)

Videolinks

  • Ein Fernsehbeitrag zum Thema: https://www.youtube.com/watch?v=zEZoSQQKbqM&feature=youtu.be
  • Ein Betroffener berichtet: https://www.youtube.com/watch?v=oE_279nfAoA&feature=youtu.be

Quellen

  • http://www.suchtselbsthilfe-wettenberg.de/ICD-10.pdf (Zugriff am 02.07.2020)
  • https://www.lecturio.de/lexikon/alkoholismus (Zugriff am 02.07.2020)
  • https://www.aerztezeitung.at/archiv/oeaez-2018/oeaez-20-25102018/dossier-alkohol-burnout-depression-..... (Zugriff am 03.07.2020)
  • https://www.derstandard.at/story/1341526770370/alkoholkranke-teuflischer-kreislauf-alkohol-und-depre..... (Zugriff am 03.06.2020)
  • Driessen, M., Dierse, B., & Dilling, H. (1994). Depressive Störungen bei Alkoholismus. In Komorbidität-Therapie von psychiatrischen Störungen und Sucht: Konzepte für Diagnostik, Behandlung und Rehabilitation.
  • Gammeter, R. (2002, June). Psychiatrische Begleiterkrankungen bei Alkoholabhängigkeit. In Swiss Medical Forum (Vol. 2, No. 23, pp. 562-566). EMH Media.
  • Hintz, T., Diehl, A., & Croissant, B. (2004). Epidemiologische und ätiologische Aspekte von Depression und Angst-Psychische Komorbidität bei alkoholbezogenen Störungen. psychoneuro, 30(01), 42-48.
  • Möller-Leimkühler, A. M. (2008). Depression–überdiagnostiziert bei Frauen, unterdiagnostiziert bei Männern?. Der Gynäkologe, 41(5), 381-388.
  • Wittchen, H. U., & Hoyer, J. (2011). Klinische Psychologie & Psychotherapie (Vol. 1131). Heidelberg: Springer.

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Erstellt:
23. Juli 2020, 14:44 Uhr
Lesedauer:
ca. 5min 33sec

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