Der Frühling kann warten

Der Frühling kann warten

Heidi Reckleben-Meyer DH

„Wir leben nicht in Florida!“, möchte ich der Frau am liebsten in den Mantelkragen raunen, die beim Bäcker vor mir steht und sich seit gefühlten 30 Minuten übers Wetter beklagt. Wochenlang habe es nur geregnet, sei immer nur grau gewesen. Man habe nicht vor die Tür gehen mögen: nass, kalt, ungemütlich. Die Verkäuferin pflichtet ihr freundlich bei. Und jetzt sei es kalt und dunkel. Die Verkäuferin nickt eifrig. Ja, wir haben Februar, und es ist kurz vor 18 Uhr, denke ich.

Das im kalten Auto duftende Brot macht darauf aufmerksam, wie gemütlich dieser Winterabend zu Hause wird. Radio an, los geht’s. Zwischen zwei Songs bejammert eine Männerstimme, wie kalt es draußen ist. Er hoffe, dass es bald Frühling oder besser noch Sommer werde. Ich wechsle den Sender. Hier im Auto geht das, wo sich doch schon die Frau beim Bäcker nicht ausschalten ließ. Der Song ist vorbei. Es war einer aus dem Sommer. Und schon stürzt sich der nächste Moderator darauf, dass es besser immer warm wäre und dieser Song über diese schreckliche Zeit hinweghelfen könne. Radio aus!

Wenig Neues in den Fernsehnachrichten – und dann die Anmoderation zum Wetterbericht, in dem die Wetter-Fee doch bitte vom baldigen Frühling berichten soll. Langsam reicht‘s.

Ich genieße diese kalten, stillen Abende. Ich genieße es, dass es noch recht früh dunkel wird. Ich genieße es, auch wenn der Schnee Mangelware ist. Die Vorstellung, dass es ständig warm wäre, lässt mich erschaudern. Ich genieße die Jahreszeiten. Und im Moment ist die dran, die auch grau, dunkel und kalt sein kann!