Ein Gasspeicher im niedersächischen Rehden (Symbolbild). Foto: Mohssen Assanimoghaddam/dpa

Ein Gasspeicher im niedersächischen Rehden (Symbolbild). Foto: Mohssen Assanimoghaddam/dpa

Berlin/Brüssel 25.10.2022 Von Deutsche Presse-Agentur

Der Gaspreis sinkt, die Rechnung bleibt hoch

Während des Ukraine-Krieges ging der Gaspreis in Europa steil nach oben. Inzwischen ist der Preis im Großhandel wieder gesunken. Die Auswirkungen davon sind aber begrenzt.

Der Gaspreis an Europas Märkten ist deutlich gesunken. Angesichts der drohenden Energieknappheit im anstehenden Winter ist das eine gute Nachricht - über die sich Verbraucher aber nicht zu früh freuen sollten. Ein Überblick über das Thema in Fragen und Antworten. Der Preis für eine Megawattstunde Erdgas kostete an der deutschen Energiebörse EEX zum Wochenbeginn weniger als 30 Euro. Einen Monat zuvor lag der Wert noch bei mehr als 200 Euro. Es geht um den Spot-Markt - also Gas, das man heute kauft und morgen bezieht. Bis Mitte 2021 lag der Spotmarkt-Preis in der Regel in der Preisspanne 10 bis 30 Euro. Bei Terminkontrakten - also Verträgen mit garantiertem Preis für spätere Lieferungen - ging es in den vergangenen Wochen preislich ebenfalls bergab. Am niederländischen Handelspunkt TTF kostete ein auf den nächsten Monat ausgerichteter Terminkontrakt zuletzt weniger als 100 Euro und damit nur noch die Hälfte von vor einem Monat. Der TTF-Kontrakt gilt als Richtschnur für das europäische Preisniveau. Was für Folgen hat die Entwicklung?Wer angesichts der aktuellen Preisentspannung am Gasmarkt erleichtert mit der Zunge schnalzt und annimmt, dass die Gasrechnung doch nicht so happig wird wie befürchtet, liegt daneben. „Für die Verbraucher bleibt es sehr teuer, der aktuelle Preisverfall am Markt hat für sie keine unmittelbaren Folgen“, sagt Matthis Brinkhaus vom Analysehaus Energy Brainpool. Die Versorger deckten sich für ihren Energiebedarf in der Regel größtenteils mit langfristigen Termingeschäften ein und nur zum kleinen Teil mit Einkäufen am kurzfristigen Spotmarkt. „Selbst wenn mancher Versorger vor kurzem noch mit etwas höheren Einkaufspreisen gerechnet und jetzt etwas weniger zahlen muss, so fließt das erstmal in seine allgemeine Kostenkalkulation ein.“ Direkte Preissenkungen an die Kunden gebe es nicht, zumal die „Preisanpassungen“ üblicherweise nur einmal im Jahr durchgeführt werden, sagt Brinkhaus. Nur industrielle Großverbraucher, deren Tarif teilweise an die aktuelle Marktpreisentwicklung gekoppelt ist, könnten dank der aktuellen Preissituation etwas entlastet werden. Nach den Worten von Wirtschaftsminister Robert Habeck ist der starke Rückgang bei den Großhandelspreisen für den Verbraucher erst mittelfristig eine gute Nachricht. Für die Märkte sei dies allerdings ein starkes Zeichen, sagt der Grünenpolitiker. Was sind die Gründe für den Preisverfall?In den vergangenen Monaten hat eine Handelsfirma im Auftrag des Bundes im großen Stil Gas eingekauft, um die deutschen Speicher zu füllen. Die sind inzwischen zu 97,5 Prozent voll. Das ist ein Durchschnittswert, einige Speicher sind sogar schon zu 100 Prozent gefüllt. Die Nachfrage nach Gas zur Speicher-Befüllung hat sich deshalb stark abgeschwächt. Dass die Speicher so voll sind, liegt auch an der milden Witterung. Dadurch fällt es vielen Bürgern leicht, die Gasheizung noch auszulassen und ihr Energieverbrauch insgesamt ist niedriger als sonst im Herbst. „Verbrauchsdaten der vergangenen Wochen haben gezeigt, dass die Bürger es ernst meinen mit dem Energiesparen“, sagt Georg Zachmann vom Thinktank Bruegel. Die Märkte hätten daraus die Schlussfolgerung gezogen, dass Europas Energiehunger im Winter doch nicht so groß sein könnte wie vorher angenommen. „Das zeigt, dass sich Energiesparen doppelt lohnt: Zum einen verbrennt man weniger Gas und zum anderen hat das Sparverhalten eine dämpfende Wirkung auf die Preisentwicklung am Energiemarkt.“ Wirtschaftsminister Habeck (Grüne) beantwortet die Frage mit einem klaren Ja. Er führt an, dass die Lager wegen politischer Vorgaben so voll sind und dass von der Politik angetrieben eine alternative Infrastruktur aufgebaut werde. Weitere Maßnahmen sind bereits angekündigt. So soll künftig zumindest ein Teil der Gasnachfrage in der EU gebündelt werden, um bessere Preise auszuhandeln. Zum jetzigen Handels-Preisniveau sagte Habeck: „Davon hätte man im Sommer noch nicht zu träumen gewagt.“ Allerdings sei das das jetzige Niveau „weiter hoch, und es wird auch nicht so werden wie vor Putins Krieg“. Deshalb sei unter anderem Energiesparen sehr wichtig. Wie ist die Prognose? Ein spürbarer Preisanstieg ist wahrscheinlich. „Die aktuellen Preise am Spotmarkt sind nur eine Momentaufnahme“, sagt Energiefachmann Brinkhaus. „Wird es kälter, werden die Preise anziehen.“ Klar ist, dass sich die Speicher in den kommenden Wintermonaten leeren werden. Sinkt ihr Speicherstand schneller als erhofft, könnte der Gaspreis wieder durch die Decke gehen und sogar eine Gasmangellage ausgerufen werden. Möglicherweise kommt Deutschland aber ohne Gas-Rationierungen für Firmen durch den Winter. Interessant ist, dass Terminkontrakte für garantierte Lieferungen in den ersten Monaten des Jahres 2023 derzeit etwa 140 Euro pro Megawattstunde kosten. „Der Markt erwartet, dass die strukturelle Knappheit weiter bestehen bleibt“, sagt Bruegel-Experte Zachmann. Technisch gesehen seien 100 Prozent möglich, sagt Sebastian Bleschke vom Gasspeicher-Verband Ines. Unter optimalen Bedingungen sind in manchen Anlagen sogar mehr als 100 Prozent Füllstand erreichbar. Der Verbands-Geschäftsführer weist aber darauf hin, dass die Befüllung stark witterungsabhängig sei. „Fällt die Temperatur im Tagesmittelwert auf sechs Grad oder weniger, wird die Nachfrage stark anziehen und es wird schwierig, weitere größere Mengen einzuspeichern.“ In der vergangenen Woche waren es im Schnitt 12,1 Grad.

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Erstellt:
25. Oktober 2022, 17:33 Uhr
Lesedauer:
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