Timo Schwiersch

Timo Schwiersch

Nienburg 10.03.2017

Der Nächste bitte

Sie hat uns derzeit voll im Griff. Gemeint ist die Grippewelle, die derzeit über Deutschland rollt und gefühlt jeden Zweiten zeitweise aus dem Verkehr zieht. Auch mich hatte es vor drei Wochen erwischt. Am Montag schleppte ich mich trotz Erkältungsbeschwerden noch zur Arbeit – schließlich möchte man sich von einer Schniefnase nicht dominieren lassen. Doch in der Nacht zum Dienstag bekam ich den deutlichen Hinweis von meinem Immunsystem: Bis hierhin und nicht weiter.

Am Dienstag stand ich also pünktlich um 7:58 Uhr vor der verschlossenen Tür meines Hausarztes und wartete – zusammen mit rund zehn anderen mehr oder weniger Kränkelnden – sehnsüchtig darauf, dass eine Arzthelferin die Tür aufschließt. „Heute Vormittag ist schon alles voll“, bekomme ich um 8:03 Uhr gesagt, „kommen Sie am besten um 13:20 Uhr wieder.“ 13:20 Uhr ist eine relativ präzise Zeitangabe. Nicht 13 Uhr, nicht „halb zwei“. 13:20 Uhr. Ein gutes Termin-Management möge man zunächst vermuten. Doch leider weit gefehlt. In vorauseilendem Gehorsam sitze ich ab 13:00 Uhr – zwanzig Minuten vor der Zeit – bereits wieder im Wartezimmer und hoffe darauf, bald aufgerufen zu werden. Zwanzig Minuten vergehen, und dann weitere zwanzig, und nochmal zwanzig. Nach anderthalb Stunden werde ich ungeduldig – was auch daran liegen könnte, dass mein Handyakku in bedrohlich niedrige Prozentzahlen abrutscht.

Gegen 15:00 Uhr betritt eine Arzthelferin das Wartezimmer und sagt den mittlerweile knapp 20 Wartenden: „Es wird noch etwas dauern. Der Doktor muss jetzt erst mal zu einem Notfall rausfahren.“ Seufz. Grundsätzlich habe ich natürlich Verständnis für Notfälle. Wenn es jemandem da draußen wesentlich schlechter geht, sehe ich ein, dass dieser Patient Vorrang hat. Aber nach zwei Stunden im Wartezimmer voller hustender und schnupfender Leidensgenossen fällt es mir deutlich schwerer als sonst, dieses Verständnis aufzubringen.

Es ist 16:00 Uhr. Mein Handy hat sich mangels Akku vor fast einer Stunde abgeschaltet. Mittlerweile lese ich aus Verzweiflung in der Gala den neuesten Klatsch und Tratsch aus dem englischen Königshaus. Die Stimmung im Wartezimmer ist schlecht. „Eigentlich hätte ich auch arbeiten gehen können“, denke ich mir, als endlich der sehnsüchtig erwartete Satz fällt: „Herr Schwiersch, bitte“.

Die paar Minuten, in denen ich im Behandlungszimmer noch auf den Arzt warte, vergehen fast wie im Flug. Der Arzt horcht mich zwei Minuten lang ab und schreibt mir ein Rezept. Pünktlich um 17:00 Uhr verlasse ich die Arztpraxis – nach nur vier Stunden – und mache mich auf den Weg zur Apotheke. Wäre ich arbeiten gegangen, wäre ich auch ungefähr jetzt nach Hause gekommen. Mir reicht’s!

Den nächsten Termin hole ich mir bei einer anderen Hausärztin: „Bei uns ist momentan einiges los aufgrund der Grippewelle“, erklärt mir die Arzthelferin am Telefon, „eine halbe Stunde Wartezeit müssen Sie schon mitbringen”. Ich lache und sitze am nächsten Morgen um 8:15 Uhr im Wartezimmer. Um 8:50 Uhr bin ich bereits wieder draußen. „Es geht also auch anders“, denke ich mit einem Blick auf mein Handy. Mein Akku ist bei 89%.

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Erstellt:
10. März 2017, 17:30 Uhr
Lesedauer:
ca. 2min 35sec

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