06.04.2014

„Der Staat lässt die Armen allein“

Initiativkreis: Allein im Landkreis Nienburg müssen 500 Familien ohne Strom leben

Von Edda Hagebölling

Nienburg. Jennifer Klee ist überglücklich. Demnächst kann die 24-Jährige zusammen mit ihrer dreijährigen Tochter aus ihrer alten Wohnung im Nienburger Ahornbusch aus- und in eine Wohnung der GBN im Bereich der Lehmwandlung einziehen. Überglücklich in erster Linie, weil sie endlich eine Chance sieht, das Kapitel Stromschulden, das sie begleitet, seitdem sie in die schlecht isolierte Drei-Zimmer-Wohnung eingezogen war, hinter sich lassen zu können. 300 Euro musste sie für die 63 Quadratmeter aufbringen. Monat für Monat. Denn geheizt wird ebenfalls mit Strom. Die Wohnung verfügt – wie viele andere in diesem Bereich auch – noch über eine Nachtspeicherheizung. Als sie an den Grundversorger avacon dann auch noch 2000 Euro nachzahlen sollte, wandte sich die Nienburgerin unter anderem an Matthias Mente. Matthias Mente, Leiter der beim Verein „Herberge zur Heimat“ angesiedelten Beratungsstelle „WohnWege“, betreut zurzeit rund 200 Menschen, die von Wohnungslosigkeit bedroht sind. Zusammen mit Wolfgang Kopf, Viktoria Kretschmer und Marion Schaper bildet er den Initiativkreis „Stopp Stromsperren!“. Gemeinsam wollen sie noch vor Ostern einen gleichnamigen Arbeitskreis gründen.

„Dass meine Klientin bei der GBN einziehen kann, ist für sie wie ein Sechser im Lotto. Bei der GBN ist man über sämtliche Schatten gesprungen. Das ist beileibe nicht selbstverständlich“, so Mente.

Stromschulden gehören auch für Marion Schaper, Geschäftsführerin des Diakonischen Werks, zum täglich Brot. „Stromrechnungen reißen riesige Haushaltslöcher in die Kassen der Menschen, denen ohnehin nicht viel Geld zur Verfügung steht“, berichtet sie beim Treffen mit der Harke am Sonntag. Um den Vorgaben des ALG II gerecht zu werden, seien die Menschen gezwungen, in günstige, weil häufig schlecht isolierte, Wohnungen zu ziehen. Doch andererseits sind die ALG II-Sätze auf die entsprechend höheren Energiekosten überhaupt nicht ausgerichtet. „Ein Teufelskreis“, gibt Marion Schaper zu bedenken.

„Der Staat lässt die Armen allein“, unterstreicht auch Matthias Mente überzeugt. An seiner Überzeugung ändert auch die Tatsache nichts, dass die Regierung zurzeit darüber nachdenkt, ALG II-Empfängern Abwrackprämien beispielsweise für Kühlschränke zu zahlen, wenn sie sich einen neuen, energiesparenden zulegen. „Die Politiker kommen offenbar gar nicht auf die Idee, dass auch dafür das Geld gar nicht da ist“, so der Leiter der Beratungsstelle.

Viktoria Kretschmer, für die Partei Die Linke im Stadtrat, hatte das Thema „Energiearmut und Stromsperren“ vor Weihnachten in einer öffentlichen Sitzung zur Sprache gebracht. Und bei der avacon in Erfahrung gebracht, dass im Landkreis Nienburg umgerechnet 500 Familien im Dunkeln sitzen, weil bei ihnen der Strom abgeschaltet wurde.

Um dem Thema Energiearmut mehr Nachdruck zu verleihen, will der vierköpfige Initiativkreis einen Arbeitskreis gründen. Ferner wird dafür plädiert, vor Ort eine Clearingstelle einzurichten.

Das große Ziel soll aber sein, die Politik von der Notwendigkeit sozialverträglicher Stromtarife zu überzeugen.

Die Gründung des Arbeitskreises, zu der alle Interessierten vielmals willkommen sind, findet am Mittwoch, dem 16. April, um 19.30 Uhr beim Diakonischen Werk in Nienburg, Wilhelmstraße 14. statt.

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Erstellt:
6. April 2014, 00:00 Uhr
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