Der Wahnsinn der Helikopter-Eltern

Der Wahnsinn der Helikopter-Eltern

Philipp Keßler DH

Der frühe Vogel fängt den Wurm – welch ein gruseliges Sprichwort. Es ist sozusagen das „Carpe Diem“ der Tierwelt und vor allem: typisch deutsch! Es drängelt und drängt uns dazu, immer pünktlich sein zu müssen, stets früh aufzustehen und pausenlos schneller zu sein als all die anderen. Dabei wurde diese Redensart ursprünglich erstmals im 17. Jahrhundert in Großbritannien verwendet. Also auch die Insulaner brauchen anscheinend morgens eine Extra-Portion Ansporn. Kein Wunder: bei dem vielen Regen rund um London... Wer aber jede Lebenssekunde nach diesem Motto orientiert, erhöht seine Chancen, spätestens kurz vor dem Rentenbeginn mit Herzversagen ins Grab zu sinken – der Sozialstaat bedankt sich.

Speziell Eltern können oft nicht abwarten, ihren Nachwuchs frühzeitig auf die Karriereleiter zu schubsen. Schreiben können muss das Kind am besten schon vor der Einschulung, Klavierunterricht wird dreimal wöchentlich genommen und dazwischen ist mit Sicherheit noch Platz für Fußballtraining. Oft sind es die Erziehungsberechtigten, die am Rasen für Stimmung sorgen – aber leider im negativen Sinne.

Fast jeder Jugendcoach kann hier aus dem Nähkästchen plaudern: Es kommt vor, dass Eltern den Schiedsrichter beleidigen, den Trainer anschreien oder gar das eigene Kind vor versammelter Truppe zur Sau machen. Über solche Entwicklungen darf man sich im Grunde nicht wundern: Die Kommerzialisierung des Fußballs verspricht, wie einst den Tennis-Eltern, enorme Einkommenssprünge. Das Kind als Fußballstar – ein Lotto-Gewinn; der Nachwuchs sichert nicht nur die Rente, sondern bringt Luxus pur.

Für alle anderen bedeutet das: Köpfe einziehen, die Helikopter-Eltern sind im Anflug. Inzwischen kann sogar die Polizei ein Lied davon singen, denn: Immer schneller wählen Mama und Papa voller Sorge und Hilflosigkeit die 110, berichtete der „Spiegel“. In Hamburg rief kürzlich eine Mutter die Beamten, weil sich ihr dreijähriges Kind mit einem anderen um einen Roller stritt. Die beiden Kids waren in einer Kindertagesstätte, hätten geschrien und einander gekratzt. Man munkelt, es ermittle inzwischen der Staatsanwalt.

Aber wieso entstehen solche Situationen? Werden viele Menschen heutzutage einfach zu schlecht auf ihre Rolle als Elternteil vorbereitet? Oder ist der Leistungsdruck unserer Gesellschaft schuld daran? Eltern wollen auf ihre Weise zwar nur das Beste, doch zu viel Leistungsdruck kann dem Kind auch schaden. Unter derartigem Druck kann der Nachwuchs auch schon mal platzen, also sprichwörtlich. Deswegen sollten auch Eltern sich öfter mal eingestehen: Der frühe Vogel kann mich mal!