14.04.2013

Deutschland als das Land der Porsche und Ferrari

Schüler und Lehrkräfte des Marion-Dönhoff-Gymnasiums mit vielfältigen Eindrücken wohlbehalten aus Südafrika zurückgekehrt

Von Edda Hagebölling

Nienburg. Unheimlich freundliche und fröhliche Menschen auf der einen, unfassbare Armut und Gewalt auf der anderen Seite: Die sieben Schülerinnen und Schüler des Marion-Dönhoff-Gymnasiums, die jetzt – begleitet von Stephan Homberg und Kirsten Waßmann – wohlbehalten von ihrer dreiwöchigen Studienreise durch Südafrika zurückgekehrt sind, haben die vielfältigen Eindrücke noch längst nicht verarbeitet. Hätten sie jedoch die Möglichkeit, sich noch einmal auf den Weg zu machen nach Elandskraal, Greytown, Margate oder Hillbrow würden sie schon morgen wieder einsteigen in den Flieger nach Johannesburg. Dabei haben Niklas Winkelmann, Sarah Lohse, Laura Hansen, Luisa Keibel, Vanessa Dehmel, Jasper Rabe und Laura Kramer gerade in Johannesburg, mit rund acht Millionen Einwohnern die größte Stadt Südafrikas, beziehungsweise deren Stadtteil Hillbrow, die bedrückendsten Eindrücke gesammelt.

In Hillbrow waren die Neunt- und Zehntklässler und ihre Lehrkräfte in einer kirchlichen Einrichtung untergebracht. Die Folgen der Apartheid waren noch deutlich zu spüren. Von Pastor Thomas erfuhren sie, dass Morde und Vergewaltigungen an der Tagesordnung sind, die AIDS-Rate bei 50 Prozent liegt und es kaum ein Kind gibt, das nicht schon Gewalt erfahren hat. Dass die Jugendlichen aus dem Kreis Nienburg die Decken, die sie eigens für die Übernachtung in Hillbrow gekauft hatten, zurückließen, um sie an die vielen, vielen Obdachlosen weiterzuleiten, war für sie gar keine Frage.

Den absoluten Kontrast erlebte die Gruppe dann bei der Fahrt durch Johannesburg: unbeschreiblicher Reichtum, prunkvolle Neubauten, stattliche vierrädrige Karossen.

Andererseits – und diesen Eindruck brachten die Schülerinnen und Schüler auch aus Südafrika mit – halten gerade die Kinder in Südafrika Deutschland für das Land der Porsche und Ferrari. Denn natürlich hatten die MDGler auch reichlich Gelegenheit, mit Gleichaltrigen ins Gespräch zu kommen. Zum Beispiel an der Greytown-Highschool und damit der Schule, mit der Stephan Homberg gerne eine Schulpartnerschaft eingehen würde.

Die Gymnasiasten aus dem Kreis Nienburg nahmen am Unterricht teil, wurden aber auch zu Themen wie Fußball, Autos oder Adolf Hitler befragt. Die Highschool verfügt neben einem stattlichen Pool über ausgedehnte Sportanlagen. Dafür gibt es keine Spielgeräte. „Dass es bei uns Monate gibt, in denen wir gar keinen Sportunterricht haben, ist für die Greytown-Schüler unvorstellbar“, so die Nienburger.

Körperlich arbeiten mussten die Neunt- und Zehntklässler bei ihrem Aufenthalt in Hermannsburg. Dort galt es, eine Straße zum örtlichen Kindergarten auszubessern. Die Schülerinnen und Schüler wissen seitdem aus eigener Erfahrung, dass sich Beton auch mit Schaufel und Muskelkraft herstellen lässt. Ein Betonmischer stand selbstredend nicht zur Verfügung.

Die Kinder in Hermannsburg werden sich aber auch aus einem anderen Grund noch gerne an die Mädchen und Jungen aus Deutschland erinnern. Die Schülerinnen und Schüler um Stephan Homberg und Kirsten Waßmann fertigten auf Geheiß der Kindergartenleiterin Lernplakate an. Und was die Nienburger besonders beeindruckte: „Die Kinder waren so süß und zutraulich, die haben einfach alles gemacht.“

Vergessen war zu diesem Zeitpunkt bereits die turbulente Ankunft in Südafrika. Um erst einmal anzukommen, verbrachten die Nienburger drei Tage und Nächte in einem Zulu-Dorf. Und hatten gleich in der ersten Nacht ein Gewitter, wie sie es bis dahin noch nie erlebt haben. „Sogar der Boden hat vibriert“, so die Jugendlichen. Dafür waren sie Bestandteil des typischen Afrika. Ohne Touristen, trotzdem aber mit „Knorr“-Produkten im Shop des Ortes und mit Spinnen und Kakerlaken. „Die fanden es in den trockenen Blockhäusern auch ziemlich gemütlich“, so ein mitfühlender Stephan Homberg.

Mit einem Pickup ging es unter anderem durch eines der Game-Reserves mit Impalas und Elaands, allesamt für die Touristen zum Abschuss freigegeben, oder zu den Battlefields, wo seit kurzem ein Denkmal daran erinnert, dass nicht nur Weiße, sondern auch Schwarze in den Kriegen umgekommen sind.

Ein weiteres wichtiges Ziel der Studienreise war Elands kraal. Dort fertigen Frauen im Rahmen eines Selbsthilfeprojektes geflochtene Körbchen und mit Perlen besetzte Taschen an, die von den Schülerinnen und Schülern von Stephan Homberg schon seit längerem verkauft werden. Und das gleich in doppelter Hinsicht für einen guten Zweck.

Ein Zeil des Erlöses fließt zu den Frauen zurück und trägt damit dazu bei, dass mittlerweile 800 Familien von diesen Hobbykunst-Artikeln leben können. Unterstützt wird mit dem Erlös aus dem Verkauf der Handarbeiten aber auch noch in zweites Projekt: ein privater Kindergarten, der von einer ehemaligen Krankenschwester errichtet wurde.

Ein bisschen wie im Paradies fühlen konnten sich die Schülerinnen und Schüler dagegen bei ihrem Aufenthalt ins Remsgate, wo sie bei einem älteren Ehepaar lebten, bei einem Abstecher zum indischen Ozean oder beim Besuch des Künstlerehepaares, das im vergangenen Jahr für den „Tag für Afrika“ am ein Bild gestiftet hat und mittlerweile auch ein Straßenkinderprojekt betreut. Auch dieser Kontakt soll in jedem Fall aufrecht erhalten werden.

Zu dem Eindruck von Südafrika gehört für die Nienburger aber auch die Krokodilfarm, in der die Tiere gezüchtet werden, um später deren Fleisch und deren Haut zu vermarkten, oder das von einem Stacheldraht umgebene Golf-Resort mit den benachbarten Villen auf der einen und Blechhütten auf der anderen Seite.

Ganz besonders bedanken möchten sich die Südafrika-Reisenden bei der Werner-Erich- und der Ernst-Stewner-Stiftung sowie dem Förderverein der Schule für deren finanzielle Unterstützung. Der Öffentlichkeit präsentieren wollen sie ihre Erlebnisse beim „Tag für Afrika“ am 18. Juni.

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Erstellt:
14. April 2013, 00:00 Uhr
Lesedauer:
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