Freuen sich, so vielen Menschen helfen zu können, machen sich aber Sorgen um die Kinder: Beate Kiehl und Andrea Walther, Leiterinnen der Nienburger Tafel beziehunsgweise des Projekts „Lernschritte“. Foto: Edda Hagebölling

Freuen sich, so vielen Menschen helfen zu können, machen sich aber Sorgen um die Kinder: Beate Kiehl und Andrea Walther, Leiterinnen der Nienburger Tafel beziehunsgweise des Projekts „Lernschritte“. Foto: Edda Hagebölling

Nienburg 21.12.2019 Von Edda Hagebölling

Die (Finanz-) Lage bleibt angespannt

Nienburger Tafel versorgt im Monat rund 5.500 Menschen mit Lebensmitteln / Spendenaufkommen rückläufig

„Was ich mir zu Weihnachten wünschen würde, wenn ich einen Wunsch frei hätte?“ Beate Kiehl, Chefin der Nienburger Tafel, braucht nicht lange zu überlegen. „Ich würde mir wünschen, dass ich nicht schon im Januar schwitzen muss, ohne dass es draußen warm ist.“

Immer im Januar erstellt Beate Kiehl den Haushaltsplan für die Tafel. Trotz der Unterstützung durch den vor drei Jahren gegründeten Förderverein ist die finanzielle Lage angespannt.

Rund 5.500 Menschen sind Monat für Monat in den Ausgabestellen Nienburg, Hoya, Stolzenau und Neustadt mit Lebensmitteln zu versorgen. Hinzu kommen die rund 200 Schulkinder, die Woche für Woche mit Brot und Belag fürs Frühstück in der Schule oder mit einer warmen Mahlzeit versorgt werden.

Erst warme Mahlzeit, dann Hausaufgaben

An drei Tagen in der Woche kommen zudem gleich nach Schulschluss bis zu 13 Grundschulkinder zu Beate Kiehls Kollegin Andrea Walther in die Leinstraße 16.

Im Rahmen des Projekts „Lernschritte“ werden die Mädchen und Jungen der Klassen 1 bis 4 zunächst mit einer warmen Mahlzeit versorgt und anschließend bei den Hausaufgaben unterstützt.

Dass all das nicht zum Nulltarif möglich ist, liegt auf der Hand.

Ein großer Ausgabeposten sind die beiden Kühl-Sprinter, mit denen regelmäßig 72 Märkte pro Woche angefahren werden, um überschüssige Lebensmittel abzuholen und an die vier Ausgabestellen oder an befreundete Tafeln weiterzuleiten. Letzteres geschieht natürlich nicht, ohne im Gegenzug Lebensmittel zu verladen, die dort gerade im Überfluss vorhanden sind.

„Dass nicht jeder die Sprinter fahren kann oder will, können Sie sich sicher denken“, gibt Beate Kiehl zu bedenken. Die Fahrer werden darum besonders gehegt und gepflegt.

Wie viele Kilometer in der Woche zurückgelegt werden, weiß die Tafel-Chefin nicht so genau, sie ist aber überglücklich, wenn – wie unlängst geschehen – ein edler Spender an der Stamm-Tankstelle ein nicht unbeträchtliches Tankguthaben deponiert.

Auch gibt es nach wie vor Menschen, die zu ihrem runden Geburtstag um eine Spende für die Nienburger Tafel bitten, oder Firmen, die auf Geschenke für die Kunden verzichten und das Geld dann lieber an die Tafel übergeben. Doch insgesamt ist das Spendenaufkommen rückläufig.

Dass die Kundinnen und Kunden, die zur Nienburger Tafel kommen, für die Lebensmittel einen symbolischen Euro zahlen, ist für sie Ehrensache. Dass sie den Anspruch darauf bei ihrem ersten Besuch gegen Vorlage der entsprechenden Papiere belegen müssen und registriert werden, auch.

Es gibt, was gerade da ist

Wie immer gilt: Es gibt, was gerade da ist. „Mit einem Einkaufszettel mit Zutaten beispielsweise für einen Eintopf zu kommen, klappt meistens nicht. Oft muss im Supermarkt noch zugekauft werden“, so Beate Kiehl.

Unterstützt werden die beiden Teilzeitkräfte Beate Kiehl und Andrea Walther aktuell von drei „Buftinen“, 1,20-Euro-Kräften und von einem festen Stamm ehrenamtlicher Helferinnen und Helfer. „Ohne die ginge gar nichts“, betont die Tafel-Chefin.

Ganz besonders gefreut hat sie sich, dass eines Tages eine arabisch und auch schon ganz gut deutsch sprechende junge Frau mit der Ansage zu ihr kam: „Ich möchte helfen.“ Das geschieht seitdem zweimal die Woche, immer von 12 bis 16 Uhr.

Die Stimmung ist gut unter den Kundinnen und Kunden der Nienburger Tafel. Man kennt sich, hilft sich gegenseitig, knüpft Freundschaften. Auch mit der Verständigung klappt es immer besser. Es kann zwar nicht schaden, wenn unter denen, die längst die Seiten gewechselt haben und hinter dem Tresen der Ausgabestelle stehen, Frauen und Männer sind, die arabisch und kurdisch können, doch auch ohne sie gibt es kaum noch Verständigungsprobleme.

Eine willkommene Abwechslung im Alltag der Helferinnen und Helfer bildet Jahr für Jahr das Mythodea-Festival in Brokeloh mit tausenden von Teilnehmerinnen und Teilnehmern aus aller Welt.

„Ich weiß immer schon, wenn ich die Nummer aus Süddeutschland auf dem Display sehe, dass das die Veranstalter aus Regensburg sind, die uns fragen, ob wir auch dieses Mal die überzähligen Lebensmittel abholen möchten“, so Beate Kiehl. „Das ist immer ein total witziger Termin. Die Leute sind total gut drauf“, berichtet Kiehl weiter.

Retten, was zu retten ist

Sorgen bereiten der Tafel-Chefin allerdings die Kinder aus dem Projekt „Lernschritte“. Die Betreuerinnen und Betreuer – Lehrer a.D., Hausfrauen, Omis – haben längst festgestellt, dass die Kinder große Sprachprobleme haben und oft gar nicht wissen, was die Schule von ihnen will.

„Hier gilt es, zu retten, was zu retten ist“, so Andrea Walther. Die Kinder würden dem Alter entsprechend beschult, hätten aber durch die Flucht viel Zeit verloren.Sie könnten also gar nicht so weit sein, wie ihre gleichaltrigen deutschen Mitschülerinnen und Mitschüler, die nicht tage- und wochenlang auf der Flucht nachts irgendwo in den Bergen unterwegs sein mussten.

Dass viele von den Lernschritte-Kindern traumatisiert sind, kann Tafel-Mitarbeiterin Andrea Walther nur vermuten.

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Erstellt:
21. Dezember 2019, 19:40 Uhr
Lesedauer:
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