Zeitzeuge Leo Mark Horovitz.

Zeitzeuge Leo Mark Horovitz.

02.11.2014

Die Flucht der Kinder

Arbeitskreis Gedenken thematisiert am 9. November die „Kindertransporte“

Nienburg. „Kinder abreisen 17 Uhr 13. Abschied in der Schule“ – so lautete ein Telegramm, das Schuldirektor Klibansky im März 1939 an die Eltern seiner Schülerinnen und Schüler schickte. Aber es ging nicht um eine Klassenfahrt, sondern um die Rettung der Kinder vor dem drohenden Holocaust. Für Eltern wie Kinder war der Abschied ein traumatisches Erlebnis, denn viele von ihnen sollten einander nie wiedersehen. Auf die Eltern warteten zumeist die Deportation und die wahrscheinliche Ermordung im KZ. Und die meisten Kinder wussten nicht, wohin sie kommen würden. Sie sprachen nur Deutsch und reisten in Länder, die für sie eine andere Welt bedeuteten. 19 000 jüdische Kinder wurden insgesamt durch Kindertransporte des „Hilfsvereins der Juden in Deutschland e. V.“ gerettet. Allein Großbritannien nahm über 10 000 von ihnen auf. Das Verbleiben in Deutschland hätte für die Mehrheit von ihnen den sicheren Tod bedeutet. Die „Polenaktion“ im Oktober 1938 – bei der rund 17 000 Menschen über Nacht nach Polen abgeschoben wurden - und die Novemberpogrome im gleichen Jahr hatten die Absichten des NS-Regimes mehr als deutlich gemacht.

Diese Ereignisse und das Schicksal einiger der Kinder thematisiert der Arbeitskreis Gedenken der Stadt Nienburg am diesjährigen 9. November. In einer Ausstellung wird die Geschichte der Kindertransporte aufgezeichnet. Unterstützt wird der Arbeitskreis dabei von einem Zeitzeugen, der sie selbst erlebt hat: Leo Mark Horovitz.

Leo Horovitz wurde 1928 in Frankfurt geboren. Kurz nach den Novemberpogromen nahmen seine Eltern Kontakt mit dem Hilfsverein auf. Im März 1939 war es soweit, auch der elfjährige Leo musste am Bahnhof seinen Eltern ein ungewisses Lebewohl wünschen. Die meisten der kleinen Flüchtlinge reisten über Holland, Belgien und Frankreich nach England. Dort kam Leo zunächst bei einem Onkel in London unter. Bei Kriegsbeginn wurde er jedoch in die mittelenglische Stadt Saint Alban’s evakuiert. Dort lebte er bei fünf verschiedenen Familien, ehe seinen Eltern 1942 ebenfalls die Flucht nach England gelang. 1944 wurde die Familie von den Engländern in Wales interniert. Über diese dramatischen Erlebnisse wird Leo Horovitz, der heute wieder in Deutschand lebt, am 9. November bei einem Zeitzeugengespräch im Vestibül des Rathauses berichten.

Über 10 000 weitere Kinder konnten zwischen 1939 und 1945 durch die Jugend-Alijah, eine von der Nordenerin Recha Freier gegründete Initiative, nach dem damaligen Palästina gerettet werden. In Erinnerung daran zeigt der zweite Teil der Ausstellung Bilder der Dresdener Malerin und Grafikerin Lea Grundig. Es handelt sich um Kinderbuchillustrationen, die von der jüdischen Künstlerin nach ihrer Flucht nach Palästina zwischen 1942 und 1946 geschaffen hat. Die Dresdenerin kehrte später nach Deutschland zurück und wurde Kunstprofessorin in Dresden und Greifswald. Sie starb hoch geehrt und international bekannt 1977 während einer Mittelmeerreise.

Die jetzt in Nienburg ausgestellten Werke wurden dem Arbeitskreis Gedenken von ihrer Freundin und Nachlassverwalterin Dr. Maria Heiner zur Verfügung gestellt. Eine weitere Ausstellung von Lea Grundigs Kunst ist für das Forum des Gedenkens im kommenden Januar geplant.

Ausstellungseröffnung und Zeitzeugengespräch beginnen am kommenden Sonntag, 9. November, um 11:15 im Rathaus Nienburg. DH

Im Rahmen der Veranstaltung findet ebenfalls die Verleihung des Elisabeth-Weinberg-Preises und die Ernennung der Jugendlichen der diesjährigen Auschwitz-Gedenkreise zu Botschafterinnen und Botschaftern der Erinnerung statt.

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Erstellt:
2. November 2014, 00:00 Uhr
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