30.12.2012

„Die Kinder haben jeden Tag geweint“

Vor gut einem Jahr fand die Abschiebung der Familie Nguyen ihr – vorläufiges – Happy End

Von Edda Hagebölling

Hoya. Es ist ruhig geworden um Familie Nguyen. Vater Min Tuong und Mutter Thi Sang arbeiten wieder in der Baumschule von Jürgen Krebs in Hoyerhagen, Tochter Esther, mittlerweile zehn Jahre alt, geht nach wie vor in Hoya zur Schule, Sohn André inzwischen auch. Er ist im November sieben Jahre alt geworden. Die älteste Tochter, Ngoc Lan, ist mittlerweile verheiratet. Die heute 21-Jährige lebt mit ihrem Mann in Belgien.

Das Weihnachtsfest haben die Eltern und ihre beiden jüngeren Kinder bei Freunden in Peine verbracht. Und in den Räumen der vietnamesischen Missionsgemeinde Hannover. Tuong Nguyen setzt sich dort dafür ein, dass die Gemeinde wieder einen Pastor bekommt. Weihnachtlich geschmückt ist aber auch das Wohnzimmer mit Blick auf die Deichstraße in Hoya. Dort steht wieder der künstliche Tannenbaum, den Ngoc Lan vor gut einem Jahr gekauft hatte. Als sie und mit ihr viele weitere Menschen aus Hoya darauf warteten, dass ihre Eltern und Geschwister wieder zurückkommen aus Hanoi. Auf Geheiß von Niedersachsens Innenminister Uwe Schünemann waren die vier im November 2011 dorthin abgeschoben worden. Nur Ngoc Lan durfte bleiben. Sie besuchte zu der Zeit noch das Johann-Beckmann-Gymnasium in Hoya. In den Augen des Ministeriums galt sie als gut integriert. Anders als die übrigen vier Familienmitglieder. André besuchte seinerzeit den Kindergarten, Esther die Grundschule in Hoya. Die Eltern verdienten den Lebensunterhalt für sich und die Kinder mit ihrer Tätigkeit in der Baumschule. Warum sie in den Augen der Behörde nicht als ebenso integriert galten, hat nach Angaben von Renate Paul schon damals keiner verstanden.

Renate Paul ist eine Personen, denen Familie Nguyen zu verdanken hat, dass sie etwa drei Monate nach ihrer Abschiebung nach Vietnam wieder nach Hoya zurückkehren konnte.

„Dass eine Familie wieder zurückkommen darf, hat es noch nie gegeben und wird es auch nie wieder geben.“ An diese Worte von Minister Uwe Schünemann erinnert Renate Paul sich nur allzu gut. Und auch an den seit Jahren andauernden Kampf für eine – seit mittlerweile 20 Jahren – in Deutschland lebenden Familie, der in der Abschiebung im November 2011 seinen vorläufigen Höhepunkt fand.

„Wir haben viel geweint“, berichten Min Tuong und Thi Sang Nguyen, nachdem sie für das Treffen mit Renate Paul und der Harke am Sonntag am Tag nach Weihnachten extra aus Peine zurückgekommen waren.

Mit dem, was in diesen zwei Stunden erzählt wurde, ließe sich ein ganzes Buch füllen. Das Unvorstellbare begann mit der Aufforderung des Landkreises Nienburg, sich innerhalb der nächsten vier Wochen für eine Rückkehr nach Vietnam bereitzuhalten. Nur Renate Paul kannte das genaue Datum. Für dieses Entgegenkommen ist sie den Mitarbeitern der Kreisverwaltung noch heute dankbar. Gleiches gilt für Hoyas damaligen Polizei-Chef Dietmar Scholz. Er hatte ihr ausführlich erörtert, worauf Familie Nguyen sich einstellen musste. Am 8. November gegen 3.30 Uhr – und damit am Tag vor Renés 6. Geburtstag – fuhr der Bus vor, der Min Tuong, Thi Sang, Esther und André Ngyugen in Hoya abholte. Mit gepackten Koffern hatte die Familie vor ihrem Haus auf die Polizei gewartet.

Von Frankfurt aus ging es dann mit Zwischenlandung in Bangkok ins viele tausend Kilometer entfernte Hanoi. „Ein Horrortrip“, wie das Ehepaar Ngyuen später Renate Paul berichtete. „Die Familie musste in der hintersten Reihe sitzen. Die Kinder fingen vor Angst an zu weinen“, erinnert sich Thi Sang, als wäre es gestern gewesen.

In Hanoi war die Freude darüber, Angehörige, die man 20 Jahre lang nicht gesehen hatte, wieder in die Arme schließen zu können, einerseits groß. Doch ebenso schnell machten sich Traurigkeit und Heimweh breit. „Die Kinder haben jeden Tag geweint“, so Thi Sang Nguyen.

Den Menschen in Hoya – allen voran Tochter Ngoc Lan – ging es ähnlich. „Auch wir haben in diesen Tagen und Wochen viel geweint“, berichtet Renate Paul.

Aber auch gehandelt. Am 8. November gegen 6 Uhr hat die Hoyaerin die engsten Mitglieder des Unterstützerkreises informiert. „Zu Sechst saßen wir hier an diesem Tisch. Zum Teil ungewaschen, zum Teil mit Pantoffeln an den Füßen. Sprachlos, geschockt, wütend“, so Renate Paul. Gebildet hatte sich der Unterstützerkreis am 29. August 2006. An diesem Tag sollte Familie Nguyen schon einmal abgeschoben werden. Damals zogen die Beamten jedoch unverrichteter Dinge wieder ab. Die Kirchengemeinde hatte der fünfköpfigen Familie in der Kirche Asyl gewährt. Insgesamt sechs Monate lang.

Am 9. November informierte Hoyas Pastor Andreas Ruh in einer Pressekonferenz über das Unfassbare. Mit dem Ergebnis, dass eine Welle der Empörung nicht nur durch den Landkreis, sondern durch ganz Deutschland ging. Und Minsiter Schünemann zurückgerudert ist. „Wir haben offenbar instinktiv genau das Richtige gemacht“, so Renate Paul .

Seit dem 31. Januar 2012 ist Familie Nguyen wieder in Hoya. Ausgestattet mit den für sie so wichtigen Pässen. Und der Aussage, für weitere drei Jahre bleiben zu dürfen. „Dieses Bleiberecht könnte dann noch einmal um drei Jahre verlängert werden. Danach wollen wir für Familie Nguyen die deutsche Staatsbürgerschaft beantragen. Wir geben nicht auf“, so eine erleichterte, aber auch erschöpfte Renate Paul.

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Erstellt:
30. Dezember 2012, 00:00 Uhr
Lesedauer:
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