Stefan Schwiersch DH

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Landkreis 28.04.2019 Von Stefan Schwiersch

Die Kunst des Streitens

Guten Tag

Ist es Ihnen aufgefallen? Die Thermomix-Debatte hat sich in ihrem Stil und ihrer Wortwahl im Laufe der jüngeren Vergangenheit komplett übertragen auf die Wolfsthematik. Heilig‘s Blechle, viel hätte vor einigen Jahren nicht gefehlt und die Kochtopf-Streithansel hätten mit Zwillen oder noch größeren Kalibern auf ihre Monitore geschossen, um die Opponenten mundtot zu machen. Die einen lobten die Geling-Garantie der Gerichte, die der über tausend Euro teure Quirl mit implantiertem Computerchip auf den Tisch zaubert, die anderen verteufelten die Gigantomanie in der Küche und die fehlende Fantasie am Kochtopf, um gefälligst selbst eine sämige Soße für die Kohlroulade zu binden.

Die ganze Diskussion ließ sich damals auf zwei Kernaussagen reduzieren: Wer 1.100 Euro für eine Küchenmaschine ausgibt, will natürlich die Vorzüge des Wunderapparates lobpreisen. Wer auf der anderen Seite ohne fremde Hilfe in der Lage ist, mal eben Seeteufelfilet im Kräuter-Nuss-Mantel mit Orangen-Safran-Perlgraupen auf den Tisch zu zaubern, dem fehlt naturgemäß das Verständnis für all jene, die sich einen Dünst-Roboter anschaffen.

Die Wolfsdebatte läuft ja im Grunde ähnlich. Die einen wollen ihn knuddeln, die anderen töten, alle Argumente sind etwa acht Millionen Mal ausgetauscht worden, niemand wird ein Mitglied der Gegenpartei auf seine Seite ziehen können.

Noch ein Beispiel: Werder gegen Bayern, Elfer oder nicht? Leider auch kein Thema mit Chance auf Einmütigkeit, weil es zwar einen sanften Kontakt von Gebre Selassie an Coman gab, aber eben ziemlich strittig ist, ob dieser Streichler elferwürdig war. Einen Tag später tauchte ein Bild im Internet auf, Uli Hoeneß am Telefon. Die Sprechblase darüber: „Ihr könnt die Familie des Schiris jetzt freilassen.“

Gottlob kann Humor Fronten manchmal aufweichen, schließlich verfestigt sich der Eindruck, dass die Sachlichkeit in der Streitkultur im Netz von Jahr zu Jahr abnimmt, die Wahrheit eine immer untergeordnetere Rolle spielt und der Ton schon lange nicht mehr die Musik macht. Die Folge: Die (besonnenen) Menschen ziehen sich angesichts des ruppigen Umgangstons immer mehr zurück aus öffentlichen Diskussionen. Die Umfrage eines Poltit-Magazins bestätigt diesen Eindruck. Keine fünf Prozent von 217 befragten Landtags- und Bundestagsabgeordneten empfanden das Debattenklima in den sozialen Netzwerken als „Positiv“ oder „Sehr positiv“, dagegen 56 Prozent als „Negativ“ oder „Sehr negativ“.

Ohnehin macht Streiten doch viel mehr Spaß mit jemandem, der einem gegenübersitzt. Sieht meine liebe Frau übrigens genauso.

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Erstellt:
28. April 2019, 08:53 Uhr
Lesedauer:
ca. 2min 13sec

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