Das Bild zeigt einen Kahnkäfer (Scaphidium quadrimaculatum), Größe 5 mm, der an Pilzen und vermoderten Baumstubben lebt und weit verbreitet ist. Dr. Arved Lompe

Das Bild zeigt einen Kahnkäfer (Scaphidium quadrimaculatum), Größe 5 mm, der an Pilzen und vermoderten Baumstubben lebt und weit verbreitet ist. Dr. Arved Lompe

Landkreis 23.12.2017 Von Die Harke

„Die Lage ist nicht ganz hoffnungslos“

Insektensterben: Die Situation der Käfer im Landkreis Nienburg

Zum 60599 ist in letzter Zeit schon viel gesagt worden, kaum etwas aber über die Käfer. Das liegt vor allem daran, dass sich nur sehr wenige Menschen mit dieser artenreichen und schwierigen Insektengruppe auskennen. Das ist nun ausgerechnet im Landkreis Nienburg anders. Das mag daran deutlich werden, dass im Messtischblatt Steimbke/Rodewald zurzeit 1913 Käferarten dokumentiert sind und im benachbarten Blatt Nienburg 1244 Arten. Hans-Heinrich Hahlbohm aus Rodewald kümmert sich hier seit 50 Jahren um die Käferfauna, unterstützt von dem deutschlandweit anerkannten Experten Dr. Arved Lompe aus Langendamm.

Ihm ist es zu verdanken, dass zusammen mit einem käferbegeisterten Computerexperten aus Hildesheim ein deutschlandweites Programm aufgebaut wurde, in das jeder Käferfund nachvollziehbar dokumentiert wird. Es kann unter www.colkat.de im Internet eingesehen werden.

So wird für jede Käferart die Verbreitung in Deutschland ersichtlich. Alle Einträge werden von anerkannten Experten überprüft. Niedersachsen ist dafür in drei Bearbeitungsabschnitte eingeteilt: Das Weser-Ems-Gebiet, das Elbegebiet ab Landkreis Uelzen nördlich und das mittlere und südliche Niedersachsen vom Heidekreis bis in den Harz. Hierzu gehört der Landkreis Nienburg mit den angeführten Messtischblättern an erster bzw. dritter Stelle in der Bearbeitungsdichte.

Nach der Jahrhundertwende ist ein Schnitt gemacht worden, so dass alle nach 2000 gefundenen Käferarten durch eine andere Farbe kenntlich sind, so dass sich schon Aussagen über die Artenvielfalt ergeben. Für das Bearbeitungsgebiet von der Heide bis zum Harz waren vor dem Jahr 2000 insgesamt 3307 Käferarten erfasst worden, nach 2000 sind es etwa sechs Prozent mehr, nämlich 3503 Arten. Das mag überraschen. Es erklärt sich aber durch zum Teil andere Sammelmethoden und vor allem durch mehr in Auftrag gegebene Gutachten durch berufliche Mitarbeiter.

Viele von den Verbänden [DATENBANK=1426]BUND[/DATENBANK] und [DATENBANK=4921]NABU[/DATENBANK] angeführten Gründe tragen zum Individuenschwund bei. Vor allem die intensive Land- und Forstwirtschaft mit Monokulturen auf Acker, Wiese und Wald. Nicht erwähnt wurde die intensive Viehhaltung, die vor allem durch die Abnahme der Weidehaltung und die durchgängige Parasitenbekämpfung den im Tierkot lebenden Insekten das Leben schwer macht.

Was man heute in einem Kuhfladen findet, ist nicht zu vergleichen mit der Menge an Individuen und Arten vor 50 Jahren. Was gab es früher für Fliegen bei jedem Milchviehhalter im Vergleich zu heute, so Insektenforscher Hahlbohm.

Ob eine Art wirklich ausgestorben ist, ist zumindest bei den Käfern sehr schwer zu sagen. Hahlbohm berichtet von zwei Käferarten, die er 1988 in einem sehr naturbelassenen Hühnerstall gefunden hat, die seit 90 Jahren in Norddeutschland nicht gefunden wurden. Der Hühnerstall ist weg, somit wohl an dieser Stelle auch die Käferarten.

Einen Kleinstkäfer von 0,7 mm Länge fand er an der Alpe, der auch seit fast 100 Jahren verschollen war. Ob so ein Käfer noch einmal irgendwo entdeckt wird, bleibt dem Zufall überlassen. Von einer Käferart in seinem Garten fand er nach 40 Jahren ein zweites Tier. Seltene Arten sind also nur mit etwas Glück nachzuweisen.

Andererseits berichtet Dr. Lompe, dass er gut 100 Arten seit dem Jahr 2000 in der Umgebung Nienburgs neu nachweisen konnte, deren Vorkommen vorher nicht bekannt war. Das sich wandelnde Klima ermöglicht zum Beispiel Arten aus dem Süden erweiterte Ansiedlungsmöglichkeiten.

Um ein Fazit zu ziehen: viele Insektenarten haben es sicherlich sehr schwer und ihnen muss geholfen werden. Aber andere finden ihre Nische und kommen durch. Die Lage ist also nicht ganz hoffnungslos, so Hahlbohm.

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Erstellt:
23. Dezember 2017, 21:00 Uhr
Lesedauer:
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