16.12.2012

„Die Leichen weggeschafft“

Arbeitskreis hatte zu einem Abend mit Hugo Höllenreiner eingeladen

Nienburg (DH). „Wir haben uns gewehrt!“ Unter diesem Motto hatte der Arbeitskreis Gedenken am Montag zu einem Abend mit Hugo Höllenreiner ins Rathaus eingeladen. Als Kind überlebte der Sinto wie durch ein Wunder die Gefangenschaft in den Konzentrationslagern Auschwitz, Ravensbrück, Mauthausen und Bergen-Belsen. Doch wer von dem groß gewachsenen, nahezu Achtzigjährigen einen Aufruf zu Hass oder gewaltsamen Widerstand erwartet hatte, sah sich getäuscht. Mit eher leisen Tönen warb Hugo Höllenreiner im zum Bersten gefüllten Dendermonde-Saal des Rathauses um gemeinsame Anstrengungen zur Überwindung von Rassismus, Diskriminierung und Ausgrenzung in unserer Gesellschaft.

Totenstill wurde es im Saal, als der Zeitzeuge mit stockender Stimme über das furchtbare Leid berichtete, das ihm und seiner Familie ebenso wie rund einer halben Million Sinti und Roma durch die Nationalsozialisten und ihre Helfershelfer angetan wurde. Unterstützt von seiner Biografin Anja Tuckermann schilderte Hugo Höllenreiner, wie im „Familienlager“ von Auschwitz-Birkenau selbst Kinder ausgehungert wurden, stundenlang ohne Bekleidung bei winterlicher Kälte Appell stehen mussten und zur traumatisierenden Arbeit eingeteilt wurden, die Leichen der nachts gestorbenen Leidensgenossen aus den Baracken zu schaffen. „Wer nicht mehr konnte, wurde erschossen, egal ob Mann, Frau oder Kind,“ so der von der Erinnerung sichtlich erschütterte Höllenreiner.

36 Angehörige hat die Großfamilie Höllenreiner in Auschwitz und anderen KZs verloren, ermordet durch direkte Gewalt oder durch das SS-Prinzip „Vernichtung durch Arbeit“. Als die SS im Mai 1944 das Lager „liquidieren“ und alle ins Gas schicken wollte, kam es zum Unerwarteten. Mit dem Mut der Verzweiflung wehrten sich die Sinti und wendeten die Auflösung des Lagers noch einmal ab.

An den Vortrag von Hugo Höllenreiner und Anja Tuckermann, die zuvor von dem Nienburger Kulturausschussvorsitzenden Horst Prüfer begrüßt worden waren, schloss sich eine engagierte Diskussion an. Viele Teilnehmerinnen und Teilnehmer nutzten die von Horst Prüfer als „einmalig“ gekennzeichnete Gelegenheit, einen der letzten Zeitzeugen des Völkermords an den Sinti, Roma und Jenischen persönlich zu befragen.

Für die Organisatoren wies der Vorsitzende des Arbeitskreises Gedenken, Thomas Gatter, auf weitere Veranstaltungen zu diesem Thema hin, insbesondere das Forum des Gedenkens am 26. Januar und das Theaterstück „Zigeuner-Boxer“ in der Leintorschule und im Budox Sport Park am 8. April.

Die von Gatter eigens für den Abend mit Hugo Höllenreiner erstellte Dokumentation über den Genozid wird noch bis Ende Dezember zu sehen sein. Interessierte sind herzlich eingeladen, sie während der Öffnungszeiten des Rathauses zu besuchen, da auch Nienburger Schicksale angesprochen werden.

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Erstellt:
16. Dezember 2012, 00:00 Uhr
Lesedauer:
ca. 2min 16sec

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