Gut besucht war der Neujahrsempfang der Gemeinde Estorf im Dorfgemeinschaftshaus von Leeseringen. Foto: Hildebrandt

Gut besucht war der Neujahrsempfang der Gemeinde Estorf im Dorfgemeinschaftshaus von Leeseringen. Foto: Hildebrandt

Leeseringen 05.01.2020 Von Arne Hildebrandt

„Die Nazis werden mich nicht los“

Neujahrsempfang in Estorf stand unter dem Zeichen von Arnd Fockes Rücktritt / Ehrenamtliche geehrt

Mit einem klaren Bekenntnis gegen rechte Hetze und Anfeindungen haben Jens Beckmeyer, Bürgermeister der Samtgemeinde Mittelweser, Estorfs stellvertretender Bürgermeister Helmut List und der bisherige Bürgermeister Arnd Focke die Bürger aufgerufen, sich gegen Rechtsradikalismus und Ausländerfeindlichkeit zu wehren.

Beim Neujahrsempfang der Gemeinde Estorf am Sonnabendabend im Dorfgemeinschaftshaus von Leeseringen sagte Beckmeyer vor den rund 150 Gästen: „Habt den Mut zu sagen: so nicht. Das will ich nicht.“ List sagte: „Mit Bedrohungen muss man offenbar immer mehr umgehen. Wir sollten uns anstacheln, allen antidemokratischen Bewegungen entgegenzutreten.“

Rücktritt wegen massiver Anfeindungen von Rechtsradikalen

Der Empfang, der in diesem Jahr von der Theatergruppe Estorf-Leeseringen ausgerichtet wurde und zu dem alle Bürger eingeladen waren, war vom überraschenden Rücktritt des Estorfer Bürgermeisters Arnd Focke (SPD) überschattet. Focke hat sein Amt und seine Mandate im Rat Estorf und im Samtgemeinderat Mittelweser wegen massiver Anfeindungen von Rechtsradikalen zum 31. Dezember niedergelegt. Trotz der Drohungen und Schmähungen versprach Focke in seiner kurzen Abschiedsrede: „Die Nazis werden mich nicht los. Ich werde weiter meine Stimme erheben gegen alles, was Rechts ist.“

Arnd Focke nannte beim Neujahrsempfang Anfeindungen von Rechtsradikalen als Grund für seinen Rücktritt als Bürgermeister. Foto: Hildebrandt

Arnd Focke nannte beim Neujahrsempfang Anfeindungen von Rechtsradikalen als Grund für seinen Rücktritt als Bürgermeister. Foto: Hildebrandt

Er wolle das Amt nicht beschädigen, begründete Focke seinen Rücktritt. Er habe besonders zwischen dem 17. und 28 Dezember im Fokus rechter Schmähungen gestanden. Sein Rücktritt habe nichts mit der Kritik von außen wegen der Erhöhung der Grundsteuer um 25 Prozent zu tun, sagte Focke. „Ich wäre auch Bürgermeister, wenn wir um 100 Prozent erhöht hätten.“ Auch wolle er nicht nach Hannover umziehen. An die Ratsmitglieder gewandt sagte er: „Ich bin kein einfacher Typ. Ihr habt´s nicht einfach mit mir gehabt, einiges habe ich selbst entschieden.“ Focke dankte Rat und Verwaltung für die Unterstützung.

Die Nazis werden mich nicht los. Ich werde weiter meine Stimme erheben gegen alles, was Rechts ist.

Arnd Focke

„Mein Dank gilt auch meiner Nochehefrau Nicole und meinem Sohn. Ihr seid oft zu kurz gekommen.“ Fast jeder hier im Saal, fuhr er fort, sei ehrenamtlich eingespannt, ob in Vereinen, in der Feuerwehr oder in der Politik. „Wir sind eine richtig geile Gemeinde. Vielen Dank an alle.“ Sagte es und erhielt stehendem Beifall.

In Zukunft noch enger zusammenstehen

„Wir respektieren die Entscheidung und bedauern sie sehr“, sagte Helmut List. „Wir waren alle dankbar, als Arnd Focke 2011 das Amt übernommen hat. Natürlich hat er Ecken und Kanten, mit denen wir umgehen mussten. Aber wir verlieren einen ehrenvollen, langjährigen Vertreter der Gemeinde. Er hat zwei Drittel seines Lebens im Ehrenamt vollbracht und Gutes vollbracht. Schade, dass er von der Fahne geht.“

An den Rat gerichtet, sagte List: „Wir wollen noch enger zusammenstehen, um zu vermeiden, dass jemand auf sein Amt verzichtet. List las eine Erklärung des Estorfer Pastors Oliver Friedrich vor, die er nach dem Christvesper verkündet hat. Darin habe er sich klar gegen Rechts geäußert. Darin bezeichnete er das Vorgehen der Rechten als feige. „Sie wollen ein Klima der Angst mit dem Ziel, demokratische Strukturen zu Fall zu bringen. Leider ist das kein Einzelfall.“

Auf die im Dezember vom Rat beschlossene Grundsteuererhöhung eingehend sagte List, die Gemeinde habe keine andere Möglichkeit, Geld zu erhalten. Für die Kindertagesstätte müsse die Gemeinde im Jahr 400.000 Euro aufbringen. Mit der Grundsteuererhöhung stünden 100.000 Euro mehr zur Verfügung. Das decke aber nur ein Viertel der Mehrkosten für die Kindertagesstätte ab. List forderte Bund und Land auf, die Kommunen mehr zu unterstützen. „Bei uns sprudeln die Steuereinnahmen nicht so wie dort.“

Ehrungen

Im Mittelpunkt des vom Feuerwehrspielmannszugs Estorf-Leeseringen musikalisch begleiteten Neujahrsempfang standen Ehrungen für ehrenamtlich engagierte Bürger. List überreichte den Gruppenpreis, einen Pokal, an die Vorsitzende der Theatergruppe Estorf-Leeseringen Katrin Tillack. Die 1960 von Ernst Focke gegründete Laienspielgruppe sei ein großartiger Kulturträger in der Gemeinde. Der Verein habe es sich zur Aufgabe gemacht, die plattdeutsche Sprache zu erhalten. Zuvor bot die Theatergruppe den Gästen mit einem Sketch eine Kostprobe ihrer Arbeit.

Stellvertretender Bürgermeister Helmut List überreichte der Vorsitzender der Theatergruppe Estorf-Leeseringen, Katrin Tillack, den Gruppenehrenpreis. Foto: Hildebrandt

Stellvertretender Bürgermeister Helmut List überreichte der Vorsitzender der Theatergruppe Estorf-Leeseringen, Katrin Tillack, den Gruppenehrenpreis. Foto: Hildebrandt

Astrid Ewert erhielt vom zweiten stellvertretenden Bürgermeister Carsten Brandt den Ehrenamtspreis für die Senioren überreicht. Ewert engagiert sich in der Feuerwehr Leeseringen, ist dort Löschmeisterin und Atemschutzgeräteträgerin sowie Jugendwartin.

Carsten Brandt überreichte Astrid Ewert den Seniorenehrenpreis. Foto: Hildebrandt

Carsten Brandt überreichte Astrid Ewert den Seniorenehrenpreis. Foto: Hildebrandt

Svea Halfmann überreichte den Juniorenehrenpreis an Mirjam Lange. Die 18-Jährige engagiert sich in der Kirchengemeinde und im Kirchenkreis und ist Co-Trainerin der Tischtennisjugend im Tus Estorf.

Svea Halfmann überreichte Mirjam Lange den Jugendehrenpreis. Foto: Hildebrandt

Svea Halfmann überreichte Mirjam Lange den Jugendehrenpreis. Foto: Hildebrandt

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Erstellt:
5. Januar 2020, 19:30 Uhr
Lesedauer:
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