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Dariusz Swinoga, Irmgard Schleier, Eva Mattes, Thomas Gatter und Olga Suin de Boutemard am 8. November im Nienburger Kulturwerk. Foto: Nienburger Kulturwerk

Dariusz Swinoga, Irmgard Schleier, Eva Mattes, Thomas Gatter und Olga Suin de Boutemard am 8. November im Nienburger Kulturwerk. Foto: Nienburger Kulturwerk

Nienburg 16.11.2019 Von Die Harke

Die Stimme von Pippi Langstrumpf las im Kulturwerk

Standing Ovations für Eva Mattes und Astrid Lindgren

„Die Menschheit hat den Verstand verloren.“ Entsetzt schreibt Astrid Lindgren diese Zeile in ihr sehr privates Tagebuch zum Ausbruch des Krieges im Jahr 1939.

Inzwischen sind die Tagebücher aus den Jahren 1939 – 1945 veröffentlicht worden und gewähren einen ernsten Einblick in die Gedankenwelt der Kinderbuchautorin. Gleich nach deren Erscheinen hat Eva Mattes, die wohl größte weibliche Hörstimme Deutschlands, die Tagebuchtexte als Hörbuch aufgenommen und präsentierte sie nun am 8. November im Rahmen einer szenischen Lesung auf der kleinen aber feinen Bühne des Nienburger Kulturwerks. Mattes kennt das Kulturwerk aus einer vorangegangenen begeisterten Begegnung.

Mattes ist mit den Texten Lindgrens auf Innigste verbunden, war sie doch die deutsche Synchronstimme Pippi Langstrumpfs alias Inger Nilsson.

Wer Eva Mattes noch nicht mit allen ihren Talenten kannte, erlebte ein beeindruckendes Wunder und alle, die sie kannten, erlagen voller Bewunderung erneut ihrer wundersamen Aura nicht nur als Textinterpretin sondern gleichrangig als Sängerin mit einer geübten und sehr modulationsfähigen Stimme, vom glockenreinen Volksliederton bis zum samtweichen dunklen Ton eines Chansons.

Mit 17 hatte sie einen sensationellen Durchbruch am Hamburger Theater in „Stallerhof“ von Franz Xaver Kroetz und arbeitete seitdem mit allen bedeutenden Regisseuren am Theater und im Film. Eva Mattes trat nicht allein auf, sondern wurde am Klavier von Irmgard Schleier begleitet und virtuos durch den polnischen Akkordeonisten Dariusz Swinoga ergänzt. Imgard Schleier war auch verantwortlichen für die kluge und abgestimmte Inszenierung des gesamten Auftritts.

Zuschauer und Zuhörer durften überrascht sein, mit wie klaren und schlichten Worten Lindgren, durchaus im Tonfall ihrer bekannten Büchertexte, dem Schrecken des Weltkrieges aus dem Blickwinkel einer im Frieden verharrenden schwedischen Insel Ausdruck verlieh.

Nichts blieb ungesagt, was gesagt werden muss. Die armen Juden, stellte sie fest, die verzweifelt an die Toren der Länder um Deutschland herum anklopften, ihnen wurde nicht aufgetan, sondern sie wurden eigensüchtig ihrem Verderben preisgegeben. „Europa damals und heute!“

Mattes leitete die Tagebuchtexte mit schwedischen Volks- und Kinderliedern ein, die gleichsam eine heile Welt spiegelten, in die dann der Schrecken des Krieges einbrach. Mit einer Partita für Akkordeon aus dem Jahr 1942 (Salatorjow) kündigte sich dieser an. Ganz anders das melancholische Lied, das über Radio Belgrad an allen Fronten des Krieges nicht nur von deutschen Soldaten als Symbol für Heimweh, Trennung und Sehnsucht gehört wurde: Lili Marleen. Mattes sang es mit weicher dunkler Stimme und ließ dabei Lale Andersen vergessen.

Nach der Pause flossen die Tagebuchtexte Lindgrens aus den Jahren 1943 – 45 weiter. Die Hoffnung darauf, dass der Krieg alsbald enden möge, da er doch für Deutschland verloren sei, keimte auf. Aber nein, der Winter brachte die Kriegsmaschinerie nicht zum Erliegen, eine ganze Armee wurde von Hitler in Stalingrad geopfert. „Die armen Soldaten! Das Bombardement der deutschen Städte: furchtbar, auch wenn die Nazis damit doch begonnen hatten.“ Kein Mitleid mit den Nazis, aber wohl mit unschuldigen Frauen und Kindern.

Es folgt ein heiterer „Gastauftritt“ von Pippi Langstrumpf. Lindgren hatte dieses seltsame, mutige Kind, das ohne Mutter und ohne den in Südsee weilenden Vater aufwuchs, gegen Ende des Krieges geschrieben. Es wurde sofort ein Erfolg.

An diesem Abend wurde Pippi wieder lebendig: „Hej Pippi Langstrumpf“, gesungen für die Fernsehserie 1968 von der damals 14jährigen Mattes wurde eingespielt. Mattes las aus dem Buch die Szene über Pippis Schulbesuch und sprang dann auf die Bühne, um das Lied vom Seeräuber-Opa Fabian vorzutragen, in der kindlichen Stimmlage von 1968.

In einem musikalischen Nachklang sang Mattes ein Wiegenlied aus Gotland sowie „Lost in the Stars“ von Kurt Weill und das wundersame „Thula, Thula“ aus Südafrika, bis sie sich übermütig die Schiffermütze von Hans Albers aufsetzte um „Über uns der Himmel“ zu singen.

Mattes hatte das Publikum ausdrücklich darum gebeten, auf Szenenapplaus zu verzichten. Dem Publikum fiel das sehr schwer, bis sich schließlich am Schluss die Begeisterung in nicht enden wollenden Standing Ovations Raum brach, wie sie das Kulturwerk in dieser Intensität wohl ganz selten erlebt hat. Das Publikum verausgabte sich so, dass eine Akkordeonzugabe es wieder beruhigen musste. Schluss und aus! Glücklich kann sein, wer dabei gewesen ist!

Es gibt noch eine gute Nachricht: Eva Mattes versprach dem ihr sympathischen Team des Kulturwerks im nächsten Jahr mit einem neuen Programm wiederzukommen, ebenso im darauffolgenden Jahr, wenn die Welt dann noch stehen sollte.

Auch Schleier erklärte, sie komme sehr gern in eine Stadt zurück, die eine so hervorragende Gedenkarbeit leiste wie Nienburg. „Machen Sie weiter so, damit wir in der Mehrheit bleiben“, feuerte sie das Publikum an. Auf ein Wiedersehen!

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Erstellt:
16. November 2019, 14:56 Uhr
Lesedauer:
ca. 3min 24sec

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