„Die reinste Nervensache“

„Die reinste Nervensache“

Einen zweiten Shutdown würde viele meiner Kollegen nicht überleben: Dehoga-Kreisvorsitzender Friedrich-Wilhelm Gallmeyer. Foto: Hagebölling

„Okay, so stark betroffen wie die Schausteller oder die Künstler oder die Eventveranstalter sind wir nicht, einen zweiten Shutdown würden aber auch viele Gastronomiebetriebe nicht überleben. Erst recht, wenn sie neben den Kosten für Energie und Versicherung auch noch für die Pacht aufkommen müssen.“

Friedrich-Wilhelm Gallmeyer, Inhaber des Hotels „Zur Krone“ in Holtorf, ist seit 43 Jahren in der Gastronomie tätig. Seine Ausbildungsstelle im Hotel Kaiserworth in Goslar, dem ersten Haus am Platz, hat er am 1. August 1977 angetreten. Im Vorstand des Dehoga-Kreisverbandes ist er seit 38 Jahren, seit 16 Jahren ist er dessen Vorsitzender. In dieser Zeit hat er schon viel erlebt. „Doch in den letzten Jahren meiner beruflichen Tätigkeit gegen einen unsichtbaren Feind ankämpfen zu müssen, ist bitter“, so der 61-Jährige.

Im Gespräch mit der HARKE am Sonntag berichtet der Dehoga-Kreisvorsitzende, wie die Stimmung ist in den 80 Dehoga-Mitgliedsbetrieben, und wie seiner Meinung nach das Überleben der überwiegend familiengeführten Unternehmen trotz Corona halbwegs sichergestellt werden könnte.

„Der Shutdown im März war brutal“, erinnert sich Gallmeyer noch gut. Ausgerechnet in den Monaten April und Mai, wenn die Menschen wieder unternehmungslustiger werden, war geschlossen. Keine Konfirmation, kein Spargelessen, kein Muttertag. Doch dann habe sich der Landtagsabgeordnete Dr. Frank Schmädeke bei ihm gemeldet. Zusammen mit seinem Südkreiskollegen Karsten Heineking sei man in Rodes Hotel in Loccum zusammengekommen, um gemeinsam zu beraten, ob nicht doch eine Teilöffnung hinzubekommen sei.

„Dass wir dann holterdipolter ab Montag, dem 11. Mai, wieder öffnen durften, kam zwar viel zu kurzfristig, doch am Wochenende darauf waren die meisten von uns dann soweit“, so der Gastwirt. Doch statt Reservierungen gab es Stornierungen. „Die Menschen waren einfach zu sehr verunsichert“.

Die Rettung brachte dann das gute Wetter. „Die Kundinnen und Kunden genossen es, mit Freunden draußen zu sitzen, trauten sicher aber auch wieder in die Gasträume“, so der Gastwirt. Zu diesem Zeitpunkt war längst gewährleistet, dass alle Auflagen eingehalten werden konnten. Ein Drittel der Tische und Stühle waren weggeräumt, das Ausfüllen der Registrierungsbögen wurde zur Selbstverständlichkeit, Desinfektionsmittel standen ausreichend zur Verfügung.

„In diesen Wochen erlebten wir einen kleinen Aufschwung“, so Gallmeyer. Dass der Inzidenzwert im Landkreis Nienburg jetzt innerhalb kürzester Zeit so rapide angestiegen ist, kommt für viele einer Katastrophe gleich. „Doch natürlich steht auch für uns Gastwirte die Gesundheit an erster Stelle. Die unserer Gäste, aber auch die unserer Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter und nicht zuletzt auch unsere eigene“, betont der 61-Jährige.

Der Dehoga-Sprecher hofft sehr, dass die Politik weiter mit Augenmaß handelt. Wichtig wäre aus seiner Sicht in jedem Fall, dass die Zehn-Personen-Regel bestehen bleibt. Zehnertische bereitzuhalten sollte auch in den kommenden Wochen und Monaten kein Problem sein. Eine große Erleichterung ist in seinen Augen auch, dass die Gäste es sich mittlerweile angewöhnt haben zu reservieren. Egal, ob sie a la Carte essen oder – wie gerne im November und Dezember – zum Ente- oder Gänseessen kommen wollen.

Was mit Weihnachten und Silvester wird, steht auch für Friedrich-Wilhelm Gallmeyer noch völlig in den Sternen. „Die Zukunft ist völlig unkalkulierbar. Die reinste Nervensache“, so der Gastwirt.

Umso mehr würde er es begrüßen, wenn sich die Politik doch noch zu etwas einheitlicheren und zugleich weniger komplizierten Regelungen durchringen könnte.

Nicht so recht verstehen kann er zum Beispiel, dass in dieser hochsensiblen Zeit Hochzeiten mit 600 Gästen genehmigt werden und auch „private Gastwirte“ Alkohol ausschenken dürfen, die gar keine Konzession haben. Auch sei es unerlässlich, die aktuelle Mehrwertsteuerregelung bis auf Weiteres beizubehalten und die Überbrückungshilfen zuverlässig zu zahlen.

„Mit jeder Gaststätte, die schließt, geht es auch Stück Tradition verloren“, gibt der Dehoga-Vorsitzende zu bedenken.