15.09.2013

„Die unbekannte Schöne an der Wolga“

Dr. Claudius Schmidt aus Langendamm war im Auftrag der Kirche drei Monate lang in Samara im Einsatz

Von Dr. Claudis Schmidt

„Samara? Ist das nicht in Äthiopien?“ riet ein Freund aus Nienburg aufs Geratewohl. „Lieber Utz“, entgegnete ich, „sehr flott geraten, aber falsch!“ Samara ist eine Metropole an der mittleren Wolga und die sechstgrößte Stadt der russischen Föderation – den Deutschen freilich kaum geläufig. Ein bisschen sind die Russen daran selbst schuld: Nach dem Ende der Sowjetunion erhielten nämlich viele Städte wieder ihre alten Namen zurück, und daran muss man sich erst einmal gewöhnen: Aus Kalinin wurde wieder Twer, aus Gorki wurde Nischnij Nowgorod, aus Swerdlowsk Jekaterinburg. Und aus Kuibischew eben Samara. Die unbekannte Schöne ist knapp so groß wie München und hat von der Philharmonie bis zur U-Bahn alles, was von so einer Stadt erwartet werden darf. Dazu die Wolga, die mit rund zwei Kilometern bedeutend mehr misst als die Isar. Bis Ende August arbeitete ich hier, in der Diaspora, drei Monate lang für die ev.-luth. Gemeinde St. Georg. Als ich in Samara angelangte, war also noch Mai. In Berlin hatte ich bei 8° Celsius eingecheckt. Samara, das wie Hamburg etwa auf dem 53. Breitengrad liegt, empfing mich mit blauem Himmel und frühlingshaften Temperaturen. Zuerst ging es zum Arbeitseinsatz nach Krasnij Jar, einem großen Dorf, auf halbem Weg nach Togliatti gelegen. Im dortigen Freizeitheim der Kirche ging gerade ein Seminar für Frauen zu Ende. Als sie hörten, dass ich von Deutschland komme, drückte man mir gleich ein Buch mit alten deutschen Volksliedern in die Hand, nach der Abendandacht sollte ich singen. Gemeinsam mit Tanja, die mich am Klavier begleitete, suchte ich vier Lieder aus: „Ännchen von Tharau“, „Guten Abend, gut Nacht“, „Der Mai ist gekommen“ und „Der Mond ist aufgegangen“. Freundlicher Applaus dankte mir, und die ersten Herzen waren gewonnen. Der 26. Mai war dann der erste Tag, den ich wirklich in Samara verbrachte. Es war ein Sonntag; im Gottesdienst erkannte ich einzelne Gesichter wieder. Der Hamburger Kirchentag Anfang Mai hatte mir die Begegnung mit Pastorin Olga Temirbulatowa und einigen Gemeindemitgliedern ermöglicht, vor allem mit den brillanten Sängern des Kirchenchores.

Die gut 150 Jahre alte Kirche St. Georg und das um sie gescharte Gebäudeensemble ist eines der Wahrzeichen von Samara. Sie befindet sich im Zentrum der Stadt, nur einen Steinwurf von der Wolga entfernt, sie findet sich aber auch auf Ansichtskarten, Wandtellern und Magnetstickern in den Souvenirläden wieder. Die evangelisch-lutherische Kirche wird im Volksmund auch einfach „die deutsche Kirche“ genannte, während die in der Parallelstraße, der Uliza Frunse, gelegene katholische Kirche als „polnische Kirche“ bezeichnet wird. Die Russen sind, wie Bulgaren, Ukrainer, Serben oder Rumänen, in ihrer großen Mehrzahl orthodoxe Christen. Geht man von der Kirche die stark abschüssige Uliza Nekrassovskaja hinunter, wird nach nur 500 Metern die herrliche Strandpromenade und der knapp fünf Kilometer lange Sandstrand erreicht. Die Wolga ist ein echtes „Freibad“, nämlich eines mit freiem Eintritt, und bildet einen täglichen Anziehungspunkt für Tausende. Am Strand verteilt sind neben Umkleidekabinen und Papierkörben auch Netze für Beachvolleyball und Asche- oder Asphaltplätze für Fußball, Basketball oder Tennis. Auch ich habe mich nach getaner Arbeit immer gern in die Wolgafluten gestürzt, oftmals erst nach 20 h. Mit Bojen ist der Badebereich markiert. Die Strommitte ist wegen des lebhaften Schiffsverkehrs tabu. Seit meinem ersten Tag in Samara fanden an der Kirche Renovierungsarbeiten im großen Umfang statt. Arbeiter aus Tadschikistan gruben die Fundamente auf, verputzten und kalfaterten die Kellerwände und erneuerten zusammen mit drei Usbeken einen Teil der Flachdächer. Ob Bleche, Steine, Doppel-T-Träger oder sechs Meter lange Balken – auf dem Innenhof der Kirche lagerten immer jede Menge Baumaterialien.

Die Liegenschaft, die heute wieder im Besitz der als Körperschaft anerkannten Lutheraner steht, ist recht groß. 1930 wurde die Kirche unter Stalin enteignet: 1991 erhielt sie das Areal von der Kommune zunächst „zur unentgeltlichen Nutzung“ zurück. 2010 verfügte die russische Regierung die endgültige Rückgabe des Eigentums von der Stadt an die Kirche. Auf dem Areal befinden sich ein Teeladen, eine Modegeschäft („Frau Moda“), ein Eiscafé und ein Blumenladen - alle von der Uliza Kuibischewa zu erreichen. Über den Innenhof führt der Weg zu einem kleinen Studentenwohnheim, zu einer Zahnarzt- und einer Massagepraxis und nicht zuletzt zum Regionalzentrum für deutsche Kultur «Надежда» (Hoffnung). Scherzhaft bezeichnen sich dessen Mitglieder als „deutsche Mafia“. Die Mafia organisiert Filmabende, Deutschkurse und Stammtische; vierteljährlich gibt das Kulturzentrum auch den „Wolga-Kurier“ heraus, die Zeitung der Samaraer Deutschen.

Deutsch ist allerorten präsent. Die Russen sind fraglos sehr selbstbewusst, aber wenn sie ein Volk mögen und achten, dann das deutsche - ich hatte das schon auf früheren Russlandreisen bemerkt. Deutsch wird vielfach als erste Fremdsprache in der Schule gelehrt. In den Gottesdiensten, deren Liturgie teils auf Russisch, teil auf Deutsch gefasst ist, verstehen gut zehn Prozent der Besucher unsere Sprache. Die Gesangbücher enthalten neben wunderschönen rein russischen Liedern auch viele uns bekannte Klassiker von Paul Gerhardt, Philipp Spitta oder Martin Luther in beiden Sprachen. Zwei Mal (zum 7. Und zum 11. Sonntag nach Trinitatis) durfte ich in dem großen alten Gotteshaus predigen. Das war doch etwas anderes als - wie ich es oft getan habe - in der dörflichen Feldsteinkirche in Schwiesau vor einer meist kleinen Gemeinde das Evangelium zu lesen. Bevor in Samara die Schulferien einsetzten, habe ich auch die Bibelstunden an jedem Freitag gehalten. Mir zur Seite stand dabei Nina Boldt, ehedem Geophysikerin in der Erdölindustrie.

Samara war früher eine geschlossene Stadt, denn neben der Petrochemie waren Werke der Luft- und Raumfahrt hier beheimatet. Nina spricht tadellos Deutsch und übersetzte sowohl meine Predigten als auch (in den Bibelstunden) gewissenhaft alle meine Gedanken und Sätze in die reiche russische Sprache um. Etwa dann, wenn ich von Luthers geschäftstüchtiger Frau Katharina berichte, die nicht bloß das Braurecht des „Schwarzen Klosters“ nutzte, sondern auch ihrem Gatten bescheinigte, der Prof. Dr. Martinus Luther wisse von der Theologie zwar alles, vom Umgang mit Geld aber leider nichts! Die Runde von zehn bis zwölf Teilnehmern, regelmäßig auch einige junge Leute darunter, quittierte es mit herzhaftem Lachen.

In den Gottesdiensten waren meist 70 bis 80 Gläubige vertreten. Das mag wenig scheinen für eine so große Stadt wie Samara, aber viele kommen doch von weither. Wer am Stadtrand wohnt, ist mit Straßenbahn, Trolleybus oder „Marschrutka“ – das sind schnelle, wendige Kleinstbusse – über eine Stunde bis zur Kirche unterwegs.

Tee wird immer und überall getrunken. Zum Frühstück, nach dem Mittagessen, zum Abendbrot. Wir machen einen Ausflug nach Krasnij Glinka: Wer nimmt die Thermoskanne Tee mit? Wir fahren zum Ilja-Repin-Museum nach Schirjajewo: Denkt jemand bitte an den Tee? Da ich als gebürtiger Ostfriese den schwarzen Tee schon mit der Muttermilch einsog, fühlte ich mich wie zu Hause.

Aber Abwarten und Tee trinken allein füllte den Tag natürlich nicht aus.

Enge Kontakte pflegt die Gemeinde zur ev.-luth. Kirche in Württemberg, kein Wunder: Die Stadt Samara ist Patenstadt von Stuttgart. Also oblag mir bei Briefen und Grußworten nach Deutschland die Schlussredaktion. Auch manche Übersetzung (ins Deutsche! Für die andere Richtung gab es besser Qualifizierte) ging über meinen Tisch.

Doch die Mehrzahl meiner Arbeiten fand nicht am Schreibtisch, sondern im Freien statt. Rasen mähen, Blumenbeete anlegen, Bäume pflanzen, den Hof fegen, Wege und Garten von Unkraut und Unrat befreien – es kam einiges zusammen. Im Grunde war ich fast rund um die Uhr für die Pastorin erreichbar. Schon am ersten Abend hatte sie mich gefragt: Haben Sie schon eine russische Simcard? Nein, hatte ich noch nicht. Aber tags drauf besorgte ich sie mir. Es lohnte sich. Denn mobile Telefonate kosten innerhalb Russlands umgerechnet nur wenige Cent, auch SMS (Kurznachrichten) sind spottbillig.

Abends gegen 23 Uhr trat ich als Nachtwächter mit Stablampe in Aktion, ging durch alle Räume der Kirche: Waren Tore und Türen verriegelt? In der Küche alle Geräte ausgeschaltet? In den Büros und der Hausmeister-Werkstatt die Lichter gelöscht? Auf der Empore die Fenster geschlossen?

Eine andere Herausforderung bedeutete die Aufgabe, zwei Weinspaliere im Kirchgarten zu errichten, denn die Gemeinde hatte von rührigen Schwaben zehn Weinstöcke geschenkt bekommen. Mein Pastor in Langendamm, Georg Beck, ist bekanntlich Experte dafür, ihn konnte ich aber schlecht fragen. Doch das Internet wusste Rat. Fest steht jetzt das Gerüst, die Reben ranken sich an parallelen Drähten, und die Trauben mit ihren prallen Beeren leuchten verheißungsvoll. Ein Weinstock war gestohlen worden, das war aber schon vor meiner Zeit als Nachtwächter.

Unfreiwillig hatte die Kirche also einen „Zehnten“ gegeben. Wer weiß, welche Datscha der Weinstock heute bereichert. Gott sorgt schon für Ausgleich: Kaum ein Tag verging im Juli und August, an dem die Mitarbeiter der Kirche nicht Kompott, Marmelade oder körbeweise Äpfel, Erdbeeren, Himbeeren oder Birnen geschenkt bekamen.

Stärker noch als das Kulinarische beeindruckte mich aber die lebendige Kultur Samaras. Ob es das Ballett „Лебединое озеро” (Schwanensee) im Großen Theater am Kuibischew-Platz war, eine Tschechow-Aufführung in der Камерная Цена (Kammerspiele), die vielen stets frisch gegossenen leuchtenden Blumen in den Parks oder die künstlerischen Arbeiten von Jugendlichen, wie ich sie im Общение поколений (Mehrgenerationenhaus) zu sehen bekam – der außerordentliche Sinn der Russen für Ästhetik hat sich mir vielfältig offenbart. Viele Namen wären noch zu nennen, Aljoscha etwa, ein Kirchenvorsteher, der meine Russischkenntnisse entschieden überschätzte und mit mir sprach wie mit einem Russen. Oder Alfija, mit der ich einige Inseln in der Wolga erkundete; mitten in der Wildnis sprachen wir zum Picknick Tischgebete. Oder Aljona und Anjuta, die beiden lebenslustigen Musikerinnen aus Uljanowsk, mit denen ich einen Monat das Quartier teilte – allen bin ich dankbar für Teilhabe und Teilnahme.

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Erstellt:
15. September 2013, 00:00 Uhr
Lesedauer:
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