Im Mittelpunkt der heutigen Folge des CJD-Projekts „Willkommen in Nienburg“ steht der Bericht von Jawid Sadeqi über seine ersten Tage beim Fernsehsender RTL.  Sadeqi

Im Mittelpunkt der heutigen Folge des CJD-Projekts „Willkommen in Nienburg“ steht der Bericht von Jawid Sadeqi über seine ersten Tage beim Fernsehsender RTL. Sadeqi

Nienburg 24.11.2018 Von Die Harke

Dilemma in der Mittagspause

CJD-Projekt „Willkommen in Nienburg“ / Heute: Jawid Sadeqi schildert seine ersten beiden Tage bei RTL

Im Mittelpunkt der heutigen Folge des CJD-Projekts „Willkommen in Nienburg“ steht der Bericht von Jawid Sadeqi über seine ersten Tage beim Fernsehsender RTL. Der Journalist aus Afghanistan schreibt:

Heute ist mein erster Ausbildungstag im RTL Fernsehen. Ich bin deutscher als deutsch und komme sogar ein paar Minuten früher als abgesprochen im Büro an. Der Preis dafür war, dass ich ohne Frühstück losgegangen bin.

Die Zeiger der Uhr kriechen ganz langsam Richtung Mittag. Oder ist es mein Hunger, der mir das so vorkommen lässt? Aber Geduld zahlt sich in der Regel aus. Ich erwarte, dass ich nach Stunden des Zwangsfastens mit meinen Kollegen zu Mittag esse. Ich bin sicher und freue mich, dass Kartoffeln dabei sind.

Meine Gedanken schweifen nach Afghanistan zurück: Unser Büro, die Mittagspause, Bohnen, Fleischeintopf, manchmal auch Auberginen mit Reis und die herrliche Stimme unseres Kochs, die zum gemeinsamen Essen aufrief.

Meine nette Kollegin sitzt neben mir. Bis vor ein paar Minuten war sie nett und freundlich zu mir. Seitdem sie ihr Essen aus der Küche geholt hat, wirkt sie ganz anders. Sie arbeitet und isst nebenbei. Manchmal schaut sie mich auch an, fragt mich aber kein einziges Mal, ob ich was mitessen möchte.

Sind alle netten und freundlichen Deutschen so? Sie reden mit dir, lächeln dich an, essen aber ihr Essen vor deinen Augen alleine.

Der andere Kollege sitzt vor mir. Er schaut auf seinen Monitor und stochert mit seiner Gabel im Gemüse und dem Salat, den er mitgebracht hat. Auch er ist geizig. Nicht mal ein paar grüne Blätter möchte er abgeben.

In Afghanistan läuft es ganz anders. Man möchte eigentlich sein Essen, sein Auto, sein Handy oder seine Kleider nicht teilen, aber man bietet immer wieder alles an: Bitte, bedienen sie sich, das ist für Sie. Und der Andere, selbst wenn er keinen Hunger hat, isst etwas, um nicht unhöflich zu wirken. Aber auch wenn er Hunger hat, lehnt er immer wieder ab mit der Begründung, dass er keinen Hunger hat, und isst nur ganz wenig mit.

In der Zwischenzeit haben alle Kollegen ihr Essen aus der Küche oder aus der Tasche geholt, doch nicht ein einziger bietet mir etwas an.

Für mein Verständnis als ein Afghane, der seit einiger Zeit in Deutschland lebt, ist es die absolute Unhöflichkeit. In unserer Kultur ist so ein Verhalten schier unmöglich.

Mit unerträglichem Hunger, umzingelt von leckeren Speisen und herrlichen Düften schwinden meine Kräfte zunehmend. Ich schaue nur noch auf die Uhr auf meinem Monitor. Heute Morgen bin ich hungrig ins Büro und heute Abend verlasse ich das Büro noch hungriger.

Aber dies war eine wichtige Lektion für mich: In Deutschland ist jeder für das Essen selbst verantwortlich. Es ist nicht wie in Afghanistan, wo nur einige kochen und der Rest mitisst.

Eine Stunde später komme ich zu Hause an, gebe meiner Frau ein Küsschen im Vorbeigehen und überfalle den Kühlschrank. Beim Essen erzähle ich ihr meine Leidensgeschichte. Sie lacht sich kaputt und verspricht, mir ab morgen eine Lunchbox mit leckeren afghanischen Speisen mitzugeben.

Am nächsten Tag bekomme ich eine Portion für mindestens vier Personen mit: Meine Frau ist der Meinung, dass ich selbstverständlich meinen Kollegen rechts und links auch etwas anbieten sollte. Am nächsten Tag ist alles wie gestern: Gegen Mittag fangen alle an zu essen. Ich entscheide mich für den deutschen Weg: das Essen aus der Tasche holen und alles ganz alleine essen. Es ist nicht einfach, aber heute möchte ich diese Kultursünde begehen. Aber irgendwie kann ich es nicht. Wie soll ich es machen? Soll ich es nur einem anbieten und den anderen nicht? Oder soll ich es allen anbieten? Was ist, wenn die es doch annehmen, jeder nimmt ein Happen und nachher bleibt nichts für mich übrig? Dann bleibe ich wieder hungrig. Das Dilemma ist so groß, dass ich mein Essen gar nicht auspacke und am zweiten Tag erneut hungrig das Büro verlasse.

Im Zug halte ich es nicht aus. Neben mir sitzt ein etwa 50jähriger Mann mit einem Buch in der Hand und einer Brille auf der Nase. Ich packe mein Essen aus und kulturreflektorisch biete ich ihm etwas davon an. Der Mann klappt sein Buch zu, bedankt sich und fängt an zu essen. Ich habe noch keinen Bissen zu mir genommen!

Der Mann mit der Brille: Das ist sehr lecker. Wo haben Sie es gekauft? Ich lachend: bei meiner Frau

Unterwegs erzähle ich ihm meine Geschichte von gestern und heute. Er lacht herzlich und isst dabei weiter. Das Essen ist aufgegessen und der Zug erreicht Nienburg. Ab morgen werde ich mich bemühen, die Bräuche der Gesellschaft, in der ich lebe, noch besser kennenzulernen.

Das nächste öffentliche Begegnungs-Café der Kirchengemeinde St. Martin findet am Dienstag, 27. November, um 16 Uhr im Gemeindehaus am Kirchplatz statt.

Jawid Sadeqi während seiner Tätigkeit beim Fernsehsender RTL. Sadeqi

Jawid Sadeqi während seiner Tätigkeit beim Fernsehsender RTL. Sadeqi

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Erstellt:
24. November 2018, 21:00 Uhr
Lesedauer:
ca. 3min 33sec

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