25.11.2012

Doktorspiel oder sexueller Übergriff?

Sozialpädagoginnen Schmidetzki und Stemme: 90 Prozent der Taten sind geplant

Von Edda Hagebölling

Nienburg. Sie erschleichen sich das Vertrauen der Eltern, sind Nachbarn oder Freunde der Familie oder arbeiten dort, wo Kinder sind. In pädagogischen Einrichtungen, bei der Kirche oder für Gruppen, die Freizeiten für Kinder und Jugendliche betreuen. „Wenn der Spaß aufhört“ haben Birgit Schmidetzki und Petra Stemme den vierten und zugleich letzten Themenkomplex genannt, der den Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern der Beratungsstelle für Kinder, Jugendliche und Erwachsene des Landkreises Nienburg auf den Nägeln brennt. Ein Bestandteil der Beratungsstelle, die seit mittlerweile 40 Jahren besteht, ist die Kontakt- und Informationsstelle gegen sexuelle Gewalt an Mädchen und Jungen. Dort ist die Diplom-Sozialpädagogin Birgit Schmidetzki seit dem Jahr 2000 tätig, Petra Stemme, ebenfalls Diplom-Sozialpädagogin, arbeitet seit eineinhalb Jahren dort.

Beide wissen aus ihrer täglichen Arbeit: nur zehn Prozent der sexuellen Übergriffe gegenüber Kindern und Jugendlichen passieren spontan. In den allermeisten Fällen haben sich die Täter – hin und wieder sind es auch Täterinnen – das Vertrauen ihrer Opfer erschlichen. Um es zu missbrauchen. „Und das ist das pervide,“ so die Beraterinnen. Die Hand des Freundes der Familie geht beim Vorlesen einer Gutenachtgeschichte unter den Pullover des Kindes, das die Eltern in seine Obhut gegeben haben. Die Bilderbücher entpuppen sich als Pornos.

Und sie erzählen weiter: Genau wie im schlechten Film setzt er das Opfer unter Druck, droht damit, dass ihm oder den Eltern etwas passiere.

Dabei sei die Chance, dass sich das Kind trotzdem einer anderen Person anvertraue, bei Kleinkindern am größten. „Ihnen gelingt es noch nicht so gut, ein Geheimnis für sich zu behalten, bei älteren Kindern ist das schon anders“, so Birgit Schmidetzki. Sie weist außerdem darauf hin: „Sexuelle Grenzüberschreitungen hinterlassen keine blauen Flecken, sind also nicht auf Anhieb sichtbar.“ Bei Jungen komme hinzu, dass sie Angst hätten, für schwul gehalten zu werden, wenn sie anderen davon berichteten, von einem Mann beim Doktorspiel angefasst worden zu sein. Nach Angaben der Sozialpädagoginnen sind 70 Prozent der Opfer weiblich, 30 Prozent sind männlich.

Die Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter der Beratungsstelle kommen häufig ins Spiel, wenn sich eine Erzieherin oder eine pädagogische Mitarbeiterin mit dem Verdacht, ein von ihr betreutes Kind könnte missbraucht werden, an sie wendet. „Wir sehen eine unserer Aufgaben darin, der Erzieherin den Rücken zu stärken, die Verantwortung mitzutragen und ihr das Handwerkszeug im Umgang mit dem Vorfall mitzugeben“, so Schmidetzki und Stemme.

Und natürlich auch darin, das Opfer und – gegebenenfalls – dessen Eltern zu beraten. Außerdem begleiten sie die Betroffenen, wenn sie sich entschließen, den Täter anzuzeigen. Dass ein solches Verfahren kein Zuckerschlecken ist, verschweigen die Sozialpädagoginnen nicht. Aber sie weisen auch darauf hin, dass die Verjährungsfrist erst beginnt, wenn das Opfer das 18. Lebensjahr erreicht hat.

Und natürlich wissen auch sie, dass es den Missbrauch mit dem Missbrauch gibt. „Aber eine geschulte Psychologin durchschaut ziemlich schnell, ob der Übergriff tatsächlich stattgefunden hat oder nur vorgetäuscht ist“, ist sich Birgit Schmidetzki sicher. Das sei im wahren Leben ganz anders als in den Gerichtsshows.

Zu erreichen ist die Beratungsstelle mit Sitz in der Rühmkorffstraße in Nienburg unter 05021/967-676 oder unter bkje@kreis-ni.de. Die Offene Sprechstunde (ohne Voranmeldung) findet dienstags von 9 bis 11 Uhr und donnerstags von 15 bis 17 Uhr statt.

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Erstellt:
25. November 2012, 00:00 Uhr
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